Die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung: soziale Isolation als Zufluchtsort

· 22. Februar 2018

Die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung tritt recht häufig auf. Sie zwingt sensible, vorsichtige Menschen, eingeschlossen in ihren einsamen Muscheln zu leben. Sie haben Angst davor, verletzt, verurteilt oder zurückgewiesen zu werden. Zudem haben sie ein außerordentliches Bedürfnis nach Flucht. Sie sind nicht in der Lage, ihre Ängste zu verarbeiten, und begegnen ihnen, indem sie sich zurückziehen. Sie bauen die Mauern ihrer eigenen Festung auf, bis sie hoch genug sind, um sich in ihr vor der Welt zu verstecken.

Diese Erkrankung wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von den Psychiatern und Eugenikern Bleuler und Kretschmer definiert. Allerdings ist sie nicht sehr bekannt. Nicht so sehr wie die Zwangsstörung oder die abhängige Persönlichkeitsstörung. Aber sowohl Historikern als auch Experten ist die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung ein Begriff. Viele von ihnen meinen, dass das beste Beispiel für die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung Emily Dickinson gewesen sei.

„Ich fürchte mich vor einem Mann der genügsamen Rede –
Ich fürchte mich vor einem leisen Mann –
Tiraden – können mich einholen –
Oder Schwätzer – unterhalten

Doch er, der lastet – Während der Rest –
Ihren weitesten Pfund erweitert –
Vor diesem Mann – bin ich skeptisch –
Ich befürchte, dass Er grandios ist -“

Emily Dickinson

Dr. Laurence Miller erklärt dies in seinem Buch From Difficult to Disturbed  (zu Deutsch: Von schwierig zu gestört). Die gefeierte Poetin hatte sich zunehmend von der Welt entfernt, bis sie sich schließlich völlig in ihr Zimmer zurückgezogen hat. Viele ihrer Verse spiegeln diese Weltabgeschiedenheit wider: „Doch der Morgen – er wollte mich nicht – also – gute Nacht – Tag!“  Sie zeigen sie im Schatten ihrer eigenen kleinen Welt. Sie zeigen, wie sie sich der Unbequemlichkeit stellt. Einer Unbequemlichkeit, die sie durch eine Gesellschaft erfahren hat, der sie sich nicht zugehörig fühlte. Eine, in der viele ihrer Beziehungen ihr mehr Enttäuschungen als Freude bereitet haben.

Wir wissen, dass eine Person diese ausweichende Tendenz Stück für Stück entwickeln kann. Und zwar so weit, bis sie zu einer Psychose führt, die oft eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik erfordert. Psychiater definieren diese Menschen und dieses Isolationsverhalten als „Schrumpfer.“ Und wir beobachten in jüngsten Jahren eine steigende Inzidenz derartiger Psychosen.

Gemalte Frau

Eigenschaften von Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung

Es gab eine Zeit, in der die Menschen dachten, dass eine Erziehung, die auf Kritik, Demütigung und Geringschätzung basiere, unweigerlich zu einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung führe. Doch heute wissen wir, dass zwei plus zwei niemals vier ergeben, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Im Universum der Persönlichkeitsstörungen wirken viele Kräfte. In anderen Worten: Jeder reagiert auf dieselben Umstände anders.

Der Diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen  beschreibt die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung als eine Form der Sozialphobie. In diesem Fall ist der Selbstwert so niedrig, dass die Person beginnt, ihre sozialen Fähigkeiten zu verlieren. Das geht so weit, dass sie schließlich die Isolation bevorzugt. Sie folgt dabei außerordentlich komplexen, dysfunktionalen Gedankenmustern und manövriert sich selbst in eine vollständig ich-dystonische Situation. Das bedeutet, dass sich all ihre Werte, Träume, Bedürfnisse und ihre Identität in einem ständigen Chaos befinden, dass ihr stark zu schaffen macht. Die geistige Erschöpfung, die daraus resultiert, ist gewaltig.

Doch Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung wissen ganz genau, was sie tun müssen, um ihre Situation zu verbessern. Denn in der Regel sind sie sehr intelligente Menschen. Allerdings bereitet ihnen die bloße Vorstellung, sich ihrer Phobie und ihren Gedanken zu stellen, Angst. Deswegen ziehen sie es vor, sich herauszureden und die Panik, die sie heute fühlen, erst am nächsten Tag zu lösen.

