Misophonie: Wenn Geräusche zur Folter werden

· 22. November 2018

Hier zunächst ein Erlebnisbericht einer betroffenen Person. Du erfährst darin mehr über Misophonie und das, was sie so mit sich bringt:

„Mein ganzes Leben lang geht es mir schon so – es ist einfach schrecklich. Ich rege mich auf, wenn ich mit dem Bus fahre oder ein anderes öffentliches Verkehrsmittel nutze. Wenn ich keine Ohrenstöpsel trage oder Musik über Kopfhörer höre, werde ich nervös und reizbar. Auch wenn ich klickende Geräusche von einer Tastatur höre, wenn jemand Kaugummi kaut, während des Essens auf seine Gabel beißt, die Suppe schlürft … und es gibt noch jede Menge weitere Beispiele. Ich träume davon, eines Tages in Frieden leben zu können. Und dazu möchte ich nicht mit mir allein sein oder meine Kopfhörer tragen. Ich möchte den Leuten keine Grimasse ziehen, die Geräusche verursachen. Ich kann keine normale Beziehung führen. Denn wer würde jemanden wie mich nicht verabscheuen?“

So empfindet also ein Mensch, der unter Misophonie leidet. Betroffene haben eine niedrige Toleranzschwelle, was Geräusche angeht. Dazu noch Hyperakusis und Phonophobie. Aber was ist Misophonie eigentlich? Das Wort „Misophonie“ wurde im Jahr 2000 von den beiden Doktoren Pawel und Margaret Jastreboff geprägt. Der Ausdruck stammt vom griechischen „misos“, was für „Hass“ steht, und „phonē“, was „Geräusch“ bedeutet. Misophonie beschreibt dementsprechend eine übermäßige Empfindlichkeit gegenüber einer bestimmten Art von Klang oder Geräuschen im Allgemeinen definiert.

„Die Reaktion ist hauptsächlich Wut, nicht Abneigung. Das vorherrschende Gefühl ist Wut. Das scheint eine normale Reaktion zu sein. Aber sie tritt auf einmal im Übermaß auf.“

Dr. Skuhbinder Kumar

Eine Frau hält sich zum Schutz die Ohren zu.

Was genau ist denn Misophonie?

Wie wir bereits berichtet haben, geht Misophonie mit einer verminderte Toleranz gegenüber bestimmten Geräuschen einher. Personen mit dieser Störung können bestimmte Geräusche also nicht ertragen. Was für die meisten Leute einfach nur ein Hintergrundrauschen wäre, stößt anderen zutiefst unangenehm auf. Geräusche wie zum Beispiel Kauen, das Klappern von Gerätschaften oder das Trommeln mit den Fingern auf einem Schreibtisch sind für Menschen mit Misophonie unerträglich. Die meisten Geräusche, die dieses Unbehagen verursachen, vernehmen wir in einer relativ geringen Lautstärke, so um die 40 bis 50 Dezibel.

Diese feindselige Haltung gegenüber Geräuschen wird schlimmer, wenn die „Erzeuger“ sich in der Nähe der Person mit Misophonie aufhalten. So wurde bei Meredith Rosol, einer Grundschullehrerin aus dem US-amerikanischen Baltimore, Misophonie diagnostiziert. Sie gibt an, nicht mehr mit ihren Eltern zusammen essen zu können. Sie kann ein gemeinsames Mahl nur noch mit Ohrenstöpseln ertragen.

Leute wie Meredith haben ein großes Problem, weil die Diagnose von Misophonie so schwierig ist und die Erkrankung kaum Anerkennung findet. Deshalb ist es auch ungewöhnlich, dass Betroffene eine angemessene Therapie erhalten. Bis vor kurzem galt Misophonie noch nicht einmal als Krankheit.

„Diese Patienten sind überfordert, wenn sie ein Geräusch hören, das die Reaktion auslöst.“

Dr. Sukhbinder Kumar

Ist Misophonie eine psychologische Störung?

Manche Menschen behaupten, dass Misophonie keine psychologische Störung sei und dass sie nicht zu den Phobien zähle. Sie müsse deshalb wie eine neurologische Störung behandelt werden. Als neurologische Störung ginge sie mit strukturellen Veränderungen des Zentralnervensystems einher.

Woher genau diese instinktive Reaktion kommt, weiß man bisher aber nicht. Sie könnte mit einer Beschädigung des medialen präfrontalen Cortex zusammenhängen. 

Eine Frau, die unter Misophonie leidet, fasst sich ans Ohr.

Welche Symptome zeigen sich bei Misophonie?

