Bobo-Doll-Studie, ein Experiment über Aggressionen

Mit der Bobo-Doll-Studie versuchte Albert Bandura seine Theorie des sozialen Lernens zu beweisen. Erfahre heute mehr über dieses Thema.
Bobo-Doll-Studie, ein Experiment über Aggressionen
María Prieto

Geschrieben und geprüft von der Psychologin María Prieto.

Letzte Aktualisierung: 22. Dezember 2022

Zwischen 1961 und 1963 führte der kanadische Psychologe Albert Bandura ein Experiment durch, in dem er die Reaktion von Kindern auf erwachsene Vorbilder, die sich gegenüber einer Puppe aggressiv verhielten, untersuchte. Tatsächlich ist die Bobo-Doll-Studie der empirische Beweis für eine seiner bekanntesten Theorien, die Theorie des sozialen Lernens.

Diese Theorie besagt, dass ein Großteil des menschlichen Lernens durch den Kontakt mit dem sozialen Umfeld erfolgt. Indem du andere beobachtest, erwirbst du bestimmte Kenntnisse, Fähigkeiten, Strategien, Überzeugungen und Einstellungen. Der Einzelne lernt also über den Nutzen, die Erwünschtheit und die Konsequenzen verschiedener Verhaltensweisen, indem er sich bestimmte Vorbilder ansieht und handelt, um die erwarteten Ergebnisse zu erzielen.

“Lernen ist bidirektional: Wir lernen von der Umwelt, und die Umwelt lernt und wird durch unser Handeln verändert.”
Albert Bandura

Die Forschungen von Albert Bandura

Albert Bandura gilt als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten auf dem Gebiet des sozialen Lernens. Für seine Beiträge zur Psychologie hat er die Ehrendoktorwürde von Universitäten in mehreren Ländern erhalten. In einer Umfrage aus dem Jahr 2002 wurde Bandura nach Skinner, Freud und Piaget als der viertmeistzitierte Psychologe aller Zeiten eingestuft.

Bandura war mit der behavioristischen Position nicht einverstanden, weil er davon überzeugt war, dass sie die soziale Dimension des menschlichen Verhaltens unterschätzt. Deshalb konzentrierte er sich in seinen Studien auf die Interaktion zwischen den Lernenden und der Umwelt, um Lernprozesse zu erklären.

Bobo-Doll-Studie von Albert Bandura

Im Jahr 1961 begann dieser Forscher, verschiedene Methoden zur Behandlung übermäßig aggressiver Kinder zu analysieren und den Ursprung der Gewalt in ihrem Verhalten zu identifizieren. Zu diesem Zweck startete er seine berühmte und weltbekannte Forschung: die Bobo-Doll-Studie. Erfahre anschließend, worum es darin geht.

Dies Bobo-Doll-Studie

Albert Bandura entwickelte dieses Experiment, um eine empirische Grundlage für seine Theorie zu schaffen. Die erzielten Ergebnisse veränderten den Kurs der Psychologie zu dieser Zeit, denn die Bobo-Doll-Studie war wegweisend im Bereich des aggressiven Verhaltens bei Kindern.

Merkmale der Studie

Die Grundlage des experimentellen Prozesses war der Nachweis, dass Kinder bestimmte Verhaltensweisen durch die Nachahmung der Handlungen erwachsener Modelle erlernen. An der Studie nahmen 36 Jungen und 36 Mädchen im Alter zwischen 3 und 5 Jahren teil. Alle waren Schüler des Kindergartens der Universität Stanford.

Die Kinder wurden in 3 Gruppen aufgeteilt: 24 wurden dem aggressiven Modell ausgesetzt, 24 dem nicht-aggressiven Modell, der Rest bildete die Kontrollgruppe. Die Gruppen wurden außerdem nach Geschlecht (Jungen und Mädchen) unterteilt. Dabei stellten die Forscher sicher, dass die Hälfte der Kinder den Handlungen von Erwachsenen des gleichen Geschlechts und die andere Hälfte denen des anderen Geschlechts ausgesetzt war.

Sowohl in der aggressiven als auch in der nicht-aggressiven Gruppe beobachtete jedes Kind einzeln das Verhalten eines Erwachsenen gegenüber der Bobo-Puppe (einer anderthalb Meter hohen aufblasbaren Plastikpuppe, die beim Schwingen ihr Gleichgewicht wiederfindet).

