Sex ist nicht natürlich, er ist kulturell

· 28. November 2017

Wie oft unterscheiden wir zwischen „natürlichem“ und „unnatürlichem“ Sex? Wir machen diese Definitionen an Vorurteilen fest, die uns schon seit Jahren verfolgen. Vor langer Zeit haben die Leute geglaubt, dass Sex allein reproduktiven Zwecken dienen dürfe. Im Laufe der Zeit haben die Menschen jedoch begonnen, die Vorstellung zu verteidigen, dass es etwas ganz Natürliches sei, Sex zum Vergnügen zu haben. Und wenn wir einen Blick in die Welt werfen, dann erkennen wir bereits an diesem Punkt, wie nah Sex und Kultur doch beieinander liegen.

Jedoch ist die Natur des Sexes nicht das, wofür wir sie halten. Wir denken, dass er Freiheit bedeute, was in Wirklichkeit jedoch selten der Fall ist. Denkst du, dass du frei seist, wenn du Sex hast? Denkst du, es gäbe keine Grenzen für dich? Weit gefehlt! Deine Kultur beeinflusst deinen Sex wesentlich mehr, als du denkst.

Sex ist nicht natürlich, er ist normal

Wenn wir von Sex als etwas Natürlichem sprechen, dann wollen wir in Wahrheit damit ausdrücken, dass wir ihn nicht als befremdlich ansehen. Stattdessen betrachten wir ihn als eine ganz normale, gültige und akzeptable Handlung. Jedoch bezieht sich das Wort „natürlich“ auf die Natur, wie Valérie Tasso, Autorin und Sexwissenschaftlerin, auf einer ihrer Konferenzen erklärt hat.

Nackter Mann tanzt mit Frau

Für Tiere ist Sex natürlich. Wenn sie sich einen Partner suchen, werden sie dabei nicht durch irgendeine Art von Kultur beeinflusst, sie vertreten auch keinerlei Glauben oder andere Überzeugungen. Beim Menschen ist das anders. Unsere Vorstellungen von Beziehungen zu anderen Menschen, unsere Sichtweise der Welt wäre nicht dieselbe, wenn wir einem anderen Land geboren worden wären. Deshalb wollen wir einige der interessantesten Punkte herausstellen, die Valérie Tasso auf besagter Konferenz erwähnt hat:

  • Wir haben Sex entsprechend unserer Ideologie und aus diesem Grund macht er uns menschlich. Denken wir zum Beispiel daran, wie sehr Leute darüber nachdenken, ob sie bereit oder nicht bereit für das erste Mal sind. Wir haben Werte in unserem Kopf, die unser Verhalten beeinflussen.
  • Wertvorstellungen sind nicht universell, denn wenn sie es wären, dann würden wir alle dieselben sexuellen Praktiken ausleben. Jeder Mensch ist einzigartig, wenn es um Sex geht, weil sich seine Erfahrungen und sein Wertesystem von dem anderer unterscheiden.

„Für Oktopusse ist Sex natürlich.“

Valérie Tasso

Aber wir denken, dass wir animalischer würden, wenn wir Sex praktizieren. So entstehen Vorurteile und Menschen unterdrücken ihre Neigungen. Aus diesem Grund machen wir uns Sorgen darum, was gut und was schlecht sei, was richtig und falsch, was natürlich und was unnatürlich. Aber wer legt das fest? Die Gesellschaft und ihre Kultur.

Sex ist eine kulturelle Handlung, genau wie ein Museumsbesuch. Und wir lernen schon früh, was akzeptabel ist und was nicht. Stimmt es nicht, dass man Sex nicht inmitten eines Parks hat, nur weil einem danach ist? Behält man sich solche Momente des Vergnügens nicht lieber für eine intimere Umgebung vor? Das passiert, weil man uns beigebracht hat, wie man Sex hat.

Küssendes Paar mit Tauben

Aber der Verbund von Sex und Kultur kann problematisch werden. Wenn man in ein anderes Land fährt, erlebt man zuweilen einen Kulturschock. Es ist das Gleiche mit dem Sex. Jeder Ort hat eine andere Geschichte, und aus diesem Grund sind auch die Menschen überall anders. In einigen Ländern erscheinen uns die Männer als gefühlskalt. Von Latinos jedoch sagt man, dass sie sehr leidenschaftlich seien. Es gibt riesige Unterschiede, die von der Kultur herrühren, mit der sie aufgewachsen sind. Und auch wenn diese Kultur immer bereichernd ist, kann sie doch schockieren.

„Die menschliche Sexualität ist niemals etwas Natürliches, das nur aus der Biologie stammt, und wenn wir sie als ’natürlich‘ bezeichnen, dann tun wir das auf der Basis von historischen und kulturellen Faktoren.“

Elena Martinez Navarro

Alles, was mit Sex zu tun hat, ist stark mit Religion und Glauben verbunden. Selbst wenn man sich als Agnostiker oder Atheisten bezeichnet, dann hat dennoch der Ort, an dem man geboren wurde, eine jüdisch-christliche, eine Shinto- oder andere Tradition. Diese durchdringt die lokale Kultur und beeinflusst auch denjenigen, der nicht „glaubt“. Das bedingt, dass man sexuelle Beziehungen in einer bestimmten Art beurteilt.

Denke daran: Sex zu haben ist wie ins Theater zu gehen. Vielleicht gehst du einmal mit einer Person, ein anderes Mal mit jemand anderem, oder sogar mit zwei Menschen… Vielleicht magst du Ballett, aber jemand anders schaut lieber Flamencotänzern zu. Alles, was sich in dir abspielt, wird durch externe Faktoren beeinflusst. Sex und Kultur sind nicht zu trennen.