6 Irrtümer über Autismus, die wir ein für alle Male aufklären müssen

· 18. November 2018

Es gibt so viele Irrtümer über Autismus, die wissenschaftliche Fortschritte leider in den Schatten stellen und in unserer Gesellschaft noch weitverbreitet sind. Diese Glaubenssätze tragen ganz offensichtlich nicht dazu bei, dass wir ein angemessenes Bild von Menschen mit Autismus und dieser Kondition an sich zeichnen. Anstatt dessen gaukeln sie uns eine unangemessene und fehlerhafte Idee von dieser Erkrankung vor.

Es sind genau diese voreingenommenen Vorstellungen, die es Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung in der Gesellschaft so schwer machen. Deshalb ist es überaus wichtig, dass wir die am weitesten verbreiteten Mythen einmal genauer unter die Lupe nehmen. Unser Ziel sollte es sein, mit ihnen aufzuräumen und ein so realitätsnahes Bild wie möglich von dieser Krankheit zu zeichnen.

 „Autismus ist nicht wie ein Puzzle, bei dem ein Teil fehlt, sondern wie mehrere verschiedene Puzzles, bei denen es mal mehr und mal weniger Teile gibt.“

Donna Williams, bei der eine tiefgreifende Entwicklungsstörung diagnostiziert wurde

Autismus ist keine Tragödie, eine Tragödie ist die Ignoranz

Weitverbreitete Irrtümer über Autismus

1. Menschen mit Autismus mögen keine Menschen und wollen auf keinen Fall Beziehungen herstellen

Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung müssen sich nicht von anderen fernhalten, den Kontakt zu anderen verweigern oder ständig die Einsamkeit suchen. Viele Kinder genießen es sogar sehr, gekitzelt oder umarmt zu werden und wenn man mit ihnen spielt. Darüber hinaus wollen viele betroffene Jugendliche und Kinder einer sozialen Gruppe angehören, mit der sie sich identifizieren und gemeinsame Augenblicke, Hobbys und Interessen teilen können – ganz wie ihre Altersgenossen.

Vielleicht machen ihnen soziale Beziehungen Angst, weil ihr Verständnis von der sozialen Welt anders ist und sie Schwierigkeiten damit haben, übliche soziale Fähigkeiten zu entwickeln. Diese Angst resultiert in Reaktionen, die uns annehmen lassen, dass sie soziale Kontakte meiden wollten. Das ist allerdings nicht der Fall. Manchmal legen sie ausweichende Verhaltensweisen an den Tag, um Spannungen zu vermeiden. Der Wunsch nach sozialer Isolation ist aber nichts, was diese Menschen charakterisieren würde.

Wir haben die Verantwortung, unser Bild zu überdenken und in unseren sozialen Beziehungen weniger Spannung zu erzeugen. Augenkontakt fällt Menschen mit Autismus beispielsweise in vielen Fällen sehr schwer und ist für sie unangenehm. Wir sollten uns einfach darum bemühen, von einem autistischen Menschen nicht zu verlangen, uns direkt anzusehen oder ihn dafür zu verspotten, dass er in eine andere Richtung blickt.

„Ich höre dich besser, wenn ich dich nicht ansehe. Augenkontakt ist unangenehm. Die Menschen werden den Kampf, den ich kämpfe, um das tun zu können, nie verstehen.“

Wendy Lawson

Lachender Junge mit Autismus umgeben von Puzzleteilen

2. Es sei ihnen egal, ob sie zurückgewiesen werden, weil sie in ihrer eigenen Welt leben und sie das gar nicht wahrnehmen

Wir haben vielleicht das Gefühl, dass Menschen mit Autismus keine Verbindung zu anderen herstellen können. Aber es ist einfach so, dass sie sich auf einem anderen Weg, auf eine andere Art verbinden. Zu akzeptieren, dass nicht nur unsere Art der Verbindung und unser Interesse an der Welt „richtig“ ist, ist der erste Schritt, um diese Störung besser zu verstehen.

Die Wunde, die entsteht, wenn Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung abgelehnt werden, kann zur Entwicklung von Pathologien wie Depression und Angst führen. Das Gefühl, anders zu sein und ausgeschlossen zu werden, kann immense emotionale Schmerzen verursachen, besonders im Jugendalter, wenn der Wunsch nach einer romantischen Beziehung größer werden kann.

„Du solltest anerkennen, dass wir einander gleichermaßen fremd sind und dass meine Art, zu sein, nicht einfach eine schlechtere Version deiner Art ist.“

Jim Sinclair

3. Sie zeigen bei keinem Menschen Zuneigung oder Mitgefühl

Das ist einer der am weitesten verbreiteten und verletzendsten Irrtümer über Autismus. Diese Annahme kommt daher, dass die Art und Weise, wie Menschen mit Autismus Empfindungen und Gefühle ausdrücken, anders oder unkonventionell ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie deshalb keine Zuneigung kennen würden.

