Demütigung: Ein Angriff auf die Persönlichkeit

· 28. Oktober 2018

Einige Emotionen fühlen wir sehr intensiv. Schuld, Traurigkeit, Wut und Zorn sind Beispiele dafür. Aber es gibt ein Gefühl, welches so stark ist, dass es uns wirklich auseinanderreißen kann: das der Scham nach Demütigung. Scham ist eine äußerst unangenehme Emotion, die einen tiefen Eindruck in uns hinterlässt, nämlich das Gefühl, als wären wir wertlos, nur mittelmäßig, was auch immer wir tun, wir würden verspottet. Manchmal ist das ein Kreuz, das wir lange tragen.

„Es war mir immer ein Rätsel, wie sich Menschen durch die Demütigung ihrer Mitmenschen geehrt fühlen können.“

Mahatma Gandhi

Demütigung aktiviert Gehirnbereiche, die mit dem Schmerzempfinden verbunden sind

Forscher der Universiteit van Amsterdam (Niederlande) führten eine Studie durch, in der die emotionalen Reaktionen von 46 Freiwilligen verglichen wurden. Sie analysierten die Gehirnwellen der Teilnehmer, während diese Beleidigungen und Schmeicheleien auf einem Bildschirm sahen. Den Teilnehmern wurden auch Geschichten erzählt, in denen sie sich in die Protagonisten der dargestellten Szenen hineinversetzen mussten. Sie sollten durch Empathie eine Verbindung zu ihnen aufbauen. Zum Beispiel sollten sie in einer Situation auf einen Freund treffen, aber als dieser sie sah, drehte er sich um und ging.

Die Forscher fanden heraus, dass das Gefühl der Erniedrigung unmittelbar stärkere Gehirnaktivitäten verursacht als Freude und Wut. Obwohl Komplimente bei den Teilnehmern Gefühle der Freude weckten, war das Gefühl der Demütigung viel intensiver als dieses angenehme Gefühl. Dabei wurden Bereiche, die mit dem Schmerzempfinden verbunden sind, aktiviert. Aber das Erstaunlichste ist, dass selbst Wut der Scham nicht das Wasser reichen kann. Beleidigungen machten zwar viele Teilnehmer verärgert oder wütend, aber die Gehirnaktivität erreichte nicht die Ausmaße wie nach einer Demütigung.

Signale im Gehirn

Scham ist Alltag

Scham ist eine Emotion des täglichen Lebens. In der Tat sind viele Menschen nur in der Lage, zu kommunizieren, indem sie andere demütigen. Ihnen fehlt dabei das Einfühlungsvermögen, das sie brauchen, um auf nettere und subtilere Weise zu vermitteln, was sie sagen wollen.

Sagen wir zum Beispiel, eine Mutter lobt den Freund ihres Sohnes. Sie vergleicht ihren Sohn mit dem Freund. Ohne es zu merken, ordnet sie die Leistungen ihres eigenen Sohnes denen seines Freundes unter. Und wenn sie weitere Vergleiche zwischen ihrem Kind und dem Freund ihres Kindes anstellt, wird ihr Sohn eine immer größere Demütigung empfinden.

Wir sind oft in solchen Situationen, am Arbeitsplatz oder zu Hause. Das Gefühl der Scham dringt auch in unsere Beziehungen ein. Es passiert, wenn einer der Partner sich über den anderen lustig macht und dieser sich deshalb minderwertig fühlt.

Es ist eine unangenehme, intensive Emotion, die oft tiefe, schlecht heilende Wunden verursacht. Es beeinflusst unser Selbstwertgefühl und macht es uns schwer, es später wieder aufzubauen.

Frau schaut in den Spiegel

Demütigung und Selbstwertgefühl

Was können wir tun, wenn wir uns erniedrigt fühlen? Wie können wir vermeiden, dass Erniedrigung einen tiefen Eindruck auf uns macht? Wie können wir verhindern, dass sie uns so sehr belastet?

Das Geheimnis ist, uns selbst zu kennen und zu schätzen, der Meinung der anderen Person nicht mehr Macht zu geben als uns selbst. Zu wissen, wer wir sind und uns von niemandem etwas anderes einreden lassen. Zusammenfassend liegt die Lösung darin, auf unser Selbstwertgefühl zu achten, damit wir im Zweifelsfall unser Selbstvertrauen zurückgewinnen können.

Um dies zu tun, müssen wir auf unseren inneren Dialog achten, auf die Art, wie wir mit uns selbst sprechen. Machen wir uns selbst Komplimente oder sagen wir immer wieder: „Ich bin so dumm“, „Ich bin so schlecht darin“  oder „Ich bin ein Chaot“?

Wir müssen uns selbst gut behandeln, uns schätzen und lieben. Wenn wir tolerant gegenüber anderen sind, warum sollten wir nicht auch tolerant gegenüber uns selbst sein? Lernen wir uns selbst schätzen, sodass jeder Versuch, uns zu demütigen, an uns abprallt. Lassen wir Fehler zu, wir sind nicht perfekt. Wir können nicht verhindern, dass andere uns erniedrigen, aber wir können darüber bestimmen, wie uns das beeinflusst.

„Obwohl es ein Esel war, der mich aus dem Gleichgewicht gebracht hat, habe ich gelernt, dass man einen anderen Menschen erniedrigt, wenn man ihn unnötig grausam leiden lässt.“

Nelson Mandela

Jetzt, wo wir verstehen, dass Demütigung ein Angriff auf unsere Identität und ein Versuch ist, uns Schmerzen zuzufügen, können wir adäquate Maßnahmen ergreifen. Beginnen wir, uns selbst zu schätzen, uns nicht so sehr von äußerer Zustimmung abhängig zu machen und stattdessen an uns selbst glauben.