Clark L. Hull und der deduktive Behaviorismus

4. Mai 2019

Clark L. Hull verstand den Behaviorismus auf eine neuartige Art und Weise. Hull wollte die Grundprinzipien einer Verhaltensforschung definieren, um das Verhalten von Tieren verschiedener Arten sowie das individuelle und soziale Verhalten zu beschreiben. Bezeichnet wird das als deduktiver Behaviorismus.

Die von Hull aufgestellte Theorie war die detaillierteste und komplexeste der großen Lerntheorien, die im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts konzipiert wurden. Das Grundkonzept Hulls war die Macht der Gewohnheit, von der er sagte, dass sie sich in der Praxis festige. Gewohnheiten wurden von ihm als Reiz-Reaktions-Verbindungen beschrieben, die auf Belohnung basieren. Hulls Meinung zufolge würden Reaktionen, und nicht Wahrnehmungen oder Erwartungen, bei der Bildung von Gewohnheiten eine Rolle spielen. Dieser Prozess würde Schritt für Schritt stattfinden und die Belohnung sei eine wesentliche Voraussetzung.

Der deduktive Behaviorismus nach Clark L. Hull

Clark L. Hull gilt als „Neobehaviorist“. So schlug Hull vor, den Behaviorismus auf eine neue Art zu verstehen, die auf dem logischen Positivismus basierte, der in seiner Zeit dominierte. Ähnlich wie andere Autoren, die den Behaviorismus repräsentieren, glaubte Hull, dass menschliches Verhalten durch Konditionierung und Verstärkung erklärt werden könne. Die Reduzierung des Impulses wirke dabei als Verstärker dieses Verhaltens.

Diese Verstärkung wiederum erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass das gleiche Verhalten wieder auftrete, wenn in Zukunft das gleiche Bedürfnis bestehe. Um in seiner Umgebung zu überleben, müsse sich ein Individuum ja so verhalten, dass es seine Überlebensbedürfnisse erfüllen könne. So steige in einer Reiz-Reaktions-Verbindung – wenn dem Reiz und der Reaktion eine Verringerung des Bedarfs folge – die Wahrscheinlichkeit, dass derselbe Reiz in Zukunft die gleiche Reaktion hervorrufe.

Schwarzer Hund leckt sich die Schnauze

Hull wollte die Grundprinzipien einer Verhaltenswissenschaft definieren, um sowohl das Verhalten von Tieren als auch das des Menschen zu verstehen. Seine Theorie des deduktiven Behaviorismus schlägt die Gewohnheit als zentrales Konzept vor. Die Stärke der Gewohnheit hänge nach Hull davon ab, ob auf die Reiz-Reaktions-Verbindung eine Verstärkung folge, und von deren Größe, die wiederum mit der Reduzierung des mit einem biologischen Bedürfniss verbundenen Impulses in Beziehung stehe.

Hulls Lerntheorien wurden erstmals in einer Arbeit mit dem Titel Mathematico-Deductive Theory of Rote Learning (1940), die in Kooperation mit mehreren Mitarbeitern entstand, vorgestellt, in der er seine Ergebnisse durch Postulate ausdrückte, die sowohl in mathematischer als auch in verbaler Form niedergeschrieben wurden. Hull entwickelte diese Ideen in Principles of Behavior  (1943) weiter, wo er auf seine Weise erklärte, dass die Verbindung zwischen Reiz und Reaktion sowohl von der Art als auch vom Umfang der Verstärkung abhänge.

Clark L. Hulls Lerntheorie

Clark L. Hull war einer der ersten Theoretiker, die versuchten, eine umfassende Theorie zu entwickeln, die das gesamte Verhalten erklären sollte. Die von Hull in den 1940er Jahren entwickelte Lerntheorie ist bekannt als die neobehavioristische Triebtheorie. Hull basierte seine Theorie auf dem Konzept der Homöostase, der Idee, dass der Körper aktiv daran arbeite, einen bestimmten Gleichgewichtszustand zu erhalten.

In Anlehnung an diese Idee schlug Hull vor, dass alle Motivation als Ergebnis dieser biologischen Bedürfnisse entstehe. So benutzte Hull in seiner Theorie den Begriff „Impuls“, um sich auf den Zustand der Spannung oder Erregung zu beziehen, der durch biologische oder physiologische Bedürfnisse verursacht wird. Impulse wie Durst, Hunger und Kälte erzeugen dabei einen unangenehmen Zustand, eine Spannung. Um diesen Spannungszustand zu reduzieren, suchen Mensch und Tier nach Wegen, ihre biologischen Bedürfnisse zu befriedigen (Trinken, Essen, Unterschlupf suchen usw). Weiterhin war Hull der Meinung, dass Menschen und Tiere jedes Verhalten wiederholen würden, das diese Impulse reduziere.

