Wieso misstrauen wir einigen Menschen von Beginn an?

14. November 2017 en Psychologie 0 Geteilt
Labyrinth aus Bäumen, Zweigen und Blättern

Es kommt vor. Wir misstrauen einer Person, ohne sie gut zu kennen. Es ist wie eine innere Stimme, die uns sagt: „Mach, dass du wegkommst.“  Wie ein kalter Wind, der uns in die entgegengesetzte Richtung treibt, und der von einem natürlichen Instinkt angefacht wird und uns in Alarmbereitschaft versetzt. Aber sofortiges Misstrauen ist kein weiser „Radar“ in unseren Genen, den wir von unseren Vorfahren vererbt bekommen haben. Noch ist es etwas Übernatürliches oder Hellseherei. In Wirklichkeit ist es einfach ein Überlebensmechanismus.

„Allem und jedem zu misstrauen, aus Angst, wieder einen Fehler zu begehen, wird uns davon abhalten, das Leben in vollen Zügen zu genießen.“

Wenn es etwas gibt, auf das unser Gehirn vorbereitet ist, ist es, Risiken vorauszusehen. So sind wir fähig, körperliche und psychische Gefahren zu vermeiden. Denn wir hören das sanfte Echo in unserem Unterbewusstsein, dass uns rät, Distanz zu wahren. Es muss jedoch auch klar sein, dass unsere innere Stimme manchmal versagt, dass erste Eindrücke nicht immer richtig sind. Und dass es Menschen gibt, die es damit übertreiben, sich auf ihren angeblichen Instinkt zu verlassen.

Du erinnerst mich an jemanden, der mich verletzt hat

Elena ist 32 Jahre alt. Sie und ihr Mann bringen ihren Sohn zum Kinderkardiologen. Ihr Sohn ist 5 Jahre alt und leidet an einer Herzkrankheit, die vierteljährliche medizinische Untersuchungen erfordert. Als sie in das Arztzimmer kommen, gibt ihnen der neue Arzt die Hand und beginnt, das Kind zu begrüßen und dann zu untersuchen.

Elena bemerkt etwas Seltsames, während sie den Arzt beobachtet. Er hat etwas an sich, was sie nicht mag. Sein Lachen ist ihr unangenehm, dieses falsche, schleimige Grinsen. Sie mag auch nicht die Art, wie er mit ihrem Sohn spielt, wie er sich bewegt und seine Haare zurückgegelt trägt.

Während der 20-minütigen Untersuchung hat sie kaum vernommen, was der Arzt ihnen gesagt hat. Aber das war für sie auch gar nicht nötig. Nach Abschluss der Untersuchung und Verlassen der Praxis sagt sie ihrem Mann, dass sie sofort den Arzt wechseln würden. Und die heutige Untersuchung wolle sie durch einen anderen Kardiologen wiederholen lassen.

Als ihr Mann sie nach dem Warum fragt, sagt sie nur: „Er scheint nicht vertrauenswürdig.“  Ihr Mann sagt nichts weiter, er vertraut ihrer Meinung und ist einverstanden, einen neuen Arzt zu suchen. Elene jedoch behält den wahren Grund für sich. Sie trägt etwas in sich, dass sie ihrem Mann nicht offenlegen will…

Sofortiges Misstrauen kann uns vor Gefahren bewahren

Als Elena 9 Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern, und sie lebte bei ihrer Mutter und deren Freund. Zwei Monate, nachdem sie zusammengezogen waren, begann der Mann mit dem wächsernen Lächeln und den zurückgegelten Haaren, sie zu missbrauchen. Nach ungefähr einem Jahr ging ihre Mutter nicht mehr aus dem Haus. Es war ein dunkler Albtraum mit dem Geschmack von Tränen, an den sie sich nicht erinnern wollte, und der erst dann endete, als sie den Lehrern an ihrer Schule erzählte, was sie erlebte.