Menschen, die an Misophonie leiden, fühlen sich unbehaglich, werden wütend, empfinden Angst oder gar Panik. Vielleicht stellen sie sich sogar vor, die Person, die das Geräusch erzeugt, tätlich anzugreifen. Deren Geräusche mögen so normal und gewöhnlich sein wie diese: Essens- und Trinkgeräusche, Schlürfen, Husten oder Schnaufen. Andere wiederkehrende Geräusche können ebenfalls Unbehagen auslösen: Kaugummi kauen und dabei Blasen machen oder knackende Gelenke.

Wenn der Patient mit Misophonie diese Geräusche hört, regiert er darauf mit einem Vermeidungsverhalten. In schweren Fällen zeigt das Individuum so wenig Toleranz, dass es zur Aggressivität kommt und die Objekte, Personen oder Tiere, die das Geräusch erzeugen, angegriffen werden.

Menschen mit Misophonie entwickeln manchmal eine wahrhafte Obsession, was solche Geräusche anbetrifft. Die Überempfindlichkeit steigert sich. Eine Unduldsamkeit tritt zutage, was die Leute oder Situationen angeht, die diese Geräusche erzeugen.

„Ich nehme eine Bedrohung wahr und habe den Wunsch, anzugreifen. Ich gehe in den Kampf-oder-Flucht-Modus über.“

Mary Jefferson, von Misophonie betroffen

Psychologische Probleme, die sich aus der Misophonie ableiten

Menschen mit Misophonie können ernste psychologische Probleme entwickeln. Sie werden womöglich aggressiv oder treffen die Entscheidung, Situationen zu vermeiden, die mit der ihnen unangenehmen Geräuschkulisse in Zusammenhang stehen. Das kann dazu führen, dass sie sich isolieren und ein tiefes Einsamkeitsgefühl verspüren.

Da ein Mangel an Ansätzen zur Behandlung ihres Leidens besteht, ist es auch nicht immer einfach, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Menschen mit Misophonie greifen dann zu Ohrstöpseln oder Kopfhörern. Dennoch können sie das zugrunde liegende Problem nicht lösen.

„Jede Person, die Pommes frites isst, wird mich stets aufregen. Das Geräusch einer im Wind flatternden Plastiktüte reicht aus, um bei mir eine Reaktion auszulösen. Ich denke dann sofort: ‚Herrje, was ist denn das für ein Geräusch?‘ Ich muss dann schnell weg oder das Geräusch abstellen.“

Paul Clark, leidet unter Misophonie

Kommt Misophonie häufig vor?

Niemand weiß, wie oft Misophonie tatsächlich vorkommt. Leute, die darunter leiden, geben an, dass die Kondition wohl häufiger auftrete, als man von offizieller Seite her zugebe. Sicher ist, dass viele Ärzte immer noch nicht wissen, dass es diese Störung überhaupt gibt. Deshalb diagnostizieren sie sie in vielen Fällen auch nicht.

„Man weiß immer noch nicht genau, wie häufig diese Störung auftritt. Es gibt nämlich keinen eindeutigen Weg, um sie zu diagnostizieren. Zudem wurde diese Störung erst vor Kurzem als solche anerkannt.“

Dr. Skuhbinder Kumar

Eine Frau mit Misophonie trägt Kopfhörer.

Wie lässt sich Misophonie behandeln?

Manchmal lässt sich die Misophonie behandeln. In anderen Fällen stellt sich das als extrem schwierig heraus, besonders dann, wenn das Problem darin besteht, dass einer Person bestimmte Geräusche nicht nur unangenehm sind, sondern sie überempfindlich reagiert. Dort spielen dann sowohl körperliche als auch psychologische Faktoren eine Rolle.

Es gibt jedoch keinen anerkannten Heilungsansatz für Misophonie. Manchen Patienten hilft eine kognitive Verhaltenstherapie, oder auch eine Tinnitus-Retraining-Therapie. Für andere erweisen sich diese Techniken als wenig wirksam.

„Es ist eine gute Idee, ein niedriges Niveau anzuwenden, auf dem man Strom durch den Schädel leitet. Es ist bekannt, dass man damit die Funktionsweise des Gehirns anpassen kann.“

Dr. Sukhbinder Kumar

Manchen Patienten konnte mit einer bestimmten psychologischen Behandlung oder Hypnosetherapie wirksam geholfen werden. Im Allgemeinen gibt es jedoch kaum eine Chance auf eine vollständige Heilung von der Misophonie. Die Betroffenen müssen in einem Zustand der Angst oder der Isolation ausharren, bis geeignetere Behandlungsmethoden entwickelt worden sind.