Das Gleichnis vom Baum, der nicht wusste, wer er war

· 17. Februar 2019

Das Gleichnis vom Baum, der nicht wusste, wer er war  erzählt, dass es in einem entfernten Königreich einen Gärtner gegeben habe, der sein Handwerk geliebt habe. Eines Tages bat er den König um Erlaubnis, den schönsten Garten der Welt anzulegen. Es würde eine Weile dauern, aber das Ergebnis wäre die Mühe wert. Der König stimmte mit Begeisterung zu. Der Gärtner ging sehr behutsam vor und ließ die Pflanzen ein noch nie dagewesenes Schauspiel bieten.

Mit unendlicher Geduld pflanzte der Gärtner die Samen einzeln ein und suchte für jede der Pflanzen den besten Platz aus. Tag für Tag bewässerte und nährte er sie. Er wusste, dass Pflanzen edle Wesen sind und dass sie stets auf diejenigen zugehen, die sie schützen.

Mehrere Monate vergingen und schließlich begannen die ersten Stängel, die ersten Blätter, zu wachsen. Der Gärtner war überglücklich, diesen Reichtum an Leben zu sehen. Nach einer Weile blühten die Rosen auf. Sie füllten den Garten mit Farbe und Duft. Auch Gänseblümchen und Nelken wuchsen. Einige Zeit später begannen die Apfelbäume, ihre Früchte zu spenden, und alles wurde vom Aroma nach reifem Obst durchdrungen. Es gab jedoch eine Pflanze, die weder blühte noch Früchte trug.

„Deine Zeit ist begrenzt, also verschwende sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben.“

Steve Jobs

Der Baum, der nicht wusste, wer er war

Diese kleine Pflanze wuchs langsamer als die anderen. Sie dachte, es würde nur etwas länger dauern, bis sie blühen könnte, aber sie würde es auf jeden Fall noch tun. Deshalb wartete sie geduldig, aber nichts passierte. Das Gleichnis vom Baum, der nicht wusste, wer er war, erzählt weiter, dass mehr als ein Jahr vergangen sei und die einst kleine Pflanze keinerlei Anzeichen gezeigt habe, zu blühen. Nun hatte sie einen starken Stamm, Blätter und Äste, aber keine Blüte kam zum Vorschein, geschweige denn eine Frucht.

Der Rosenbusch, der sehr freundlich war, wollte ihr einen Rat geben. „Schau direkt in die Sonne“,  sagte er. „Ich habe der Sonne ins Gesicht geschaut und du siehst, wie ich aufgeblüht bin. Ich denke, du bist ein Rosenbusch und alles, was du brauchst, ist etwas mehr Licht und Wärme, damit du blühen kannst.“  Die kleine Pflanze hörte auf ihn und suchte daraufhin jeden Morgen lange Zeit nach der Sonne. Sie versuchte auch, sich zu dehnen, damit die Sonnenstrahlen sie besser erreichen könnten. Aber nichts. Keine Blüte wollte erscheinen.

Dem Gleichnis nach habe dann der Apfelbaum eingegriffen. „Der Rosenbusch weiß nicht, wovon er redet“,  sagte er. „Eigentlich bist du wie ich, ein Apfelbaum. Du musst nur mehr Wasser aufnehmen. Du wirst sehen, wie du in kurzer Zeit nicht nur blühst, sondern auch süße Früchte tragen wirst. Höre, was ich dir sage. Ich weiß, wovon ich rede.“

Die Pflanze, bereits ein kleiner Baum, hörte dem Apfelbaum aufmerksam zu. Sie dachte, vielleicht hätte er recht. Jedes Mal, wenn die Pflanzen gegossen wurden, nahm sie deshalb so viel Wasser wie möglich auf. Sie hat sich sehr bemüht, aber es war vergebens. Alles, was sie wollte, war, Blüten und Früchte zu tragen. Mehr noch, sie wollte wissen, wer sie ist. Und ein Apfelbaum zu sein, war etwas, das sie anzog.

Pflanze in der Hand

Ein Gleichnis über das Sein

Laut diesem Gleichnis sei die Zeit vergangen, ohne dass die Pflanze Blüten und Früchte gebildet hätte. Der Baum, der nicht wusste, wer er war, trug keine Rosenblüten, keine Äpfel. Was für ein merkwürdiger Baum sollte er sein, wenn er diesen Garten nicht mit Schönheit und Aroma füllen konnte? Welche Mängel hatte er, dass er nicht dazu in der Lage war, der zu sein, der er war? Tief im Inneren fühlte er sich allen anderen gegenüber minderwertig. Ein Baum, der nichts erzeuge, sei auch für nichts gut, wurde gesagt.

Er blieb in Traurigkeit versunken, bis eine Eule, der weiseste aller Vögel, zum Garten kam. Sie sah ihn so betrübt, dass sie sich auf einem seiner Zweige ausruhte und versuchte, sich mit dem Baum zu unterhalten. Der Baum, der nicht wusste, wer er war, erzählte ihr die Gründe für seine Traurigkeit. Dann bat die Eule um Erlaubnis, ihn sorgfältig zu untersuchen. Der Baum stimmte zu, während die anderen Pflanzen die Szene mit Neugier beobachteten.

Eule

Nachdem sie ihn von oben bis unten angeschaut hatte, setzte sich die Eule wieder auf einen der Zweige. „Ich weiß, was los ist“,  sagte sie vor all den erwartungsvollen Pflanzen. „Du bist kein Rosenstrauch, kein Apfelbaum oder sonst dergleichen. Du bist eine Eiche und musst nicht blühen oder Früchte tragen wie die anderen. Deine Bestimmung ist es, zum Himmel aufzusteigen und majestätisch zu werden. Du sollst das Vogelnest, die Zuflucht der Reisenden und der Stolz dieses Gartens sein.“

Als die Pflanzen das hörten, waren sie erstaunt. Der Baum, der nicht wusste, wer er war, hatte verstanden, dass er im Irrtum war, als er wie die anderen sein wollte. Der Rosenstrauch und der Apfelbaum waren ein wenig verlegen. Sie wollten ihm helfen, aber sie konnten es nicht, weil der Rosenstrauch wie ein Rosenstrauch und der Apfelbaum wie ein Apfelbaum dachte. Jeder hatte seine Lektion gelernt. Und so wurde der Garten zum schönsten Garten der Welt, mit der Eiche als größtem Stolz.