Wir misstrauen, da unsere Amygdala weiterhin unser Verhalten steuert

Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Kinderkardiologe, den Elena und ihr Mann aufsuchten, ein hervorragender Arzt und eine vertrauenswürdige Person war. Elenas Gehirn jedoch identifizierte ihn als feindselig, aufgrund der traumatischen Erfahrungen, die sie gemacht hatte. Was wir abstoßen, alles, was wir vermeiden, und was uns Unbehagen verursacht, sagt etwas über uns aus.

Unser gesamter Lebensweg brennt sich in unser Unterbewusstsein ein, und in diejenigen Gehirnstrukturen, die mit dem emotionalen Gedächtnis in Verbindung gebracht werden, wie beispielsweise den Hippocampus. Es ist jedoch eine andere Gehirnregion, die jede einzelne unserer voreiligen Entscheidungen reguliert, nämlich die Amygdala.

All diese Reaktionen „aus dem Bauch heraus“, die wir in unserem Leben zeigen, die Basis jenes Flucht- oder Vermeidungsverhaltens, ist die Amygdala, die sich im medialen Teil unseres Temporallappens befindet. Die Handlungen, zu denen sie uns antreibt, sind nicht rational. Sie sind eine einfache motorische Antwort, der Inbegriff des Überlebensinstinkts.

Auge eines Tieres sieht Menschen

Sollten wir auf die innere Stimme hören, wenn sie uns befiehlt, wegzulaufen oder zu misstrauen?

Psychotherapeuten wissen nur zu gut, dass eine Person, die sich nicht von der Macht der Amygdala gefangen nehmen lässt, jemand ist, der genug Selbstkontrolle entwickelt hat, um nicht in Angst zu leben. Heißt das, dass wir nicht auf die innere Stimme hören sollen, die uns ab und zu warnt, jemandem oder etwas zu misstrauen? Ist sofortiges Misstrauen denn niemals angebracht?

„Das einzig Wertvolle ist die Intuition.“

Albert Einstein

Hier sind ein paar Fakten, über die es sich nachzudenken lohnt:

  • Daniel Goleman erklärt in seinem Buch Emotionale Intelligenz,  dass in jeder Situation, in der wir Furcht oder Angst erleben, die Amygdala aktiviert wird. Dieses Gefühl zu ignorieren oder zu unterdrücken, ist nicht ratsam. Es ist jedoch ebenso wenig ratsam, aus dem Bauch heraus danach zu handeln.
  • Der richtige Weg ist, der inneren Stimme Beachtung zu schenken. Alle Studien, die sich mit dem siebten Sinn befassten, zeigten, dass Menschen, die auf ihre innere Stimme und Bauchgefühle hören, die direkt aus dem Unterbewusstsein über primitive Strukturen wie die Amygdala gesendet werden, tendenziell eher die richtigen Antworten geben.
  • Dafür gibt es einen konkreten Grund: Auf die innere Stimme zu hören, heißt noch lange nicht, ihr blind zu gehorchen. Aber sie kann ein guter Ausgangspunkt sein für Analyse und Reflektion.

Wenn wir jemanden nicht mögen, liegt das an konkreten Faktoren, und diese haben mit uns zu tun. Vielleicht liegt unser sofortiges Misstrauen daran, dass unser Gegenüber uns an jemanden aus unserer Vergangenheit erinnert. Vielleicht handelt er nach dem gleichen Muster wie jene andere Person. Oder vielleicht sind ihre Werte nicht im Einklang mit unseren. Oder vielleicht haben wir aus Erfahrung gelernt, wer vertrauenswürdig ist, und wer nicht.

Wie auch immer, das Einzige, was wir nicht tun sollten, ist, uns von der Angst überrollen zu lassen, denn dann wird das Misstrauen anhalten. Alle logischen Entscheidungen haben einen wundervollen Gegenpart aus Intuition und Reflektion.

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