Das Night-Eating-Syndrom – nächtliches Essen

18. Mai 2019

Um dieses Thema zur Gänze zu verstehen, muss berücksichtigt werden, dass das Syndrom des Nächtlichen Essens mit Schlafstörungen oder aber auch mit Essstörungen einhergehen kann –  abhängig von dem Bewusstseinszustand, den die Person während des zwanghaften Essens aufweist. In jedem Fall handelt es sich bei diesem Syndrom um ein Problem, bei dem die betroffene Person in der Nacht aufsteht und unkontrolliert große Mengen an Nahrungsmitteln zu sich nimmt, wobei meist kalorienreiche Nahrungsmittel bevorzugt werden, die besonders viele Kohlenhydrate enthalten.

Es wird geschätzt, dass dies eine Störung ist, die 1,5 % der deutschen Bevölkerung betrifft und schwerwiegende Folgen für deren Gesundheit hat. Aus diesem Grund wollen wir in diesem Artikel darüber sprechen, was genau das Night-Eating-Syndrom ist und wie es sich manifestiert. Ebenso klären wir, warum dieses Problem überhaupt auftritt, welche Ursachen es hat und wie es behandelt werden kann. Denn obwohl es ein seltenes und eher unbekanntes Problem ist, verdient es unsere Aufmerksamkeit.

Das Night-Eating-Syndrom: Was ist es und welche Symptome es kennzeichnen

Das Night-Eating-Syndrom wurde im Jahr 1955 von Dr. Albert Stunkard erstbeschrieben und wird derzeit als Schlafstörung und nicht als Essstörung klassifiziert. Der Diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen  definiert es als eine Störung des Erwachens in der Nicht-REM-Phase des Schlafes oder auch als Essstörung, die nicht nach dem Bewusstseinszustand des Betroffenen während der Episode der unkontrollierten Nahrungsaufnahme spezifiziert wird. Im Folgenden wollen wir diese beiden Fälle näher betrachten.

Das Nächtliche Essen kann zu den Schlafstörungen oder Essstörungen gezählt werden, abhängig von dem Bewusstseinszustand, den die Person während der Episode des zwanghaften Essens hat.

Frau, die einen Donut isst

Wenn die Nahrungsaufnahme während des Schlafs erfolgt und die Person sich dessen nicht bewusst ist, sprechen wir vom nächtlichen Esssyndrom als eine Variante des Schlafwandelns: Diese tritt in der Phase IV des Schlafes auf, die durch langsame Wellen und einen sehr tiefen Schlaf gekennzeichnet ist. Was hier geschieht ist, dass die Person, zwangsweise und ohne es zu bemerken, aufsteht und isst. Das Ganze passiert unbewusst, obwohl sie wach zu sein scheint und dazu imstande ist, den Kühlschrank zu öffnen, zu kauen und zu schlucken. So wie beim Schlafwandeln führt sie also unbewusste Handlungen aus und erinnert sich am nächsten Morgen nicht mehr daran, was in der Nacht geschehen ist.

Auf der anderen Seite gibt es auch noch eine zweite Variante der nächtlichen Nahrungsaufnahme. Und zwar sind das jene Episoden, in denen die betroffene Person weiß, dass sie gerade isst und diese Erinnerung auch abspeichert. Hierbei spricht man von einer Esstörung, die nicht im Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen spezifiziert ist und als „Syndrom der nächtlichen Nahrungsaufnahme“ bezeichnet wird.

In diesem Fall ist auch eine zwanghafte Nahrungsaufnahme gegeben, wobei es jedoch eine gewisse Freiwilligkeit in diesem Verhalten gibt und der Patient sich im Nachhinein daran erinnert, was er getan hat. Während das nächtliche Essen als Schlafstörung unbewusst erfolgt, ist diese zweite Form dieses Syndroms lediglich ein Muster von zwanghaftem und nächtlichen Essen.

Was sind die Symptome des nächtlichen Essens?

Wenn die nächtliche Nahrungsaufnahme als Essstörung auftritt, ist die Diagnose leicht zu stellen, da ein häufiges Auftreten des zwanghafen Essens nach nächtlichem Aufstehen oder noch vor dem Einschlafen beobachtet werden kann. Das bedeutet, der Patient präsentiert Symptome, die darauf schließen lassen, dass er an einer Sucht nach Essen leidet: Denn selbst wenn er eigentlich gar nicht essen will und das Ziel hat, sein Gewicht zu reduzieren, wird gegessen. Obwohl es Betroffenen oft nicht leichtfällt, dies zuzugeben, handelt es sich um ein beobachtbares Verhalten, da der Betroffene stets bei Bewusstsein ist, wenn er nachts unkontrolliert isst.

Tritt das Night-Eating-Syndrom jedoch als Schlafstörung auf, können die Symptome schwer zu identifizieren sein. Die häufigste Art und Weise, wie diese Schlafstörung erkannt wird, ist, dass der Betroffene entdeckt wird, wie er schlafwandelnd isst oder dass er an Gewicht zunimmt, ohne zu wissen, warum. Außerdem ist zu registrieren, dass über Nacht Lebensmittel aus dem Kühlschrank verschwinden und sich niemand daran erinnert, diese gegessen zu haben. Doch ein Problem zu behandeln, dass in der tiefen Phase des Schlafs auftritt, ist sehr schwierig. Es ist besonders kompliziert, da die betroffene Person oft nicht in der Lage ist, zu akzeptieren, was ihr geschieht.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Night-Eating-Syndrom eine Essstörung oder auch eine Schlafstörung sein kann. Beide Varianten implizieren ein übertriebenes und zwanghaftes Essverhalten, das während der Nacht auftritt, wenn die Person bereits gegessen hat und eigentlich schon gesättigt ist, wobei vor der Diagnosestellung andere psychische oder psychiatrische Probleme ausgeschlossen werden müssen.

