Der Schatten (Archetyp): die verborgene Seite unserer Psyche

Wir alle haben eine dunkle Seite, die wir tief in uns verbergen. Carl G. Jung bezeichnet diese Seite als Schatten. Erfahre heute mehr darüber.
Der Schatten (Archetyp): die verborgene Seite unserer Psyche
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 09. Dezember 2022

Der Schatten repräsentiert nach der analytischen Psychologie von Carl Gustav Jung die “dunkle Seite” unserer Persönlichkeit. Dieser Archetyp steht für die unterdrückten, sozial unerwünschten und negativen Persönlichkeitszüge: Egoismus, unangenehme Instinkte und das unerlaubte Selbst, das der bewusste Verstand ablehnt und das wir in den tiefsten Abgründen unseres Seins verbergen.

Im Gegensatz zur Persona, wie Jung unser öffentliches Gesicht bezeichnete, repräsentiert der Schatten unsere innere, dunkle und tierische Seite, die bösen und unmoralischen Gedanken und Leidenschaften. Robert Louis Stevenson beschrieb den Schatten oder die dunkle Kehrseite in seinem bekannten Klassiker “Der seltsame Fall des Dr. Jeckyll und Mr. Hyde” (1886).

Der Archetyp des Schattens bezeichnet all jene Zustände und Verhaltensweisen, die wir in unserer Gesellschaft als unmoralisch bewerten, dies bedeutet jedoch nicht, dass all diese Dynamiken automatisch verwerflich oder gefährlich sind, denn wir alle haben einen Mr. Hyde in uns, der nach draußen drängt.

Jung erklärte, dass es verschiedene Arten von Schatten gibt. Wenn wir uns darüber bewusst sind und uns dieser dunklen Seite stellen, können wir unser Wohlbefinden fördern und persönliche Freiheit erlangen.

“Die Kenntnis der eigenen Dunkelheit ist die beste Methode, um mit den Dunkelheiten anderer Menschen umzugehen.”

Carl G. Jung

fragmentierter Kopf stellt den Schatten dar

Der Schatten: die dunkle Seite des Menschen

Der Archetyp des Schattens steht in enger Beziehung zu Freuds Konzept des Unbewussten. Doch es gibt erhebliche Unterschiede, die uns daran erinnern, dass sich die intellektuelle Idylle zwischen Freud und Jung zu einem bestimmten Zeitpunkt abkühlte und schließlich zu Bruch ging.

Jung über Freud: “So sehr ich die Kühnheit seines Versuchs bewundere, sowenig stimme ich mit seiner Methode und ihren Resultaten überein.”

Der Schatten: die Merkmale des untergründigen Archetyps

Das Konzept des Schattens ist eine Idee, die in der Philosophie und Psychologie schon seit Langem untersucht und analysiert wird. Daher sind Forschungen wie die an der Universität von Hull aus therapeutischer Sicht interessant. Der Schatten ist alles, was der Mensch bei seinem Versuch, sich der Gesellschaft anzupassen, verdrängt:

  • Carl Gustav Jung übernahm den Begriff “Schatten” von Friedrich Nietzsche.
  • Diese Idee steht für die verborgene Persönlichkeit, die jeder Mensch in sich hat. Auf den ersten Blick scheinen die meisten von uns gut und edel zu sein. Wir unterdrücken jedoch bestimmte Dimensionen, negative Instinkte, hinter denen sich manchmal Gewalt, Wut und Hass verstecken.
  • Der Schatten kann auch in Gruppen vorkommen, etwa in Sekten oder auch in politischen Parteien. Es handelt sich um Organisationen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ihren Schatten ans Licht bringen, um Gewalttaten gegen die Menschheit zu rechtfertigen.
  • Der Schatten ist umso zerstörerischer, heimtückischer und gefährlicher, je mehr wir ihn “verdrängen”. Dann “projiziert er sich selbst” und führt so nach Jung zu Störungen wie Neurosen oder Psychosen.
  • Jung unterscheidet bei diesem Archetyp zwei Typologien: den persönlichen Schatten, den wir alle in uns tragen und der sich durch Frustrationen, Ängste, Egoismus und andere negative Dynamiken äußert; und den unpersönlichen Schatten, der die Essenz des archetypisch Bösen enthält, die unter anderem Völkermörder und skrupellose Mörder begleitet.

“Einen Menschen seinem Schatten gegenüberzustellen, heißt ihm auch sein Licht zu zeigen. Wenn man einige Male erlebt, zwischen beiden Gegensätzen zu stehen, beginnt man, zu verstehen, wer man ist. Wer zugleich seine Schatten und sein Licht  wahrnimmt, sieht sich von zwei Seiten und damit kommt er in die Mitte.”

Carl G. Jung

Carl G. Jung und seine Theorie über den Schatten als Archetyp
Das Konzept des Schattens ist das Gegenteil des idealen Selbst.

Wie erkennt man den Schatten?

