Wenn der einzige Ausweg leben heißt

· 12. August 2016

Selten halten wir einen Moment inne, um nachzudenken, wie unglaublich reichhaltig das Konzept „leben“ ist, in Bezug auf Gefühle, Gedanken und Optionen. Ohne Übertreibung haben wir an nur einem einzigen Tag die Möglichkeit, uns zu ärgern, zu motivieren, zu freuen, wieder traurig zu werden, zu lieben, geliebt zu werden, zu gehen, zurückzukommen, etwas aufzubauen und es wieder kaputt zu machen.

Vielleicht erscheint das etwas zu offensichtlich. Das ist ganz logisch, schließlich haben wir Zugang zu vielen Medien, und wir sind gar nicht dazu fähig, alle Informationen wahrzunehmen, die sie übermitteln. Diese einfach nur zu haben heißt jedoch, dass sie ihre Bedeutung verlieren. Demnach wird es zu einer grundlegenden Aufgabe, unsere Zeit so zu organisieren, dass wir die Mehrheit der Informationen verarbeiten können.

Aber, was wäre, wenn unsere einzige Option, die wir am Tag zum Nachdenken, Fühlen und Machen haben, einfach nur leben heißen würde? Hier muss angemerkt werden, dass dieses Wort nicht in der Liste auftaucht, die wir am Anfang gemacht haben, obwohl wir es wahrscheinlich nicht bemerkt haben. Aber „leben“, verstanden im Sinne von „weiterleben“ oder „sich am Leben halten“ ist etwas so Grundsätzliches, dass wir uns nicht lange damit aufhalten.

Ein großer Teil der Weltbevölkerung jedoch steht jeden Tag mit diesem Dilemma auf und geht damit zu Bett. Die Frage nach dem Weiterleben ist aus einer Vielzahl von Gründen wesentlich größer als das, was der Verstand eines Menschen, der an den Wohlstand gewöhnt ist, verstehen kann. Es geht um Hunger, Armut, tödliche Krankheiten und natürlich um Krieg.

Das Dilemma, zu leben

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel und schauen wir auf den Bürgerkrieg in Syrien. Was man wissen sollte, ist, dass bereits über fünf Jahre vergangen sind, seitdem die syrische Zivilbevölkerung begann zu sterben. Bis heute wurden bereits mehr als 250.000 Menschenleben ausgelöscht, und viele mehr sind traumatisiert.

Auch wenn wir beinahe nicht mehr darüber nachdenken – aufgrund der Überschwemmung mit ähnlichen Themen, die täglich auf uns einprasseln -, hat dies in der Gesellschaft, in der diese Leben verloren gehen, eine schreckliche Wirkung auf allen Ebenen hinterlassen. Es wäre unmöglich, die Reichweite in Worte zu fassen, welche die erlittenen Veränderungen auf die Überlebenden des Konfliktes haben.

Zerstörtes Gebäude

Doch all diese Veränderungen bedeuten letztlich das gleiche Dilemma: Leben oder nicht leben? Werde ich diese Nacht überleben? Werde ich es erleben, wie meine Tochter groß wird?  Logische, humane und auch nötige Fragen in einer Situation, in der in regelmäßigen Abständen mehrere hundert Bomben pro Tag auf ein einziges Dorf fallen.

Doch entgegen aller Annahmen halten die Überlebenden mental durch. Sie verlieren nicht den Kopf. Sie kämpfen, um sich mental und physisch am Leben zu halten. Und nicht nur das, die Überlebenden finden sogar eine Form, dem Konflikt einen Sinn zu verleihen – wenn das möglich ist -, indem sie an ihm teilnehmen.

Sie machen es: Sie verlassen ihr Heim, um zu fliehen, um im Widerstand zu kämpfen, mit nur wenig Garantie auf Erfolg, oder sie leisten soziale Hilfe für bedürftige Gruppen (Workshops, um Frauen, die noch nie gearbeitet haben, zu zeigen, wie man ein Geschäft führt, medizinische Hilfsarbeiten in Krankenhäusern, Informations- und Dokumentationsarbeiten, usw.).

