Kennst du die beiden Gesichter des Neids?

· 8. Februar 2018

Unsere westliche Gesellschaft möchte dem Neid keine Daseinsberechtigung einräumen, auch nicht im kleinsten Rahmen. Frauen mussten über Jahrhunderte die Last der „Erbsünde“ tragen, also das Vergehen Evas, Adam getäuscht zu haben. Auf dem Neid lastet seit Urzeiten ein Stigma: Das Tatmotiv für den Mord Kains an Abel gewesen zu sein. Im Englischen gibt es sogar einen Spruch, der gern im Alltag verwendet wird: „Du bist schlimmer als Kain.“ So werden für gewöhnlich kleine Kinder beschrieben. Damit wird ihr Verhalten direkt getadelt oder man spricht gegenüber einer dritten Partei so über sie.

Darüber hinaus zählt der Neid im katholischen Kontext zu einer der sieben Todsünden; er steht in enger Verwandtschaft mit der Habgier. Losgelöst vom religiösen Kontext, wimmelt es in den Geschichten über das höfische Leben im Mittelalter nur so von geplanten Morden an Individuen, auf deren Machtposition man neidisch war. Aber wir brauchen gar nicht so weit in der Zeit zurückzugehen: In Abendgesellschaften treffen wir auf Menschen, die wir eine Weile nicht gesehen haben. Sie erzählen von ihren tollen Abenteuern und dabei regt sich dann oft ein Gefühl des Neids in uns. Auch wenn wir dieses Gefühl deutlich verspüren, so wissen wir doch meist nicht um die zwei Gesichter des Neids.

„Neid ist das öffentliche Eingeständnis der eigenen Unterlegenheit.“

Napoleon I. Bonaparte

Frau flüstert einer anderen etwas ins Ohr.

Wenn Neid so schlecht ist, warum ist er dann nicht ausgestorben?

Zwei Gründe könnten als Rechtfertigung dafür dienen, dass der Neid als einer der machtvollsten Antriebsfaktoren überlebt hat.

Bein ersten Grund geht es darum, dass Neid für die eigene Zielsetzung nützlich ist. Neid ist wie ein Textmarker in Leuchtfarbe, der die Aufmerksamkeit auf unsere Wünsche lenkt. Manchmal – wenn auch selten – zusätzlich auf unsere Bedürfnisse. Wenn du also zum Beispiel auf den Beruf eines anderen neidisch bist, kann das bedeuten, dass du gleichermaßen zu diesem berufen bist. Denn was wir von der anderen Person, die diesen Beruf ausübt, in Erfahrung bringen können, erwärmt unser Herz.

Beim Neid geht es nicht nur um den Wunsch, ein bestimmtes Objekt der Begierde zu besitzen. Es geht auch um Fähigkeiten, Einstellungen und Verhaltensweisen, die wir gern hätten. Es gibt Menschen, die ein Händchen dafür haben, sich an alle möglichen Umgebungen anzupassen. Andere können mit ihrer Präsenz einen Raum zum Leuchten bringen. Wieder andere haben einen beruhigenden Einfluss oder sind sehr gut im Zuhören. Wenn wir mitbekommen, wie sich eine Verhaltensweise auf das jeweilige Umfeld auswirkt, können wir die eigenen Weichen so stellen, dass wir dieses Verhalten imitieren.

Neid ist auch eng verwandt mit der Eifersucht. Wenn wir Neid verspüren, zeigt das, zusammen mit Verlustangst, dass wir die Aufmerksamkeit unseres Umfelds brauchen. Auf diese Aufmerksamkeit hatten wir es bereits seit Kindertagen abgesehen. Im Umgang mit anderen ist Neid also eines der komplexesten Gefühle – besonders dann, wenn ein neues Familienmitglied hinzukommt.