Der Archetyp des Schattens ist die unbewusste Seite der Persönlichkeit, die verdrängten, als negativ definierten Dimensionen, die unser menschliches Potenzial behindern. Das Verständnis dieser dunklen Seite trägt zum psychischen Wohlbefinden bei und kann durch Selbstbeobachtung gefördert werden:

Interaktion mit anderen

  • Wenn uns eine Person emotional berührt und wir auf übertriebene Weise reagieren, projizieren wir wahrscheinlich unseren persönlichen Schatten auf sie. Wir schreiben anderen Reaktionen, Gefühle und Vorurteile zu, die wir selbst in uns tragen.
  • Beobachte, ob du andere oft kritisierst oder übertrieben beurteilst.

Umgang mit den Emotionen

  • Beobachte die Gefühle, die du unterdrückst.
  • Identifiziere alles, was dir Schmerz bereitet und versuche, die Gründe dafür herauszufinden.
  • Beobachte innere Blockaden, die deine Fähigkeit einschränken, deine Ziele zu erreichen.

Die Vorteile der Beziehung zu deinem Schatten

Wie Carl G. Jung in seinem Werk betonte, findest du die Erleuchtung nicht durch Lichtgestalten, sondern indem du dir über die Dunkelheit in dir bewusst wirst. Wie die Therapeutin Margaret Clark in ihrem Buch “Understanding the Self-Ego Relationship in Clinical Practice: Towards Individuation” erklärt, fördert die Arbeit an diesem Konzept unsere Individuation.

Weitere Vorteile sind:

  • Bessere Selbsterkenntnis
  • Vollständige Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit
  • Ein integriertes und stärkeres Ich
  • Angemessene, aufrichtige Kommunikation
  • Besserer Umgang mit den Emotionen und zwischenmenschlichen Beziehungen
  • Weniger Schuldgefühle, die sich aus bestimmten negativen Verhaltensweisen und Handlungen ergeben

Wie können wir mit unserem eigenen Schatten umgehen?

Es ist möglich, dass wir Jungs Theorie des Schattens auf einer theoretischen Ebene interessant finden, dass sie ihren Charme, ihre metaphorische Essenz und Mystik hat. Wir alle sehen in dieser Figur die klassischste Darstellung des Tabus, des Bösen und jener dunklen Dimension der menschlichen Persönlichkeit, die immer großes Interesse weckt. Aber können wir daraus eine praktische Anwendbarkeit für unser tägliches Leben ableiten?

Der Vater der analytischen Psychologie erinnert uns in Büchern wie “Die Archetypen und das kollektive Unbewusste” daran, dass unsere Aufgabe im Leben darin besteht, uns selbst uneingeschränkt zu akzeptieren. Das bedeutet, dass wir auch unseren Schatten integrieren müssen. Wenn wir ihn vernachlässigen und ihm erlauben, in seinem unbewussten Universum zu bleiben, kann er uns das Gleichgewicht und die Möglichkeit rauben, glücklich zu sein.

Sprich deine Ängste an

Wir dürfen nicht vergessen, welche Dynamiken das Konzept ausmachen, das wir Schatten nennen: Da sind unsere Ängste, die Traumata der Vergangenheit, die Enttäuschungen, die uns vergiften, und die unerfüllten Träume, die aufgrund von Unentschlossenheit zu frustrierten Dämonen werden. Wenn wir sie verstecken, werden sie stärker und wenn wir sie zum Schweigen bringen, kontrollieren sie uns und projizieren in vielen Fällen ein Bild von uns, das wir nicht mögen.

Achte auf deinen inneren Dialog

Eine Möglichkeit, unseren Schatten zu erkennen, besteht darin, unseren inneren Dialog zu verändern. Wir müssen beobachten, warum wir uns beschweren oder ärgern. Wenn du dich beispielsweise beklagst, weil dir niemand zuhört, frage dich, ob du dir selbst zuhörst.

Persönliches Wachstum und psychisches Wohlbefinden hängen von deiner eigenen Fähigkeit ab, deinen Schatten ans Licht zu bringen. Nach diesem Akt des Mutes beginnt eine heikle, aber wertvolle Arbeit, die dir hilft, dich selbst zu heilen, um Ruhe und Wohlbefinden zu finden.

Frau meditiert und denkt über ihre Schatten nach
Der Buddhismus bietet uns Werkzeuge, um an unseren Schatten zu arbeiten.

Jung und die buddhistische Psychologie

Der Buddhismus lehrt uns, dass wir von dem Moment an, in dem wir geboren werden, von der Gesellschaft konditioniert werden. Erfahrungen, erlernte Verhaltensweisen und Konditionierungen machen uns zu der Person, die wir sind. Im Buddhismus  werden die meisten dieser Konditionierungen nicht infrage gestellt, sondern meistens unbewusst akzeptiert.

Diese Lehre geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus gut ist. Die Schatten entstehen aus den Erfahrungen und der Konditionierung, werden jedoch nicht als gut oder böse interpretiert. Der Buddhismus spricht von glücklichen und unglücklichen Handlungen. Wir können die dunkle Seite durch Meditation beobachten, ohne sie zu beurteilen.

Wenn du deine Schatten erkennst und akzeptierst, anstatt sie zu verdrängen, kannst du eine neue Beziehung zu dir selbst und zu anderen aufbauen. “Wogegen du dich wehrst, bleibt bestehen”, so Jung. Die buddhistische Lehre kann dir helfen, deine Schatten zu akzeptieren und aus deinen Erfahrungen zu lernen, um dein Wohlbefinden zu fördern.

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