Sie bleiben in Bereitschaft, mit kaputten Nerven, reißen sich scheinbar unter schweren Leiden wieder zusammen und halten die wenigen Gewohnheiten aufrecht, die der Krieg zu zerstören vergessen hat. Sie kämpfen darum, die Versorgung ihrer Familien aufrechtzuerhalten. Und je weiter ich mich informiere und mich dieser Realität annähere, desto stärker wird eine Frage in meinem Kopf: Wie ist es möglich, dass sie all das schaffen?

„Einige Kinder kamen aus einer Seitenstraße, in der sie einen Kreis bildeten und zu spielen und zu lachen anfingen. Mir hat dies jedoch keine Freude bereitet. Mein Kopf war weiterhin von dem Flugzeug abgelenkt, das über unseren Köpfen kreiste, und das sie innerhalb von Sekunden in Stücke zerschlagen könnte. Zwei der Mütter standen niedergeschlagen in der Tür.“
 
Samar Yazbek in „Die gestohlene Revolution: Reise in mein zerstörtes Syrien

Wie kann man leben?

Es ist nur schwer vorstellbar, auf welche Art ein Mensch in solchen Situationen in der Lage zum Überleben ist. Es fallen uns bestimmte Konzepte ein: Resilienz, intensive Angst, oder ein Gefühl sozialen Zusammenhalts angesichts der Gefahr, aus dem diese altruistischen Verhaltensweisen entstehen könnten. Man könnte es auch mit der Fähigkeit des Menschen erklären, Dinge zur Normalität werden zu lassen, die eigentlich keine Normalität sind, wie etwa der Tod.

All diese Konzepte aus der Psychologie, und viele mehr, die hier nicht besprochen werden, könnten helfen, zu verstehen, wie der Verstand einer Person funktioniert, die sich in dieser Art Situation befindet. Aber es gibt etwas, was direkt auf sie in dieser Situation zutrifft, als Menschen und lebendige Wesen: Der Mangel einer Alternative, zu leben.

Mutter und Kind in Flüchtlingslager

Dies mag unsensibel und sogar scheinheilig klingen, wenn wir es von unserer Seite aus sagen. Es liegt aber viel Wahrheit darin. Stellen wir das klar: Warum sagen wir, dass sie keine andere Option haben? Eigentlich stimmt das nicht, denn es gibt immer noch die Option, einfach nichts zu tun, zu warten und zu sehen, ob sie durch die Hände anderer leben oder sterben, auf die sie treffen. Sie könnten ganz einfach auch so handeln. Es wäre angesichts der Situation auch logisch.

Wenn wir sagen, dass sie keinen anderen Ausweg haben, dann beziehen wir uns darauf, dass ihre menschliche Natur sie stets zum Überleben anstößt. Zur optimalen Nutzung mentaler und körperlicher Reserven. Zum Kampf und zur Suche nach Sinn. Wir haben viele weitere Beispiele von diesem fehlenden Ausweg bei Überlebenden getroffen, die ihre Erfahrungen mit Autoren und Psychoanalytikern wie unter anderem Viktor Frankl, Erich Fromm oder Boris Cyrulnik teilten.

Etwas gemeinsam

Und dies ist etwas, was diese Menschen, die solche Situationen erleben, definitiv mit uns gemeinsam haben: Wir teilen miteinander die menschliche Natur. Diese Natur ermöglicht es, Angst zu spüren, resilient zu sein, etwas Normalität werden zu lassen, zu kämpfen oder zu fliehen, es ist die gleiche, die unsere Tage so reich an Emotionen, Gedanken und Optionen sein lässt. Aber vor allem geht es um diese Natur, die uns zum Leben anstößt.

Kinderhand hält sich am Daumen eines Erwachsenen fest

Wir können von der äußeren Welt abgeschieden leben, in einer Informationsblase, Wir können uns dazu entscheiden, alles oder nichts angesichts dieses Konflikts zu tun. Aber immer, in einer letzten Instanz, können wir auf die unfehlbare Eigenschaft unserer Menschheit zählen. Die Welt mit den Augen eines Menschen betrachten. Wie ein Mensch zu fühlen. Und vor allem, wie ein Mensch zu lernen. Zu lernen, dass wir doch nicht machtlos sind, dass es doch noch einen Ausweg gibt. Wenn alles verloren scheint, dann bleibt uns immer noch die Möglichkeit zu leben.