Vorgehensweise

Im aggressiven Modellszenario spielte der Erwachsene zunächst etwa eine Minute lang mit den Spielsachen im Raum. Nach dieser Zeit begann die Person mit aggressivem Verhalten gegenüber der Puppe, indem sie diese schlug und zum Teil einen Spielzeughammer dafÜr verwendete.

Bei dem nicht-aggressiven Modell spielte der Erwachsene einfach mit der Puppe. In der Kontrollgruppe wurde vorher keine Interaktion mit einem Modell beobachtet.

Später wurden die Kinder nacheinander in den Raum mit den Spielzeugen und der Bobo-Puppe gebracht. Sie wurden mit Kameras aufgenommen, um ihr Verhalten festzuhalten, nachdem sie die Handlungsweisen der erwachsenen Models beobachtet hatten.

die Bobo-Doll-Studie

Schlussfolgerungen der Bobo-Doll-Studie

Bandura fand heraus, dass Kinder, die dem aggressiven Modell ausgesetzt waren, mit größerer Wahrscheinlichkeit körperlich aggressiv handeln als die Kinder der anderen Gruppen.

Die Ergebnisse bezüglich der geschlechtsspezifischen Unterschiede stützten Banduras Vorhersage, dass Kinder stärker von Modellen ihres Geschlechts beeinflusst werden.

Außerdem war die Zahl der körperlichen Angriffe bei den Kindern der aggressiven Gruppe bei den Jungen höher als bei den Mädchen. Das heißt, dass Jungen mehr Aggressionen zeigten, wenn sie den aggressiven männlichen Vorbildern ausgesetzt waren.

Andererseits wurde 1965 eine ähnliche Studie durchgeführt, um die Auswirkungen von Belohnung oder Bestrafung von fehlerhaftem und gewalttätigem Verhalten zu ermitteln. Die Ergebnisse bestätigten die Theorie des Beobachtungslernens: Wenn Erwachsene für gewalttätiges Verhalten belohnt werden, ist es wahrscheinlicher, dass die Kinder die Puppe weiterhin schlagen. Wenn die Erwachsenen jedoch gemaßregelt werden, hören die Kinder folgerichtig auf, die Bobo-Puppe zu schlagen.

“In jeder Gesellschaft und in jedem Kollektiv gibt es oder muss es einen Kanal geben, eine Ausgangstür, durch die die in Form von Aggressivität angesammelten Energien freigesetzt werden können.”

Frantz Fanon

Kritik an der Bobo-Doll-Studie

Wie bei allen Theorien war auch die Theorie des sozialen Lernens von Bandura nicht frei von Kritik. Die wichtigsten Kritikpunkte an diesem Experiment waren folgende:

  • Kritiker wiesen darauf hin, dass es sich bei den Versuchspersonen um Kinder von Stanford-Studenten handelte, die alle wohlhabend und ausschließlich kaukasisch waren, was die Stichprobe auf ganz bestimmte rassische und sozioökonomische Parameter beschränkte.
  • Auch die Dauer des Experiments wurde kritisiert, da eine Vielzahl äußerer Einflüsse und unbekannter Faktoren zwischen den Studien 1961 und 1963 auf die Kinder eingewirkt haben könnten, ganz zu schweigen von ihrer eigenen Entwicklung.
  • Die teilnehmenden Kinder könnten nicht aus stellvertretender Aggression heraus gewalttätig gehandelt haben, sondern auch aus bloßer Nachahmung der Erwachsenen oder aus dem Wunsch heraus, ihnen zu gefallen.
  • Die Form und die Eigenschaften der Puppe luden ausdrücklich dazu ein, sie zu stoßen und zu schlagen, was die externe Validität des Experiments zerstören würde.
  • Im Jahr 2001 entdeckten Wissenschaftler, dass sich der Frontallappen erst im Alter von 8 Jahren deutlich entwickelt, was Kinder daran hindert, den Wert ihrer Handlungen zu beurteilen und die Realität von der Fantasie zu trennen.
  • Und natürlich wurde darauf hingewiesen, dass die Theorie des sozialen Lernens, die in diesem Experiment getestet wurde, den entscheidenden Einfluss von genetisch bedingten Persönlichkeitsmerkmalen, dem Entwicklungsstand des Gehirns und Unterschiede beim Lernen nicht berücksichtigte.

Wie wir sehen, neigen Kinder dazu, das nachzuahmen, was sie in ihren Vorbildern oder Bezugspersonen sehen. Deswegen ist es notwendig, auf die Verhaltensweisen und Einstellungen zu achten, die wir sowohl in der Familie als auch im erzieherischen Umfeld an den Tag legen.

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