Den inneren Menschen stärken

"Was treibt mich im Leben an? Wie kann ich diese Kraft mir selbst und anderen in bester Weise zur Verfügung stellen?" Ein Gastbeitrag von Anja Mannhard
Den inneren Menschen stärken
Anja Mannhard

Geschrieben und geprüft von der Autorin, Illustratorin und Malerin Anja Mannhard.

Letzte Aktualisierung: 15. September 2023

Nach Meister Eckhart gibt es zwei Menschen in uns: den inneren und den äußeren Menschen. Wir würden unsere seelischen Kräfte zu sehr an den äußeren Menschen verschwenden, an vergängliche Güter. Zwar könne der äußere Mensch wohl aktiv sein, der innere aber sollte frei und unbeweglich vom äußeren Tun, das der Seele oftmals die Kraft mindert, in sich ruhen. Wie ein Türblatt, das sich bewegt, sei der äußere Mensch. Die Angel, in der die Türe hängt, ist ruhig und unverändert. Die Angel ist der innere Mensch.

Wie stärken wir den inneren Menschen? Wir bestimmen unseren Wert und nicht andere tun es. Wir kennen unsere Stärken und leben unsere Talente. Trotz mancher Schwächen nehmen wir uns an.

Unser Handeln steht in Übereinstimmung mit uns selbst. Auf unser Wort ist Verlass. Wir übernehmen Selbstverantwortung für unser Leben. Werden wir respektlos behandelt, behaupten wir uns. Wir vertreten unsere Interessen und Bedürfnisse in angemessener Weise. Den inneren Menschen stärken wir mit Selbstachtung, deren Zutaten ein positiver Blick auf uns selbst, Selbstvertrauen und Selbstliebe sind.

Die unbewegliche Angel und nicht das Türblatt einer Türe zu sein heißt, sich nicht zu fragen, wie man sein muss, um den Vorstellungen anderer zu entsprechen. Bessere Fragen sind: Was treibt mich im Leben an? Wie kann ich diese Kraft mir selbst und anderen in bester Weise zur Verfügung stellen?

Den inneren Menschen stärken - Anja Mannhard
© Anja Mannhard

Was gehört so tief zu mir, dass ich es nicht opfern will, auch wenn dies Spannungen in der äußeren Welt zur Folge hat? So sieht es der Psychotherapeut und Autor Jörg Berger aus Heidelberg. Er will “zu sich selbst stehen“, sich nicht missverstanden wissen. Missverstanden in dem Sinn, dass wir selbstbezogen von uns geben: “So bin ich halt!” Stattdessen können wir nicht nur uns selbst, sondern auch anderen Mut und Freude schenken, wenn wir zu uns stehen. Dies auf eine großzügige und liebevolle Weise, bei der wir nach Berger wagen, der Mensch zu sein, zu dem uns unsere Begabungen, Geschichte und Erfahrungen gemacht haben.

Die Psychotherapeutin und Autorin Bärbel Wardetzki aus München assoziiert zum Sinnbild von Meister Eckhart, dass wir unsere Gefühle und Bedürfnisse achtsam wahrnehmen sollten. Sind wir mit ihnen in einem guten Kontakt, können wir uns besser nach dem richten, wer und wie wir wirklich sind.

Wardetzki beschäftigt sich in mehreren Publikationen mit dem Narzissmus und sieht unsere äußere Welt eher narzisstisch geprägt. Hier laufen die Menschen Gefahr, den inneren Menschen mit einer äußeren Fassade zu überdecken. Identifizieren wir uns mit dieser Fassade, entfremden wir uns nach Wardetzki von uns selbst. Wir leben dann nicht im Kontakt mit unserem Inneren.

Der freie Trauerredner Joachim Beyer-Wagenbach aus Karlsruhe sieht im Äußeren einen Spiegel der inneren Dynamik und Thematik eines Menschen. Ist das Äußere mit dem Inneren nicht in einer guten Balance, wird das Leben störungs- und krisenanfällig.

Ursache ist nach Beyer-Wagenbach, dass der Mensch in der Tiefe seines Seins nicht in einer stimmigen Balance mit sich selbst ist. Er zieht als Beispiel die hohe Rate an seelischen und psychischen Erkrankungen in Sozial- und Gesundheitsberufen heran. Menschen wiederholen bestimmte Muster ihrer persönlichen Geschichte, bis ihnen der Preis, den sie zahlen, zu hoch wird, zum Beispiel ein Burn-out.

Wer die äußeren und inneren Zusammenhänge entdeckt und zu verstehen beginnt, kann sich nach Beyer-Wagenbach von Belastungen in der äußeren Welt ebenso wie von inneren falschen Einstellungen und persönlichen Mustern befreien und eine neue Perspektive einnehmen.

Den inneren Menschen stärken - Anja Mannhard
© Anja Mannhard

Der Gestalttherapeut und Autor Jorge Bucay stammt aus einer Familie mit arabisch-jüdischen Wurzeln und wuchs in Buenos Aires in einem überwiegend christlichen Viertel auf. Nach ihm gibt es kein Rezept, wie wir glücklich leben können. Jedoch hält er die persönlichen Antworten auf drei Fragen für wichtig, um ein erfülltes Leben zu führen: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem? (vgl. Bucay, J. 2007/6. Aufl. 2018 Drei Fragen. Frankfurt: Fischer).

Auf den Spuren dieser drei Fragen begegnen wir uns selbst in Aufrichtigkeit. Wir entscheiden, welchen Sinn wir im Leben finden wollen. Wir öffnen uns der Liebe und unseren Wegbegleitern.

Die Lyrikerin und Schriftstellerin Ingeborg Bachmann schrieb schon in ihrer Jugend Gedichte. Ein Gedicht mit dem Titel «Ich» sei an dieser Stelle teilweise zitiert:

«Sklaverei ertrag ich nicht

Ich bin immer ich (…)

Hier, so bin ich und so bleib ich

Und so bleib ich bis zur letzten Kraft.

Darum bin ich stets nur eines

Ich bin immer ich (…)»

(Aus: Ingeborg Bachmann. 1978/12. Aufl. 2020 Sämtliche Gedichte. München: Piper)

Anja Mannhard, Konstanz

© Bilder Anja Mannhard


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