Mann, der auf Steinen das Meer überquert

Folgende Eigenschaften kennzeichnen Patienten mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung:

  • Das Gefühl, dass, egal was sie tun, sie immer abgelehnt, kritisiert und weggestoßen würden.
  • Übermäßige Eigenkritik. Sie sehen sich in jeder Hinsicht als inkompetente Menschen. Häufig sagen sie Dinge über sich selbst wie: „Ich bin für diese Welt nicht gemacht.“
  • Sie neigen dazu, Dysphorie zu zeigen. Sie kombinieren die Traurigkeit mit der Angst.
  • Sie verfügen über ein ganzes Arsenal an dysfunktionalen Gedanken: „Es ist besser nichts zu tun, als etwas zu versuchen und zu scheitern.“  Oder auch: „Menschen sind immer kritisch. Sie lieben es, andere zu demütigen und sind ihren Bedürfnissen gegenüber gleichgültig …“
  • Neben der sozialen Vermeidung üben sie noch drei weitere Arten der Vermeidung aus, nämlich die kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Vermeidung. Insbesondere, um nicht denken und die eigenen Emotionen verarbeiten und um nicht reagieren zu müssen. Auf diese Weise müssen sie sich nicht dem Problem stellen, das ihnen so viel Angst macht. Einem Problem, das sie selbst verursachen. Daraus resultiert eine Verstärkung des Zyklus, der die Angst am Leben erhält. Demzufolge wählen diese Menschen nach und nach die Isolation, um sich vor negativen Emotionen zu schützen.

Die Behandlung der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung

Eine Beziehung zu jemandem aufrechtzuerhalten, der eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung hat, ist oft anstrengend und erfolglos. Dafür gibt es mehrere Gründe: Der erste ist, dass Betroffene dazu neigen, zu denken, dass niemand – selbst der Fachmann nicht – ihre innere Welt verstehen kann. Sie glauben, dass sie wegen ihrer Gedanken, Vorstellungen und Bedürfnisse überall abgelehnt würden.

Wenn sich ein Psychotherapeut ihr Vertrauen erarbeitet und eine starke Bindung zu ihnen aufbaut, können Fortschritte erreicht werden. Doch wenn dieses Vertrauen nie aufgebaut wird, ist es unwahrscheinlich, dass die Persönlichkeitsstörung abklingt.

Dinge, an denen eine Person mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung während der Therapie arbeiten muss, sind folgende:

  • Das Umformulieren dysfuntionaler Systeme
  • Ihre automatischen Gedanken und ihre kognitive Verzerrung
  • Das Entdecken der Wurzeln ihres vermeidenden Verhaltens
  • Das Zurückdenken an die Erfahrungen, die Unbehagen ausgelöst haben
  • Die Stärkung sozialer Gewohnheiten, die ihnen in ihrem Alltag helfen
  • Das Erstellen eines Prozessdiagramms und das Verbessern ihres vermeidenden Verhaltens
  • Das Verbessern ihres Selbstbildes
  • Das Verbessern ihrer sozialen Fähigkeiten durch Gruppentherapie
Frau, die mit einem Papierherz spielt

Wie wir sehen, bedarf es mehrerer Strategien, um die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung zu behandeln. Verschiedene Ansätze können diesbezüglich verfolgt werden, wobei die kognitive Verhaltenstherapie, die Rational-Emotive Verhaltenstherapie, die Psychodynamische Psychotherapie und auch die systematische Desensibilisierung sich als besonders hilfreich erwiesen haben.

  • Cox BJ, Pagura J, Stein MB, Sareen J. The relationship between generalized social phobia and avoidant personality disorder in a national mental health survey. Depress Anxiety. 2009;26(4):354–36
  • Semerari, Antonio (2011) Los trastornos de la personalidad. Desclee de Brouwer 
  • Weinbrecht A, Schulze L, Boettcher J, Renneberg B. Avoidant personality disorder: a current review. Curr Psychiatry Rep. 2016;18(3):29