"Ich bin verflucht": Künstler und ihre dunkle Realität

Viele heute hochgepriesene Künstler führten ein intensives, vielschichtiges und kompliziertes Leben. Sie haben ihre Erfahrungen in ihren Werken festgehalten, die auch heute noch überraschend aktuell sind.
"Ich bin verflucht": Künstler und ihre dunkle Realität

Letzte Aktualisierung: 31. Oktober 2021

Der spanische Maler Goya definierte sich selbst mit seiner öffentlichen Aussage “Ich bin verflucht”. Doch er ist nicht der einzige Künstler, der für seine dunkle Realität bekannt ist. Maler, Bildhauer, Fotografen, Schriftsteller und andere Genies öffnen uns oft in ihren Werken die Tür zu ihrer dunklen Innenwelt. 

In seinen Essays “The Damned Poets” (1884-1888) beschrieb der französische Dichter Paul Verlaine, dass die Kreativität des Genies gleichzeitig ein Fluch ist, der diese außergewöhnlichen Menschen distanziert. Viele bekannte Künstler führten ein schwieriges, ein “verfluchtes” Leben.

1. Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828)

Im Jahr 1793 befiel den Maler Francisco de Goya eine mysteriöse Krankheit, die sein Leben veränderte. Die hohe Bleibelastung durch die Farben könnte für seine Taubheit und sein verändertes Verhalten verantwortlich gewesen sein oder zumindest teilweise dazu beigetragen haben. Nach seiner ersten Lebens- und Schaffensperiode, die von Freude und Licht geprägt war, begann die dunkle Realität des Meisters. Seine schwarze Periode ist durch Horror, Schrecken und Katastrophen gekennzeichnet ist, was sich in seinen Gemälden widerspiegelt.

Die düsteren schwarzen Gemälde drücken die menschliche Unvollkommenheit aus, weltliche Ängste, Grausamkeit und Verzweiflung. Sie stellen auch den Wahn und die veränderte Wahrnehmung des Künstlers dar. Das verfluchte Genie hält in seinem Werk sein psychisches und körperliches Leid fest.

2. Der Künstler Edvard Munch (1863-1944)

Das Leben dieses norwegischen Malers und Grafikers war aufgrund seiner familiären Umstände und seiner psychischen Krankheit sehr kompliziert:

  • Als er erst 5 Jahre alt war, starb seine Mutter an Tuberkulose. Die Verzweiflung des Künstlers ist bereits in Die tote Mutter zu erkennen.
  • Ein paar Jahre später starb seine Schwester Sophie ebenfalls an Tuberkulose. Daraufhin malte er “Das kranke Kind”. Auch sein Vater erlitt dasselbe Schicksal.

All diese tragischen Ereignisse führten dazu, dass der Maler eine bipolare Störung entwickelte, die sich in der Tragik seiner Werke widerspiegelt. Wir empfehlen folgende Lektüre: So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche: Edvard Munch und seine Bilder.

Munch, ein verfluchter Künstler

3. Der Künstler Maurice Utrillo (1883-1955)

Im Alter von 13 Jahren begann der französische Maler Utrillo, Alkohol zu trinken. Dies führte zu Schulversagen und zum Selbstmordversuch. Schließlich kam er zur Behandlung seiner Sucht ins Krankenhaus. Aus einem vom Museo del Palacio de Bellas Artes veröffentlichten Artikel geht hervor, dass ihm seine Mutter 1903 die Malerei als eine Form der Therapie nahelegte. Maurice Utrillo entdeckte damit sein Talent.

In dieser Zeit, die als “weiße Periode” bezeichnet wird, schloss er Freundschaft mit Amedeo Modigliani. Es handelt sich um seine wichtigste Schaffensperiode, in der dieser Maler hellen Sand und Gips mit seinen Farben mischte, wodurch das charakteristische Impasto entstand.

4. Amedeo Modigliani (1884-1920)

Dieser Künstler kam in Livorno (Italien) als vierter und letzter Sohn einer Familie sephardischer Juden zur Welt. Nachdem er sich von Typhus erholt hatte, beschloss Modigliani mit 14 Jahren, Künstler zu werden. Er begann in der privaten Zeichen- und Malschule von Guglielmo Micheli, einem italienischen Maler des Impressionismus.

1889 malte Modigliani seine ersten Werke: augenlose Porträts und Akten in einem sehr persönlichen Stil, der an seinen linearen und lang gestreckten Formen zu erkennen ist.

Modigliani gilt als verfluchter Künstler des 20. Jahrhunderts. Seine Lebensweise, die durch Alkohol, Drogen und Frauen gekennzeichnet war, verdunkelte sein künstlerisches Werk.

5. Der Künstler Jules Pascin (1885-1930)

Der bulgarische Maler Pascin hatte eine sehr eigenartige Persönlichkeit: Er spielte mit seinem Selbstbild und sah sich gerne in der Verführerrolle. Sein Temperament war rastlos, er war permanent von Verzweiflung gequält, die an Angst grenzte. Er interessierte sich besonders für die menschliche Kondition, wobei vorwiegend weibliche Kurven und Formen sein Interesse weckten.

Der zarte und düstere Maler gehörte ebenfalls zur Gruppe der “Verfluchten”, denn mit seiner gequälten Kunst reflektierte er Elend und Verzweiflung, was sich mit der Verschlimmerung seiner psychischen Krankheit verstärkte.

