Wenn wir süchtig nach einem perfekten Leben sind

29. Juni 2017 en Psychologie 0 Geteilt

Das Leben gibt uns nur wenige Male das Gefühl der vollkommenen Zufriedenheit, zumindest was das Konzept der Vollkommenheit an sich anbelangt, die wir uns für gewöhnlich herbeisehnen. In dieser oberflächlichen Welt voller falscher Bedürfnisse fühlen wir uns, als würde uns ein Teil, zwei Teile oder sogar mehrere fehlen, sodass wir blind für das werden, was wir längst haben. Es scheint, als wäre dieses Teilchen, das unsere Leere füllen könnte, der wahre und unabdingbare Schlüssel zu unserem Glück.

„Wenn mich meine Arbeit erfüllen könnte, wäre ich glücklicher“  oder „wenn ich eine stabile Beziehung hätte und mit diesem Partner eine Familie gründen könnte, würde ich sicherlich glücklich werden“  sind Gedanken, die wir alle schon einmal hatten, und sie stellen eine wiederkehrende Hürde auf unserem Weg hin zu unserem Wohlergehen dar. Ein Großteil dieser Gedanken sind das Produkt unserer Gesellschaft und unserer Erziehung: Uns wurde beigebracht, dass das Leben umso schöner ist, je mehr wir besitzen.

Wir leben unter ständigem Druck und haben zu viele Erwartungen an uns selbst, sodass wir glauben, dass unser Leben ein Kuchen ist und wir jedes Stück kosten müssten, was uns offensichtlich nur mit Angst, Frust und Traurigkeit erfüllt.

Wenn wir eines unserer Ziele erreichen (besonders wenn es ein materielles Ziel ist), verfolgen wir sofort das nächste. Wir stecken uns ein weiteres und höheres Ziel, bis wir schließlich vollkommen ausgelaugt sind.

Im Leben Wünsche und Ziele zu haben, ist legitim und auch gesund. Welchen Sinn hätte das Leben, wenn wir keine Ziele und Träume hätten? Aber es ist etwas anderes, zu denken, dass wir all das brauchen, was wir uns wünschen. Unterscheiden zu können, ist der Schlüssel, damit wir nicht pausenlos daran verzweifeln, dass das Leben nicht immer so läuft, wie wir das geplant haben.

Ein perfektes Leben erfüllt uns nicht mit Glücksgefühlen

Alle Menschen, die jeden ihrer Träume verwirklicht haben und sich noch immer nicht vollkommen fühlen, wissen was diese Überschrift bedeutet. Millionen von Menschen weltweit scheinen ein Leben zu führen, um das wir sie beneiden. Wenn wir sehen, was sie erreicht haben, kann bei uns sogar Eifersucht aufkommen und wir überzeugen uns davon, dass sie den Schlüssel zum Glück und zur Ruhe gefunden haben. Aber das ist eine Lüge.

Wenn diese Menschen tatsächlich glücklich sind, dann nicht, weil sie all das besitzen oder erreicht haben, was sie sich wünschten, sondern weil sie nun das Leben auf eine besondere Weise sehen.

Der Mensch gibt sich nur selten mit dem zufrieden, was er hat. Er hat immer das Gefühl, dass er noch mehr tun könne, besser sein oder noch mehr von dem bekommen könne, was er sich wünscht. Er fühlt sich leer, unvollständig, unvollkommen…

Mithilfe unserer ungeheuerlichen Anstrengungen und Bemühungen ernten wir all die Erfolge, kaufen uns all die Dinge, die unser Leben segnen, doch letztendlich sind unser Körper und unsere Seele erschöpft. Wenn wir schließlich all das haben, bleibt der Segen doch aus und es kommt erneut das Bedürfnis auf, einen weiteren Schritt zu gehen.

Wenn ich meinen Master geschafft habe, muss ich dann gleich einen Doktortitel anstreben? Sollte ich eine stabile Beziehung führen? Als nächstes werde ich versuchen, neue Sprachen zu erlernen, werde reisen, Kinder bekommen usw. Das Schlimmste daran ist, dass ich ein unglücklicher Mensch sein werde, wenn ich es aus irgendeinem Grund nicht schaffen sollte, diese Vorstellungen in die Tat umzusetzen.

Genau dieser Gedanke ist der Grund für unser Unwohlsein, da die Perfektion nichts weiter als ein unmöglich umzusetzendes Konzept ist, wir aber dorthin kommen möchten, und deshalb das Gefühl aufkommt, dass wir zu nichts fähig sind.

Was ist also der Schlüssel zum Glück?

Zuallererst sollten wir lernen, dass kein äußerer Einfluss so viel Macht über uns hat, unsere Gefühlslage zu ändern. Niemand ist langfristig glücklicher als vorher, nur weil er heute mehr Sachen besitzt als gestern. Wenn die Kinder unterm Weihnachtsbaum ihre neuen Spielsachen entdecken, leuchten ihre Augen, aber dieses Glück hält nur ein paar Tage an. Nach dieser anfänglichen Begeisterung wollen sie andere Spielsachen und die, die sie erst bekommen haben, werden schon wieder beiseitegelegt.

Das Gleiche passiert auch uns Erwachsenen. Wertgegenstände verlieren im Laufe der Zeit an Wert und das, was wir zukünftig erwerben, wird auch seinen Wert verlieren. Der Mensch hat sich gerade an etwas gewöhnt und dann will er es schon wieder nicht mehr und will wieder etwas Neues.

Wieso war Michael Jackson, mit einem Anwesen, das sogar einen Freizeitpark beinhaltete, unglücklicher als der ehemalige Präsident Uruguays Pepe Mújica, der auf einer kleinen Farm lebte?

Zweitens müssen wir uns darüber klar werden, dass das Glück, der Segen, das Wohlbefinden, oder wie auch immer wir es nennen wollen, in uns selbst zu finden ist und eine bestimmte Sichtweise auf das Leben ist, nämlich zu schätzen und zu lieben, was wir jetzt haben und damit zufrieden zu sein. Der Psychologe Rafael Santandreu beschreibt das als Genügsamkeit: Sie bezeichnet diese Fähigkeit, uns darüber bewusst zu werden, dass das, was wir besitzen, bereits ausreicht und wir nichts weiter brauchen, um glücklich zu sein.

Zu guter Letzt ist es eine gute Übung, bewusst allem zu widerstehen, was unnötig ist, und dafür offen zu sein, ohne diese Dinge zu leben. Wir können versuchen, uns unsere Träume zu erfüllen, aber wir sollten auch akzeptieren, dass sich nicht alle Träume erfüllen werden, was aber unser persönliches Wohlbefinden nicht erschüttern muss.

Das Leben so zu nehmen, wie es kommt, ist einer der wichtigsten Punkte, um sich frei zu fühlen.

Vielleicht denkst du, dass das Konformismus ist, aber dem ist nicht so. Wir appellieren daran, dass du Träume, Hoffnungen und Ziele hast, und versuchst, diese zu erreichen, doch dabei stets bedenkst, dass all das nichts damit zu tun hat, ob du glücklich bist.

Wenn du dein Bewusstsein steigerst, dann
wird sich dein Leben verändern

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