Warum wir die Begriffe „Selbstmord“ und „Selbstmörder“ nicht mehr nutzen sollten

Ein Gastbeitrag von Iris Willecke. "Einen Mord an der eigenen Person gibt es nicht. Der Begriff Selbstmord ist somit nicht nur für Angehörige sehr verletzend, sondern auch falsch."
Warum wir die Begriffe „Selbstmord“ und „Selbstmörder“ nicht mehr nutzen sollten

Geschrieben von Iris Willecke

Letzte Aktualisierung: 12. Januar 2022

Es gibt gleich mehrere gute Gründe, warum sich seit Jahren viele Einzelpersonen und Organisationen dafür einsetzen, dass die Begriffe Selbstmord und Selbstmörder nicht mehr benutzt werden.

Eine Selbsttötung ist kein Mord und Menschen, die sich das Leben genommen haben, sind keine Mörder

Die Begriffe Selbstmord und Selbstmörder sind unpassend. Beide beinhalten „Mord“, der als besonders verwerfliche Form der Tötung definiert wird. Das deutsche Strafgesetzbuch unterscheidet zwischen Tötung auf Verlangen, Totschlag und Mord. Ein Mord wird durch besonders niederträchtige Mordmerkmale definiert.

Dazu steht im § 211 des deutschen Strafgesetzbuches: „Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.“

Diese Beschreibung trifft auf Menschen, die sich das Leben nehmen, in aller Regel nicht zu. Suizide sind in der Mehrzahl der Fälle die Folge einer psychischen Erkrankung, am häufigsten einer Depression oder einer sehr schweren Lebenskrise, die den Betroffenen unüberwindbar erscheint. Bezeichnen wir die Selbsttötung als Mord oder die Menschen als Selbstmörder, werden wir damit der Tat, aber vor allem den Menschen, die in ihrer tiefen Verzweiflung keinen anderen Ausweg mehr sahen, nicht gerecht.

Des Weiteren stellt ein Mord und auch ein Mordversuch eine schwerwiegende Straftat dar, eine Selbsttötung sowie die Versuche werden hingegen in Deutschland und vielen anderen Ländern heutzutage nicht mehr als Straftat angesehen.

Es heißt Suizid, nicht Selbstmord

Die Begriffe Selbstmord und Selbstmörder(in) verletzen Zugehörige und erschweren Trauerprozesse

Trauernde nach einem Suizid haben es schon schwer genug. Sie haben einen geliebten Menschen verloren und müssen zusätzlich zur Trauer auch noch einen Weg finden, mit der Todesursache klarzukommen. Nicht alle, aber viele verletzt es, wenn die Begriffe Selbstmord oder Selbstmörder benutzt werden, denn in ihren Augen ist der Verstorbene nie ein grausamer Verbrecher gewesen, und es belastet sie, wenn andere nun so über den geliebten Menschen sprechen oder denken.

Sie möchten gern sein oder ihr Ansehen bewahren, haben aber oft nicht die Kraft, dafür zu kämpfen und in Gesprächen auf die sie belastende Wortwahl hinzuweisen. Fallen die Worte, führt es meist dazu, dass sich Trauernde unverstanden fühlen und zurückziehen.

Die Bezeichnungen Selbstmord und Selbstmörder haben dazu beigetragen, dass Selbsttötungen in unserer Gesellschaft als schwere Sünde angesehen wurden (und zum Teil noch immer werden), wodurch sich Betroffene oft genötigt sahen, die wahre Todesursache zu verheimlichen. Auch heute haben noch viele Hinterbliebene nach einem Suizid das Gefühl, dass die Tat auf sie abgefärbt hat und man nun auch über sie schlecht denkt und spricht. Nicht wenige fühlen sich stigmatisiert und ausgegrenzt, und viele erfahren vom sozialen Umfeld tatsächlich keine oder nur sehr wenig Unterstützung.

Baum als Symbol für Suizid und Tod

Wir haben gute Alternativen zu “Selbstmord”

Zum Glück haben wir mit den Begriffen Suizid und Selbsttötung bereits zwei gute, geläufige Alternativen im deutschen Sprachgebrauch, mit denen die Tat benannt werden kann.

Die Bezeichnungen Suizident(in) oder Suizidant(in) sind bisher zwar noch nicht so verbreitet, aber Sprache verändert sich ständig und was heute noch fremd und komisch klingt, kann schon bald völlig normal sein.

Warum der Begriff Freitod auch nicht passt

Freitod wird von Fachleuten als Bezeichnung abgelehnt, da ein Suizid in den meisten Fällen keine freie Entscheidung darstellt, wie es der Begriff impliziert. Die Selbsttötung ist in der Regel der letzte Akt einer suizidalen Krise, in der sich das Denken immer weiter einschränkt und nur noch auf den Tod fokussiert.

Menschen, die sich in einer absolut verzweifelten, völlig ausweglosen Lage wähnen, sind nicht mehr in der Lage, rational verschiedene Möglichkeiten abzuwägen, sondern sie sehen für sich nur noch einen Ausweg, nämlich den Tod. Der auf Friedrich Nietzsche zurückgehende Begriff Freitod beschreibt hingegen einen Tod, der nach reiflicher Überlegung bei klarem Verstand oft aus heroischen Gründen beschlossen wird. Diese Selbsttötungen gibt es, aber sie stellen nur einen kleinen Bruchteil aller Suizide dar. 

Es heißt Suizid, nicht Selbstmord

Kein Vorwurf, sondern ein Plädoyer für mehr Empathie und Achtsamkeit bei der Wortwahl

Das Thema Suizid erregt zum Teil sehr stark die Gemüter und nicht jeder zeigt sofort Verständnis dafür, warum die Wörter Selbstmord und Selbstmörder nicht mehr verwendet werden sollten. In den Augen einiger ist eine Selbsttötung tatsächlich eine höchst verwerfliche, grauenvolle Tat, weshalb sie den Begriff Mord als angemessen empfinden.

Es geht hier aber nicht darum, was jeder einzelne denkt, sondern darum, was wir mit der unbedachten Wortwahl anderen antun, obwohl wir es ganz leicht verhindern könnten. Warum sollten wir weiterhin Wörter in den Mund nehmen, von denen bekannt ist, dass sie Menschen verletzen und unserem gesellschaftlichen Miteinander schaden?

Andere stören sich einfach nur massiv daran, dass man ihnen wieder einmal gebräuchliche, fest in der deutschen Sprache verwurzelte Wörter verbieten möchte. Alle, die sich bei diesem Thema engagieren, möchten aber gar nichts verbieten, sondern wir möchten aufklären und sensibilisieren.

Es gibt noch immer ganz viele Leute, die sich einfach noch nie Gedanken über die Begriffe gemacht haben und die sie daher völlig arglos nutzen. Ihnen machen wir keinen Vorwurf. Wir möchten nur gerne erreichen, dass es zukünftig ein größeres Bewusstsein für das Thema gibt und dass die Wörter alleine dadurch immer mehr aus dem Sprachgebrauch verschwinden.

Wenn wir uns alle bemühen, in diesem Bereich empathischer bei der Wortwahl zu sein, dann ist schon sehr viel erreicht. Und natürlich braucht sich auch niemand schlecht zu fühlen, sollte ihm eines der Wörter doch noch einmal wie selbstverständlich herausrutschen. Da die Begriffe bisher noch stark in der deutschen Sprache verwurzelt sind und leider auch noch immer viel zu häufig in den Medien auftauchen, ist das ganz normal. Gut ist es, wenn einem in solchen Fällen die Nutzung auffällt und man sich im Anschluss einfach korrigiert.

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