„Das Meer in mir“: Wenn das Leben nur noch eine Pflichtübung ist

15. April 2019

Das Meer in mir  ist ein mehrfach ausgezeichneter spanischer Film. Regie führte Alejandro Amenábar, die Hauptrolle übernahm Javier Bardem. Der Film basiert auf der wahren Geschichte des Ramón Sampedro, der querschnittsgelähmt ist und den Entschluss fasst, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Die Geschichte Sampedros steht im Kreuzfeuer der Kritik, denn es geht hier auch um das Thema aktive Sterbehilfe, die in Spanien gesetzlich verboten ist. Auch 20 Jahre nach Sampedros Tod ist die Beihilfe zum Selbstmord weiterhin illegal. Aus diesem Grund ist diese Geschichte auch heute noch brandaktuell.

Das Meer in mir  gab den Anllass zur Wiederaufnahme dieses Falles, der bereits teilweise gelöst worden war. Die Frau, die Sampedro beim Sterben half – Ramona Maneiro – war aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Später jedoch gab sie ihre Mitwirkung bei diesem Verbrechen zu. Inspiriert von dieser Geschichte kam im Jahr 2001 der erste Film dazu heraus. Er trug den Originaltitel Condenado a vivir  (zu Deutsch: Zum Leben verurteilt) und wurde kein großer Erfolg. Der zweite Film über das Thema, Das Meer in mir, hingegen, wurde international gefeiert und gewann 2004 einen Golden Globe und 2005 gar einen Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Trotz des Erfolgs des Films fand er in den Medien und in einigen Tetraplegiker-Gruppen ein negatives Echo. Sampedros Haltung dem Leben gegenüber wurde von diesen Gruppen kritisiert. Der Film jedoch handelt weniger von der Würde eines behinderten Menschen als vom Recht des Einzelnen auf einen würdigen Tod und die Freiheit, diesen zu wählen.

Sampedro hinterlässt nicht nur ein Vermächtnis in den Medien und in Filmen. Seine eigene Geschichte inspirierte ihn zu zwei literarischen Werken: Briefe aus der Hölle  und dem in Deutschland nicht erschienenen Gedichtband Cuando yo caiga  (zu Deutsch: Sollte ich fallen). Beide wurden erst posthum veröffentlicht. Alles zusammen machte Sampedro über die Grenzen des Landes hinaus bekannt.

„Man sagt, dass Menschen, die im Sterben liegen, sämtliche Ereignisse und Sorgen, die sie stets beschäftigt haben, wie ein Film durch den Kopf gehen.“

Ramón Sampedro

Szene aus dem Film "Das Meer in mir"

Das Meer in mir:  Leben oder Sterben?

Ramón Sampedro wurde 1943 in Galizien, Spanien, geboren. Er war Seemann und hatte mit 25 Jahren einen Unfall. Durch diesen Unfall war er für den Rest seines Lebens ans Bett gefesselt. Da er wusste, dass er sich nie wieder bewegen können und stets von der Pflege anderer Menschen abhängig sein würde, beschloss er, auf eine würdige Art zu sterben. Er wurde so zum ersten Spanier, der eine Petition für die Bewilligung von Sterbehilfe einreichte. Sein Fall wurde in den Medien und vor Gericht kontrovers behandelt.

Als er erkannte, dass vom Gesetz keine Hilfe zu erwarten war, beschloss er, sein Leben insgeheim zu beenden. Dazu brauchte er die Hilfe einer Freundin, Ramona Maneiro, denn als Querschnittsgelähmter konnte er dies nur schwerlich allein bewerkstelligen.

Er nahm ein Video auf, während er ein Glas Wasser mit Zyankali trank und erklärte, warum er es verdiene, in Würde zu sterben, und wie er seinen Tod erreichen wolle. Er stellte auch klar, dass niemand seines Todes wegen beschuldigt werden sollte, da er alles selbst geplant hatte und ihn einige seiner Mitmenschen nur dabei unterstützt hätten.

Im Film werden uns zum Teil gegensätzliche Ansichten zu Sampedros Entscheidung aufgezeigt. Da gibt es auf der einen Seite die Mitglieder seiner Familie, die nicht wollen, dass er stirbt. Sein Bruder sagt, dass es das Beste für ihn sei, weiterzuleben. Auf der anderen Seite stehen die Rechtsanwältin Julia und die Nachbarin Rosa, die ihm später dabei helfen, zu sterben.

Szene aus dem Film "Das Meer in mir"

Die Rolle der Nachbarin Rosa ist besonders wichtig. Zum Teil wurde sie von Ramona Maneiro selbst inspiriert, die Sampedro tatsächlich beim Sterben half. Nachdem sie ihn im Fernsehen gesehen hatte, entschied sie sich dazu, ihn persönlich zu treffen. Sie wollte ihn davon überzeugen, dass er seinen Wunsch, zu leben, wiederfinden könne. Sie verliebt sich jedoch in ihn und versteht und akzeptiert schließlich seine Entscheidung.