Frau isst nachts einen Hamburger

Warum tritt dieses Problem auf und was sind seine Ursachen?

Beim zwanghaften Essen, das als Essstörung klassifiziert wird, tritt das Problem auf, weil die Nahrung angesichts von Angstzuständen und Depressionen als Fluchtweg angesehen wird. Das Essen wird zur Bewältigungsstrategie für Beschwerden und Probleme. So verspürt die betroffene Person bei der nächtlichen Nahrungsaufnahme den Drang, Essen zu sich zu nehmen; nichts anderes kann sie beruhigen, nur das Essen.

Auf der anderen Seite handelt es sich bei den Episoden, in denen die Nahrungsaufnahme während des Schlafs auftritt, um ein Syndrom, dessen Ursache darin liegt, dass es beim „Erwachen“ einen „Misserfolg“ gibt. Die Person wacht auf, wenn sie eigentlich noch nicht dazu bereit ist und aktiviert dabei den Bewegungsapparat. Damit werden Automatismen oder erlernte Verhaltensweisen wie Gehen, Sprechen und Essen in Gang gesetzt. Daher sind sich die Menschen, die an dieser Variante des Syndroms leiden, ihres Verhaltens nicht bewusst, und so kann es geschehen, dass sie während des Essens aufwachen, ohne zu verstehen, was sie tun und wie sie dorthin gekommen sind.

Auf jeden Fall tritt das Night-Eating-Syndrom häufiger bei Menschen auf, die bereits an Fettleibigkeit leiden und lässt sich normalerweise auf hormonelle Ungleichgewichte, vor allem in Bezug auf Melatonin und Stresshormone, oder auf Imbalancen unter Neurotransmittern wie Serotonin zurückführen. Daher erklären verschiedene wissenschaftliche Studien, wie das nächtliche Essen erfolgreich mit der Verabreichung von Medikamenten wie selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs), Melatonin und Medikamenten, die stressreduzierend wirken, behandelt werden kann.

So führen diese Ungleichgewichte im Schlaf und im zirkadianen Rhythmus also zum nächtlichen Essen. Obwohl die Ursachen dieser Störung sehr vielfältig und heutzutage auch noch nicht vollständig verstanden sind, kann angenommen werden, dass Faktoren wie Angstzustände, Stress, Übergewicht und weitere Erkrankungen die häufigsten Auslöser sind. Strategien zur Bewältigung dieses Syndroms, die auf die Emotionen und nicht auf das Problem an sich ausgerichtet sind, bedürfen in der Regel einer Begutachtung aus psychologischer Sicht.

Das Essen verwandelt sich in eine Strategie, um mit Unwohlsein und Problemen fertig zu werden, und entwickelt sich in eine Sucht nach Essen. Aus diesem Grund verspürt die betroffene Person das dringende Bedürfnis, nachts Nahrung zu sich zu nehmen – und nicht kann sie beruhigen, bis sie isst.

Frau, die nachts vor dem Kühlschrank steht

Behandlung des Night-Eating-Syndroms

Die Intervention bei dieser Erkrankung muss multidisziplinär erfolgen: Ernährungswissenschaftler helfen der Person beim Abnehmen, Psychiater verabreichen die notwendigen Medikamente und Psychologen helfen ihr dabei, das Problem auf der Verhaltens- und der emotionalen Ebene zu lösen, sowie beim kognitiven Management des Zustands. Es muss jedoch beachtet werden, dass es sich nicht um eine Störung handelt, die nur auf physischer Ebene auftreten würde und eine einzige Folge hätte, wie zum Beispiel eine Gewichtszunahme. Vielmehr benötigen die Menschen, die Angstzustände und depressiven Symptome erleben, eine umfassende psychologische Behandlung.

Auf der anderen Seite gibt es auch eine Reihe von Verhaltensmaßnahmen, wie zum Beispiel das Verschließen des Kühlschranks mit einem Schlüssel, das Anschaffen von Systemen, die den Patienten aufwecken, sobald er aufsteht, und das Verlassen des Zimmers verhindern. Wenn das zwanghafte Essen als Essstörung auftritt, ist es auf alle Fälle notwendig, eine psychologische Therapie gegen die Schlaflosigkeit zu beginnen: Denn wenn aktiv verhindert wird, dass der Patient vor dem Schlafengehen noch etwas isst, können Probleme beim Einschlafen auftreten. In jedem Fall müssen eine Reihe von Änderungen bezüglich des Kontextes vorgenommen werden, die den Zugang zu Nahrungsmitteln erschweren.

  • de Zwaan M., Muller A., Allison K. C., Brahler E., & Hilbert A. (2014).Prevalence and correlates of night eating in the German general population. PLoS One, 9(5):e97667.
  • Zapp, A. A., Fischer, E. C., & Deuschle, M. (2017). The effect of agomelatine and melatonin on sleep-related eating: a case report.
  • Journal of Medical Case Reports, 11:275.