Tausche gute Fee gegen Besen

27. Oktober 2015 en Kuriositäten 273 Geteilt

Es regt mich auf, eine Prinzessin zu sein. Ich rege mich über meine Kleider auf, über meine Goldlöckchen und den Schmuck.

Ich hasse mein verwünschtes Schloss, meine Einsamkeit, umgeben von tausend Schatten.

Ich fluche über meinen Kristallkäfig.

Über den Gefängnisturm. Darüber, warten zu müssen, gerettet zu werden.

Ich fluche über meine Zerbrechlichkeit und über meine Schönheit.

Ich verzichte auf meine Privilegien, meinen Status und mein Schloss.

Ich will keine gute Fee, die mir hübsche Kleider für den Ball gibt. Ich möchte auch keine verzauberten Kutschen und Gutsverwalter.

Ich tausche die gute Fee gegen einen Besen.

So gebt mir doch einen Besen.

Ich bin lieber eine Hexe.

Ich will Kröten und Eidechsen.

Ich will keine Eichhörnchen, Hasen oder Rehkitze. Ich will mit Drachen spielen.

Ich fluche über meine Naivität und Unschuld. Ich tausche mein Königreich, um Schläue und Scharfsinn zu erhalten.

Ich bevorzuge die Nacht vor dem Tag, die Dunkelheit vor dem Licht. Nur von der Finsternis umgeben kannst du dich selbst finden.

Mich selbst retten, ohne darauf zu warten, dass andere es tun. Ich will auf mich wetten, auf mein Wesen.

Wo unterschreibe ich?

Ich will meine Tage nicht damit verbringen, nach dem Horizont zu spähen und darauf zu warten, dass mein Märchenprinz auf dem Rücken seines Pferdes angeritten kommt. Wer ist dieser Herr? Und warum muss ich für immer glücklich mit ihm leben?

Ich will auf meinem Besen losfliegen, nach ihm suchen und die ganze Nacht wach bleiben mit ihm.

Ich will raus aus dem Turm, mit dem Mond und den Sternen fliegen.

Denn während die Prinzessinnen schlafen, fliegen die Hexen.

Ich will mich von anderen Hexen umgeben, von welchen, die ich mag, von nicht adeligen, von ihnen lernen. Von ihrem Einfallsreichtum profitieren, um die Schlacht zu gewinnen, gegen die Könige und Prinzessinnen.

Ich will in die Freiheit fliegen. Die ganze Nacht hindurch. Im Morgengrauen zurückkehren und bis spät schlafen. Und die Erbse unter den vierzehn Matratzen vergessen.

Ich will nicht, dass jemand wach bleibt und auf mich wartet. Ich will keine frustrierten Königinnen mit Midlife crisis. Ich will keine missgünstige Stiefmutter, die mein Herz in einem Schmuckkästchen will. Ich will keine Könige, die meine Hochzeit arrangieren um ihr Königreich zu erweitern.

Keiner soll mich anziehen, kämmen oder baden.

Ich will nicht mit den Vögeln singen, ich will mit ihnen fliegen.

Ich fühle lieber, atme, lebe, liebe und leide. Nur über das Leiden gelangen wir zu unserer wirklichen Essenz. Ich sehne mich danach, auf Grund zu laufen, mich über mich selbst aufzuregen und aus meiner Asche wieder aufzuerstehen. 

Prinzessinnen riskieren nichts, wählen nicht. Sie machen keine Fehler. Prinzessinnen leiden nicht. Sie akzeptieren ihr geschriebenes Schicksal resignierend, mit Geduld, weil sie glauben, dass sie am Ende Rebhühner essen und für immer glücklich leben werden. Zumindest ist es das, was ihnen versprochen wurde. Sie stellen nichts in Frage, widerlegen nichts, ahnen nichts.

Ich will keine Prinzessin sein.

Ich will meinen Märchenprinz auswählen. Und wenn es möglich ist, so soll er weder Prinz sein, noch aus einem Märchen.

Ich will einen bürgerlichen, der mich nicht verhext, aber der alle Tage so anfühlen lässt, als wären sie verzaubert.

Er soll kein Schloss haben, in dem ich mich sicher fühle, lieber soll er Augen haben, die mich in den Abgrund stürzen lassen. Mich schwindelig fühlen an seiner Seite. Er soll mir keine Reichtümer versprechen, sondern Kampf.

Tausche gut aussehenden Prinz gegen Schurke.

Er soll mich als Hexe lieben, nicht als Prinzessin.

Er soll auch verfolgt werden, damit wir uns jeden Tag an einem anderen Ort verstecken müssen. Ich will mich wegen seinen Schurkenstreichen in ihn verlieben, nicht wegen seinem Lächeln.

Tausche Ehe und ewige Liebe gegen Freiheit und Verrückheit.

Ich will kein Märchen mit Happy End. Ich will jeden Tag meine eigene Geschichte schreiben.

Ich bin doch keine von denen, die Rebhühner essen wollen, ich trinke lieber Champagner. 

Riskant leben oder bei dem Versuch ums Leben kommen. Für dieses Leben dankbar sein. Jeden Tag so ausnutzen, als wäre es der letzte. Denn es kann sein, dass man mich morgen verurteilt und ich auf dem Scheiterhaufen ende.

Weil man Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrennt, aber Prinzessinnen bringt man im Leben um.

Darum gebe ich meine gute Fee zurück, aber bitte, gebt mir einen Besen.

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