In der Zwischenzeit bringt Rechtsanwältin Julia den Fall vor Gericht. Anders als Rosa versteht sie Sampedro von Anfang an. Sie leidet nämlich selbst an einer Krankheit, bei der sich ihr Gesundheitszustand kontinuierlich verschlechtert. Daher denkt auch sie daran, Selbstmord zu begehen.

Warum aber wollte Sampedro sterben? Warum betonte er, dass sein Leben nicht lebenswert sei? Viele Gruppen stützen den Gedanken, dass ein Querschnittsgelähmter glücklich sein und in Würde leben kann. Nun, einer der kritischsten Momente in seinem Leben ist jener Augenblick, als ein querschnittsgelähmter Priester zu ihm kommt. Die zwei Männer beginnen über ethische, moralische und religiöse Themen zu sprechen. Der Priester besteht darauf, dass das Leben Gott gehöre. Das Leben sei mehr als nur laufen oder die Arme bewegen zu können. Man könne in einem Rollstuhl durchaus auf die würdigste Art und Weise leben. Sampedro lehnt diese Position nicht ab und versteht sie auch. Er will aber einfach nicht mehr weiterleben. Er gibt den Kampf gegen den Rollstuhl auf. Auch schließt der damit ab, den Rollstuhl zu akzeptieren. Er will lieber friedlich sterben.

Wenn man all dies hört, kann man zu der Ansicht kommen, dass es in dieser Situation keine „richtige“ oder einzig wahre Position gibt. Die Wahl, zu leben oder zu sterben, ist eine persönliche und individuelle Entscheidung, in die niemand eingreifen darf. Es erscheint uns sicherlich verrückt, eine andere Person zum Sterben zu zwingen. Aber wie sieht es aus, wenn man einen anderen Menschen zum Leben zwingt?

Das Meer in mir  zeigt die Kontroverse über das Thema Euthanasie

Tatsächlich ist die Euthanasie ein heikles Thema. Dabei geht es nicht nur um eine persönliche Entscheidung – es spielen auch andere kulturelle und religiöse Faktoren hinein. Für niemanden von uns ist es leicht, das Sterben zu akzeptieren. Aber zu akzeptieren, dass jemand anderes sich für den Tod entscheidet, ist mitunter noch komplizierter.

Szene aus dem Film "Das Meer in mir"

Für Sampedro war das Leben nur mehr eine Pflichtübung. Seine Behinderung war für ihn die Hölle. Anstatt dafür zu kämpfen, seinen Lebenswillen wiederzufinden, kämpfte er dafür, sterben zu dürfen. In Würde zu sterben, ohne dass man irgendjemandem die Schuld dafür geben müsste. Im Film Das Meer in mir  werden wir Zeugen eines Rechtsstreits, der bis zum heutigen Tag andauert.

In Ländern wie Belgien und den Niederlanden und in einigen Bundesstaaten der USA ist die aktive Sterbehilfe legal. Dort wird sie vom Gesundheitswesen getragen, da immer mehr Menschen sich dafür entscheiden, so zu sterben. Das heißt nicht, dass die Sterbehilfe immer populärer wird. Es gab sie ja schon immer – allerdings blieb sie im Dunkeln verborgen.

In Spanien gibt es eine offene Debatte über die Sterbehilfe: der kontroverse Fall des Ramón Sampedro, sein dokumentarisch gefilmtes Sterben und die Veröffentlichung des Films Das Meer in mir  haben dazu geführt. Die Debatte ist jedoch nicht von Bedeutung – denn wenn ein Mensch weiß, was er will, wird er alles in Bewegung setzen, um es in die Tat umzusetzen.

Die Familienglieder sind normalerweise am stärksten betroffen. Sie weigern sich, den Wunsch eines geliebten Menschen, sterben zu dürfen, zu akzeptieren. In diesem Fall können folgende Dinge auf dem Weg zur Akzeptanz des Todeswunsches führen: Verständnis, Liebe und sogar die Unterstützung eines Psychologen.

Wir können keine Person für ihre Entscheidungen oder ihre Handlungen verurteilen. Wir können auch niemanden zwingen, die eigene Meinung zu ändern. Was ist richtig? Vielleicht ja gar nichts. Es geht einfach nur darum, eine Entscheidung zu akzeptieren. Das Meer in mir  zeigt uns – egal ob wir damit einer Meinung sind oder nicht -, dass schlussendlich Liebe und Verständnis stärker sind als unsere Meinung zu jemand anderes Situation.

„Ein Leben ohne Freiheit ist überhaupt gar kein Leben.“

Zitat aus dem Film „Das Meer in mir“