Die Theorie von Hull basiert zudem auf der Idee, dass sekundäre Einheiten im Gegensatz zu primären oder angeborenen Einheiten, also biologischen Bedürfnissen wie dem Wunsch nach Sozialisation, Wasser und Nahrung, durch Konditionierung erlernt werden und indirekt primäre Einheiten befriedigen, da sie helfen, für soziale Teilhabe, Lebensunterhalt usw. sorgen zu können.

Diese multiplen sekundären Einheiten treten auf, wenn das Individuum mit mehr als einem Bedürfnis konfrontiert wird. Der Zweck hierbei ist es, die Störung des Gleichgewichts zu korrigieren, die unangenehm ist, was bedeutet, dass Verhalten erlernt und konditioniert wird, sobald, und nur, wenn es einen primären Impuls befriedigt.

Frau trinkt ein Glas Wasser und befriedigt damit einen primären Impuls

Hull entwickelte auch eine Möglichkeit, diese Theorie auf mathematische Weise auszudrücken, die wie folgt lautet:

sEr = V x D x K x J x sHr – sIr – Ir – sLr – sOr

In dieser Formel enthalten sind:

  • sEr: Erregungspotenzial oder Wahrscheinlichkeit, dass ein Organismus eine Reaktion (r) auf einen Stimulus (s) erzeugt
  • V: Gewohnheitsstärke, bestimmt durch die Anzahl der Vorbedingungen
  • D: Antriebskraft, bestimmt durch das Ausmaß der biologischen Entbehrung
  • K: Anreizmotivation oder die Größe bzw. der Umfang des Ziels
  • J: die Verzögerung, bevor der Organismus nach Verstärkung suchen kann
  • sHr: reaktive Hemmung oder Müdigkeit
  • slr: bedingte Hemmung, verursacht durch den vorherigen Mangel an Verstärkung
  • sLr: Reaktionsschwelle, die geringste Verstärkung, die das Lernen hervorrufen wird
  • sOR: zufälliger Fehler

Laut Hull entspreche der Hauptbeitrag der neobehavioristischen Triebtheorie weitgehend der Eliminierung und Reduzierung von Impulsen, die die Aktivität der Menschen solche behindern können, was eine Zunahme des menschlichen Potenzials impliziere, da der Mensch durch die Befriedigung seiner wahren Bedürfnisse seine Leistung verbessern und damit mehr Erfolg im Leben haben könne.

Schlussbemerkungen

Kritiker halten den deduktiven Behaviorismus für zu komplex oder sind der Meinung, dass er die menschliche Motivation aufgrund von Verallgemeinerungen nicht angemessen erkläre.

Eines der größten Probleme hinsichtlich der neobehavioristischen Triebtheorie von Clark L. Hull ist, dass sie nicht berücksichtigt, wie sekundäre Verstärkungen Impulse reduzieren. Im Gegensatz zu primären Impulsen, wie Hunger und Durst, tragen sekundäre Verstärkungen nicht dazu bei, die physiologischen und biologischen Bedürfnisse auf direkte zu reduzieren. Eine weitere wichtige Kritik an dieser Theorie ist, dass sie nicht erkläre, warum Menschen Verhaltensweisen an den Tag legen, die ihre Impulse nicht einschränken.

Auf jeden Fall beeinflusste dieser Ansatz aber später aufkommende Theorien und Erklärungen in der Psychologie. Viele der Motivationstheorien, die in den 1950er und 1960er Jahren entstanden sind, basieren auf Hulls ursprünglicher Theorie oder konzentrierten sich auf die Bereitstellung von Alternativen zur neobehavioristischen Triebtheorie. Ein großartiges Beispiel ist die berühmte Bedürfnispyramide von Abraham Maslow, die als Alternative zu Hulls Theorie entstand.

  • Hull, C. L., Hovland, C. I., Ross, R. T., Hall, M., Perkins, D. T., & Fitch, F. B. (1940). Mathematico-deductive theory of rote learning: a study in scientific methodology. Oxford, England: Yale Univ. Press.
  • Hull, C. L. (1943). Principles of behavior: an introduction to behavior theory. Oxford, England: Appleton-Century.
  • Leahey, T. (1998). Historia de la psicología. Madrid: Prenti Hall.