Neid als Antriebsfeder

Und jetzt kommen wir zum zweiten Existenzgrund des Neids. Hier geht es um Neid als Motivationsfaktor. Du denkst vielleicht, dass Neid nun wahrlich keine edle Antriebsfeder sei. Denn dieses Gefühl geht höchst selten über reine Selbstsucht hinaus. Schließlich und endlich ist es dennoch ein motivierender Faktor. Wie wir bereits gesagt hatten, können wir bei der Beobachtung des Verhaltens einer freundlichen Person Neid empfinden. Genau genommen auf die Rückmeldungen, die sie aufgrund ihrer Einstellung bekommt. Wenn wir also die Auswirkungen ihres Verhaltens unserer eigenen Realität gegenüberstellen, kann uns das zu Folgendem bringen: Wir kommen in die Gänge, um das Leben der anderen angenehmer zu gestalten.

Natürlich muss die Einstellung nicht positiv sein. Wenn wir etwa meinen, dass wir im Verhältnis zu dem Gehalt, das wir beziehen, übermäßig lange arbeiten. Dann bemerken wir plötzlich, dass viele unserer Kollegen früh gehen und das keine Konsequenzen nach sich zieht. Es wäre dann nicht weiter überraschend, dass wir uns dafür entscheiden, ihr Verhalten zu imitieren.

Eine Frau steht auf der Sonnenseite, die zweite ist in ihrem Rücken mit einem neidischen Blick.

Deshalb wird der Neid oft nicht aus sich selbst heraus geboren. Es geht dabei eher um die Auswirkungen, die dieses Element auf die Wirklichkeit hat. Es gibt Leute, die Neid gegenüber Menschen hegen, die ein neues, schickes Auto haben. Tatsächlich sind sie aber nicht neidisch auf das Auto. Sie sind neidisch auf den Status, den das Auto und damit seinem Besitzer innewohnen. Sie sind neidisch auf den Besitz eines Gegenstands, der die Welt wissen lässt, dass Macht und Geld vorhanden ist.

Es gibt in der Tat Studien, die Folgendes belegen: Es gibt viele Leute, die ein Mobiltelefon einer gewissen Marke nicht kaufen würden, wenn sie dazu verpflichtet wären, es in einer Hülle aufzubewahren, auf der der Markenname überklebt ist. Das ist schwierig zu verstehen. Denn genau wie beim Neid geht es hier um die Gefühle, die ausgelöst werden, wenn man mit einer gewissen Marke in Verbindung gebracht wird. Dabei wären die meisten doch gern rationale Wesen.

Wenn wir die Rechtfertigungen für unser Verhalten genauer betrachten, dann können wir sie mehr schlecht als recht als Antriebsfedern charakterisieren. Vor dem Kauf des Mobiltelefons haben wir vielleicht der Akkulaufzeit keine Beachtung geschenkt. Womöglich war diese sogar in der Beschreibung explizit aufgeführt. Wenn wir aber zu einem späteren Zeitpunkt herausfinden, dass die Akkulaufzeit passabel ist und man uns danach fragt, werden wir sie gut und gern als Antriebsfeder für unseren Kauf angeben.

Menschen auf Leitern strecken sich dem Himmel entgegen.

Die großen Probleme mit dem Neid

Eines der größten Probleme mit diesem Gefühl ist, dass es unserer Fähigkeit im Weg steht, mit dem zufrieden zu sein, was wir haben. Neid kann unsere Aufmerksamkeit in einem derartigen Maß auf sich ziehen, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Darüber hinaus kann uns der Neid das Leben regelrecht vergällen. Besonders dann, wenn er das Gefühl der Unzufriedenheit, das wir alle zu einem gewissen Grad fühlen, noch weiter verstärkt. Das Bedürfnis nach „höher, schneller, weiter“ liegt gewöhnlich in einem Gefühl des Neids begründet.

Neid ist ein Gefühl. Und genau wie andere Gefühle gibt es uns Energie und Informationen. Diese brauchen wir, um es zu regulieren. Neid wird erst dann zu einer negativen Sache, wenn dieses Gefühl die Kontrolle übernimmt und unsere Wahrnehmung trübt. Dann werden wir davon abgehalten, all die guten Dinge, die wir in unserem Leben haben, zu genießen.