Die Angst vor der Zeit

20. Juni 2017 en Psychologie 0 Geteilt

Unser Zeitverständnis ist und bleibt einer der größten Widersprüche in sich. Einerseits ist die Zeit vom Menschen selbst erfunden worden und wir nutzen sie vielleicht bestmöglich aus. Andererseits sind wir auch Sklaven der Zeit. Wenn wir uns wünschen, dass etwas schnell passiert, dauert es immer ewig, bis wir bekommen, was wir wollen. Und auch andersherum verhält es sich so: Die schönsten Momente, von denen wir möchten, dass sie ewig andauern, gehen viel zu schnell vorbei. Im Warteraum der Notaufnahme kriechen die Sekunden nur so dahin und bei einem guten Essen mit Freunden in einem schönen Ambiente verfliegt die Zeit regelrecht.

So hat die Zeit die Angewohnheit, durch ihr Voranschreiten oder ihre bloße Existenz in uns Ungeduld, Unruhe oder sogar Angst auszulösen. Eine Angst, in der sowohl Besorgnis als auch die Vorwegnahme von Ereignissen eine Rolle spielen. Denn wir alle wissen, dass wir nicht alles kontrollieren können, was geschieht, und wir sind uns auch darüber im Klaren, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass nicht alles zukünftig Passierende positiv sein wird. So gern wir auch Hellseher spielen, hat das Leben selbst doch noch ein Wörtchen mitzureden.

„Die Zukunft gehört denen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben.“

Eleanor Roosevelt

Von der Uhr, die einen Minenarbeiter umbrachte

Schauen wir uns eine kleine Geschichte an. Die Geschichte beginnt mit ein paar Minenarbeitern, die ausweglos in einer Mine festsitzen. Glücklicherweise konnten sie die Außenwelt darüber informieren, was ihnen zugestoßen war, und sie warteten darauf, gerettet zu werden. Nachdem man ihre Situation abgeschätzt hatte, wurde ihnen mitgeteilt, dass man mindestens drei Stunden benötigen würde, um den Ausgang frei zu machen.

Doch gleichzeitig hätte die Decke über ihnen einstürzen können, da sie durch die Explosion, die ihnen den Ausweg versperrte, beschädigt wurde. In den Gesichtern der Arbeiter konnte man die Angst sehen, weil sie einen erneuten Erdrutsch befürchteten. Es waren erfahrene Minenarbeiter und sie wussten , dass sie innerhalb von Sekunden verschüttet werden konnten.

Nur einer der Minenarbeiter hat eine Uhr. Ständig fragen ihn die anderen nach der Zeit und man bemerkte, dass das die Angst aller nur noch schürte. So entschlossen sie sich, dass der Uhrbesitzer nur noch sagen sollte, wenn eine neue Stunde angebrochen war, und dieser bat die anderen, ihn nicht mehr nach der Zeit zu fragen.

Schließlich gelang es dem Rettungsteam, den Ort der Verschütteten ausfindig zu machen und die Minenarbeiter zu retten. Sie konnten allen das Leben retten, außer dem Uhrbesitzer, der in der Zwischenzeit einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Aber wieso? Weil er der Einzige war, der die ganze Zeit über mit Angst konfrontiert war und der dadurch enormem Stress ausgesetzt war. Dazu kam es ihm so vor, als würde die Zeit langsamer vorbeigehen, was er mit seinem Leben bezahlen musste.

„Nichts lässt uns schneller altern als ständig daran zu denken, zu altern.“

Georg Christoph Lichtenberg

Was können wir aus dieser Geschichte für uns mitnehmen?

Dass die Zeit, dieser Schatten erst dann über uns aufzieht, wenn wir sie nicht aus den Augen lasse,n und die Zeit wie im Flug vergeht, wenn wir ihr keine Beachtung schenken. Die Minenarbeiter, die keine Uhr hatten, mussten ihren Fokus gezwungenermaßen auf etwas anderes lenken und sich andere Gedanken machen, als ständig an den sich unaufhörlich bewegenden Uhrzeiger zu denken. So konnten sie sich darauf konzentrieren, darüber nachzudenken, was sie tun würden, nachdem sie gerettet worden wären.

Doch der eine Minenarbeiter, der das Unglück nicht überlebte, konzentrierte sich die ganze Zeit auf seine Angst. Wegen der Uhr konnte sein Verstand an nichts anderes als an die verstreichenden Minuten denken, was seine Angst nach und nach so verstärkte, dass er sie irgendwann nicht mehr aushalten konnte.

Wir selbst können entscheiden, ob wir der Minenarbeiter mit der Uhr oder die anderen ohne Uhr sein wollen, wenn uns das Voranschreiten der Zeit Angst macht. Wir können darüber entscheiden, ob wir möchten, dass unser Verstand pausenlos die Zeit überprüft oder ob wir anstatt dessen lieber an Schöneres und vor allem weniger Beängstigendes denken.

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