6. Chaim Soutine (1893-1943)

Soutine war das zehnte von elf Kindern. Sein Vater, ein Schneider von Beruf, war nicht begeistert von der Liebe seines Sohnes zur Kunst, denn innerhalb der orthodoxen jüdischen Gemeinde war die Abbildung von Menschen verboten. Der Zweite Weltkrieg war ein harter Schlag für diesen jüdischen Maler. Er erlitt 1943 einen schweren Magendurchbruch und starb schließlich im Krankenhaus.

Die lyrische Intensität seiner Landschaften mischt sich mit gewaltsamen Umrissen und Formen, die er in lebhaften Farben darstellt. Besonders zu erwähnen sind seine düsteren Stillleben, auf denen er tote Truthähne, Kaninchen und Fasane darstellt.

7. Zdzisław Beksiński (1929-2005)

Beksiński war ein polnischer Maler, Fotograf und Bildhauer, dessen kreative Welt als “fantastischer Realismus” beschrieben wurde. In seinem düsteren Werk gibt er verzerrten Charakteren und Figuren eine Form.

Er sah keine Bedeutung in dem, was er malte (deshalb gab er auch keinem seiner Bilder einen Titel). 1977 zog er nach Warschau. Zuvor hatte er jedoch einen Großteil seiner Werke verbrannt, da er sie als autobiografisch betrachtete und sie deshalb zu viele Bezüge zu seinem eigenen “Ich” enthielten.

Sein persönliches Leben war geprägt vom Tod seiner Frau und seines einzigen Sohnes Tomasz, der Selbstmord beging und dessen Leiche er selbst entdeckte. 2005 wurde Beksińkski tot in seinem Haus in Warschau aufgefunden. Er war brutal mit siebzehn Messerstichen ermordet worden.

8. Charles Pierre Baudelaire (1821-1867)

Der in Paris geborene Dichter Baudelaire zählt zu den größten Vertretern des Symbolismus und wird als Begründer der modernen Poesie gefeiert. Aber auch er hatte kein einfaches Leben:

  • Er war der Sohn des ehemaligen Pfarrers Joseph-François Baudelaire und Caroline Dufayis. Sein Vater starb 1827 und seine Mutter heiratete im folgenden Jahr den autoritären Offizier Jacques Aupick, den er nie akzeptierte.
  • Er entwickelte sich zu einem ungehorsamen, depressiven und entwurzelten Jugendlichen.

Für sein Werk Les Fleurs du Mal / Die Blumen des Bösen erhielt er eine Strafe wegen Unsittlichkeit und musste deshalb einige Gedichte daraus entfernen.

Baudelaire, ein verfluchter Künstler

9. Paul-Marie Verlaine (1844-1896)

Der französische Lyriker Verlaine wurde in Metz geboren, studierte am Lycée Bonaparte in Paris und freundete sich schon bald mit den Dichtern der Parnassischen Gruppe Leconte de Lisle an, da er sich stark für Baudelaires Lektüre begeisterte.

Mit seinen ersten Gedichtbänden wurde er bekannt und begann, in literarischen Kreisen großen Einfluss auszuüben, aber sein ausschweifendes Leben, Alkohol und eine stürmische Liebesaffäre mit Rimbaud führten ihn ins Gefängnis, wo er später zum Katholizismus konvertierte.

1894 wurde er zum “Dichterfürsten” gewählt. Doch von Laster und Krankheit geplagt, starb er 1896 in Paris.

10. Stéphane Mallarmé (1842-1898)

Der französische Dichter Stéphane Mallarmé heirartete in Großbritannien und wurde Englischlehrer am Gymnasium in Tournon. Bald verlor er jedoch das Interesse am Unterrichten. Heute wird er zu den wichtigsten Vertretern des Symbolismus gezählt und gilt als Wegbereiter für die moderne Lyrik.

“Erst in sich selbst verwandelt von der Ewigkeit
aufscheucht mit nacktem Schwert der Dichter das verstörte
Jahrhundert, das des Todes Siegsgesang nicht hörte
in dieser unerkannten Stimme Seltsamkeit.”

Das Grab Edgar Allan Poes (1888), von Stéphane Mallarmé

In diesem Sinne lässt sich die Schwierigkeit von Mallarmés Lyrik durch die hohen Anforderungen erklären, die er an seine Gedichte stellte. Er stellt darin häufig Fragen, auf die häufig fehlende Antworten, Abwesenheit und das Nichts folgen.

11. Jean Nicolas Arthur Rimbaud (1854-1891)

Er wurde in Charleville, Frankreich, geboren und begann schon sehr früh zu schreiben. Obwohl er ein hervorragender Schüler war, brach er die Schule ab, um mitten im Deutsch-Französischen Krieg aus seiner Heimat nach Paris zu fliehen und sich dem Kampf für die Freiheit anzuschließen.

Wie Mallarmé ist er einer der führenden Vertreter des Symbolismus. Rimbaud verabscheute jedoch die große Mehrheit der Dichter seiner Zeit. Seine literarische Karriere war sehr kurz, sein Leben sehr intensiv. Auch er war einer der herausragenden, jedoch verfluchten Dichter.

“Ich bin verflucht”: Künstler und ihre dunkle Realität

Viele heute hochgepriesene Künstler führten ein intensives, vielschichtiges und kompliziertes Leben. Sie haben ihre Erfahrungen in ihren Werken festgehalten, die auch heute noch überraschend aktuell sind. Schließlich schrieben sie mit sehr überzeugender Kraft über menschliche Emotionen und Eigenschaften. Es lohnt sich, tiefer in das Universum dieser und anderer Künstler einzutauchen, ihr Werk und ihre Lebensgeschichte zu entdecken.

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