Reife ist das Erlernen des Subtrahierens

· 7. Februar 2018

Die Gesellschaft, in der wir leben, hat falsche Bedürfnisse in uns geweckt, was uns dazu bringt, bestimmte Ziele erreichen zu wollen. Dies tun wir in der Absicht, die Sicherheit und das Wohlbefinden zu erhalten, das man uns verspricht. Die genannten Bedürfnisse verleiten uns zu dem Wunsch, unseren Besitz zu erweitern, um dadurch ein Gefühl des Glücks zu erlangen.

Wir erkennen nicht, dass das Verlangen, in unserem Leben materielle Dinge und Anerkennung anzuhäufen, das Leben viel komplizierter, schwieriger und gelegentlich unerträglich macht. Es löst Stress in uns aus. Und es scheint, als hätten wir niemals genug Zeit, obwohl dem in Wahrheit nicht so ist. Wir füllen Schränke und Koffer, statt unsere Seele. Und genau das vermittelt uns ein Gefühl der Leere. Und tief in uns drin wissen wir, dass Glück ohne Reife nicht erreichbar ist. Doch was ist Reife?

Die Lösung des dargestellten Problems liegt in folgender Erkenntnis: In Wahrheit weilt dieses Wohlbefinden, worauf wir eifrig sind, in dem Verständnis, dass Reife das Erlernen des Subtrahierens ist.

Wir glauben, dass wir glücklicher seien, wenn wir noch mehr Güter, Menschen und Likes zu unserem Leben hinzufügen. Doch was bringt uns das wirklich? Brauchen wir all das wirklich?

Reife ist das Erlernen des Subtrahierens

In einer Welt, in der das Ansammeln von Gütern als erstrebenswert betrachtet wird, in einer Welt, in der die Anhäufung nutzloser Dinge stellvertretend für Wohlstand ist. In der mehr Freunde zu haben bedeutet, ein besseres Ansehen zu haben. Genau dort wird das Erlernen des Subtrahierens zu einem Akt der Rebellion. Es ist ein Test für uns, weil wir gegen die Normen verstoßen, die die Mehrheit der Menschen vertreten. Und das ist eine ziemliche Herausforderung.

Erste Kritik taucht sicher auf, wenn wir nicht das Verhalten zeigen, das die Gesellschaft von uns erwartet. Dieses Verhalten, das die Mehrheit der Gesellschaft wiederholt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Diese Kritik kommt von den Menschen, die unseren Wert nicht kennen. Sie kritisieren ständig die Art, wie wir handeln, wohl um uns damit zurück zu einem gesellschaftlich akzeptablen Verhalten zu führen. Zurück zu der Überzeugung, dass die Erweiterung unseres Besitzes wichtig sei.

Der Ort, der Ursprung vieler unserer Ängste und Unsicherheiten, liegt dort, wo wir beginnen, uns eine Schicht nach der anderen anzuziehen. Vielleicht steckt hinter deinem vorgespielten Glück mit deinem Partner eine große Angst davor, verlassen zu werden. Und hinter der Dankbarkeit für so viele Freunde vielleicht eine tiefe Furcht davor, allein zu sein.

Das Subtrahieren zu erlernen ist nichts mehr, als uns von hunderten an nutzlosen Schichten zu befreien. Wir haben sie angezogen, um uns vor Ängsten und Unsicherheiten zu schützen.

Wie oft haben wir nach der Bestätigung anderer gesucht? Wie oft haben wir aufgehört, unsere Priorität zu sein, weil wir auf die Menschen um uns herum fokussiert waren? Wir bemühen uns, das Bild einer reifen Person zu projizieren, die verantwortungsbewusst und von anderen umgeben ist. Doch das hat einen hohen Preis: die Unfähigkeit, das Subtrahieren zu erlernen und loszulassen.

Die Befreiung, die Einfachheit zu akzeptieren

Das Subtrahieren zu erlernen ist sehr wichtig, um in der Lage zu sein, mit dem Anhäufen nutzloser Dinge aufzuhören. Viele von ihnen bereiten uns nur Schmerzen. Wende dich von Freunden ab, die ausschließlich eigene Ziele verfolgen sind. Gib Beziehungen zu Menschen auf, die dich nicht lieben. Und höre auf, dir materielle Güter zu kaufen, um deine emotionalen Leeren zu füllen.

Wir sind dazu bereit, unsere Sicht auf die Welt zu ändern, wenn die Erkenntnis erreichen, dass das Glück, das wir durch das Ansammeln von Dingen und Anerkennung suchen, eine Illusion ist und immer sein wird. Wir werden feststellen, was wir nicht brauchen, was übrig geblieben ist und was uns hemmt. Und wir werden wissen, wie man sich verabschiedet.

Oftmals sehen wir, wie leer oder unglücklich sich Menschen mit viel Geld fühlen. Wir können ebenfalls sehen, dass diejenigen mit vielen Freunden in schwierigen Zeiten allein sind. Und wir sehen Menschen, die mit ihrer Liebesbeziehung prahlen, aber immer nach jemandem suchen, der sie wirklich etwas fühlen lässt.

Letztendlich lässt uns die falsche Sicherheit, die uns die Masse von Gütern in unserem Leben gibt, uns an diese Dinge klammern. Sie täuscht uns vor, dass wir uns mit einer Situation wohlfühlten, die nichts mehr tut, als einen Tumult in unserem Leben zu schaffen. Einen Tumult, der uns dazu drängt, die Vielschichtigkeit loszulassen, die uns letzten Endes verletzt.

Das Subtrahieren zu erlernen bedeutet nicht nur, uns von allem zu entkleiden, das unnötigen Raum einnimmt. Es bedeutet auch, zu lernen, das Gleichgewicht wiederherzustellen, das unser Leben bestimmen sollte. Ein Gleichgewicht, das uns gut und glücklich fühlen lässt. Auch wenn dies nur möglich ist, wenn wir aufhören, uns an vorgelebtem Verhalten zu orientieren und beginnen, das Einfache zu akzeptieren.

„Wir haben den Kontakt zur Realität verloren, die Einfachheit des Lebens.“

Paulo Coelho