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen mögen Schwierigkeiten damit haben, in Worte zu fassen, was sie fühlen, aber sie lieben ihre Liebsten und empfinden Trauer und Freude sowie alle anderen Empfindungen und Gefühle.

Blauer Schmetterling auf einem See

4. Sie seien anderen Menschen gegenüber aggressiv und greifen auch sich selbst an

Aggressivität, selbstzerstörerisches Verhalten und andere Verhaltensprobleme sind keine autismustypischen Symptome. Obwohl es Betroffene gibt, die zu irgendeinem Zeitpunkt diese Art von Verhalten zeigen, dürfen wir nicht vergessen, dass diese Realität auf den Mangel an Kommunikationsmöglichkeiten zurückzuführen ist.

Wenn uns andere nicht verstehen oder wir nicht wissen, wie wir das, was wir wollen, unsere Gefühle oder einfach unsere Unruhe mit Worten oder Taten ausdrücken sollen, neigen wir Menschen dazu, uns aggressiv zu verhalten. Das gilt für uns alle, unabhängig davon, ob wir autistisch veranlagt sind oder nicht.

Beispielsweise haben Kinder mit einer normotypischen Entwicklung in der Regel im Alter von zwei bis vier Jahren intensive Wutanfälle. Das kommt daher, weil ihr Verstand in dieser Zeit ihrer Ausdrucksfähigkeit voraus ist, was Frustration und interne Konflikte erzeugt. Das ist nur ein Beispiel, das uns helfen soll, zu verstehen, dass Ausdrucksfähigkeit und kommunikative Möglichkeiten Hand in Hand mit unserem Verhalten und unserer emotionalen Ausdrucksweise gehen.

„Als die Wutanfälle begannen und der Besuch zu Ende ging, erwartete uns ein weiterer schrecklicher Abend und eine weitere schlaflose Nacht. Es ist nicht immer einfach, mit Menschen auszukommen, die Autismus nicht verstehen, oder schlimmer noch, mit Menschen, die stets davon ausgehen, dass sie mehr wüssten als du.“

Hilde de Crercq

Autistischer Junge hört Musik und schaut aus dem Fenster

5. Alle autistischen Menschen haben irgendeine Inselbegabung

Dieser Mythos wurde durch Serien, wie The Big Bang Theory  verbreitet, in der einer der Protagonisten, Sheldon, Symptome einer Autismus-Spektrum-Störung zeigt und eine enorme logisch-mathematische Fähigkeit besitzt. Darüber hinaus wurde berichtet, dass bei talentierten Menschen, wie Leo Messi oder Robbie Williams, Autismus-Spektrum-Störungen, genauer gesagt das Asperger-Syndrom, diagnostiziert worden seien.

Wir möchten uns an dieser Stelle von einer Antwort auf die Frage distanzieren, ob diese Aussage der Wahrheit entspricht oder nicht. Wir sollten einfach nur wissen, dass lediglich 10 % der Menschen, bei denen Autismus diagnostiziert wird, in einem bestimmten Bereich eine Inselbegabung besitzen. Wir sollten nicht glauben, dass eine Person, bei der Autismus diagnostiziert wird, automatisch ein Genie sein müsse. Diese Erwartung kann sowohl bei Familienmitgliedern als auch beim Betroffenen selbst große Frustration, ein Gefühl von Unfähigkeit und Versagensängste hervorrufen.

6. Autisten können ihre schulischen Leistungen weder verbessern noch dazulernen. Sie sollten daher keine normale Schulbildung erfahren

Alle Menschen mit Autismus entwickeln sich weiter und lernen ihr Leben lang. Einige legen dabei ein schnelleres Tempo an den Tag als andere, aber alle Menschen machen in verschiedenen Entwicklungsbereichen Fortschritte. Außerdem ist es sehr wichtig, dass alle Menschen, unabhängig von ihrem gesundheitlichen Zustand, die bestmögliche Bildung erhalten, nämlich eine integrative Bildung, die ihnen die Möglichkeit bietet, sich in einem ihren Bedürfnissen entsprechenden Umfeld zu entwickeln.

„Der ständige Wandel der Dinge gab mir nie die Möglichkeit, mich auf sie vorzubereiten. Deshalb tröstete es mich und mir gefiel es, Dinge immer und immer wieder zu tun.“

Donna Williams

Junge schaut auf viele voreinander aufgestellte Enten

Wie wir in diesem Artikel gezeigt haben, existieren derzeit diese sechs (und viele andere) Irrtümer über Autismus. Darüber hinaus vermitteln selbst Experten in Sachen Gesundheit und Bildung falsche Vorstellungen, die das Bild, das wir als Gesellschaft von dieser Krankheit haben, negativ beeinflussen. Deshalb ist es wichtig, dass wir unser Wissen der Realität anpassen und die Verantwortung übernehmen, jegliches Vorurteil abzulegen, das die Entwicklung betroffener Menschen einschränkt.