Hypochondrische Tendenzen – googelst du zu viel?

· 11. Mai 2018

Wir alle haben Freunde, die ständig an den verschiedensten Krankheiten leiden, die der werte Dr. Google ihnen mit all seiner Kompetenz diagnostiziert hat. Und wie viele Freunde hast du, die scheinbar alle Krankheiten und Wehwehchen haben, über die im Fernsehen berichtet wird? Wenn die Brust beim Husten schmerzt, denken sie gleich, dass es etwas Ernstes sein müsse. Unsere Antwort lautet dann meistens: „Sei kein Hypochonder!“ 

Aber ganz sicher hast du irgendwann in deinem Leben ein paar Krankheitssymptome im Internet nachgeschaut. Oder vielleicht machst du das sogar ziemlich oft. Oder bist du inzwischen sogar besessen und hast dich in einen Hypochonder verwandelt?

Man sagt auch, dass 70 % der Medizinstudenten an irgendeinem Punkt ihres Studiums zu dem Schluss kämen, dass sie an einer Krankheit leiden, über die sie erst im Studium etwas erfahren haben. Sie glauben, an sich die gleichen Symptome zu erkennen, die sie studieren. Diese Phase, die sie durchmachen, nennt man „transiente Hypochondrie”.

Die Angst davor, krank zu werden, ist weitverbreitet. Diese Angst kann in den verschiedensten Gedanken und Verhaltensweisen zum Ausdruck kommen. Viele verschiedene Reize können diese Angst auslösen, sie zu einem allgegenwärtigen Zustand machen, der uns komplett vereinnahmt. Hypochonder spüren diese Angst permanent und häufig leiden sie sehr unter ihr.

„Ärzte schneiden, brennen und foltern. Das Gute, das sie den Kranken antun, scheint mehr schlecht als recht zu sein und sie verlangen eine Belohnung, die sie eigentlich nicht verdienen.“

Heraklit von Ephesus

Experten in der Interpretation von Symptomen

Viele Menschen neigen dazu, in alles, was ihnen passiert, etwas hineinzuinterpretieren. Sie interpretieren jedes spürbare Signal über, ganz besonders wenn es ihre Körper sind, die diese Signale senden. Viele dieser Signale sind eng mit ihrer Persönlichkeit, der Erziehung, den Erfahrungen der Kindheit und mit ihren Überzeugungen und Ideen, verbunden. Beispiele für Situationen, die wir möglicherweise überinterpretieren, könnten Folgende sein:

  • Mein Kollege Peter hat mich nicht gegrüßt, als er an mir vorbeiging. Vielleicht ist er wütend auf mich?
  • Die Nachbarn sind wieder sooo laut. Die machen nur so viel Lärm, nur um uns zu nerven.
  • Er hat mich nicht zur Party eingeladen, er mag mich wahrscheinlich nicht.
Frau mit Fragezeichen auf der Stirn

Wir verwandeln uns in Experten in Sachen Interpretation, weil es uns schwerfällt, Unsicherheit zu tolerieren. Wenn alles eine Bedeutung hat, reduziert das den Stress für das Gehirn, aber dennoch kennen wir für alle oben genannten Beispiele auch alternative Szenarien. Beispielsweise:

  • Peter war besorgt, weil er in das Büro des Chefs beordert worden war.
  • Die Enkelkinder des Nachbarn sind zu Besuch und rennen herum und spielen, so wie Kinder das nun einmal machen.
  • Er hat die Einladungen per E-Mail verschickt und hat meine E-Mail-Adresse falsch notiert.

Wenn es bei diesen Interpretationen um die Familie, Freunde oder Kollegen geht, bereitet uns das schnell große Sorgen. Aber die Wahrheit ist leicht herauszufinden, wir müssen die betroffenen Personen nur direkt fragen. Aber wenn es um gesundheitlichen Problemen geht, können wir unsere Fragen oft nicht zu schnell klären, was Angstzustände und Panikattacken zur Folge haben kann.

„Die wahre Stärke einer Idee liegt nicht in ihrem Wert, sondern in der Aufmerksamkeit, die man ihr schenkt.“

Concepción Arenal

Einige nennen mich einen Hypochonder. Ist das übertrieben?

Schmerz, Fieber, Husten …jeder von uns war schon einmal besorgt oder verängstigt. Aus Unwissenheit oder weil wir selbst eine ( wahrscheinlich falsche) Diagnose gestellt haben, als wir darüber spekulierten, was mit uns nicht stimme. Das Warten auf Testergebnisse, Überweisungen zu Spezialisten, zusätzliche Meinungen einholen – all das ruft Zweifel und Sorgen hervor.

Macht dich das aber zu einem Hypochonder? Eher nicht. Solange du weiter zur Arbeit, zu Familientreffen und auf Reisen gehst und allen anderen Plänen und Pflichten nachkommst, bewegt sich alles im Rahmen. Und solange die Sorge dich nicht davon abhält, ein normales Leben zu führen, ist es überaus sinnvoll, auf den eigenen Körper zu hören.

Was man früher als Hypochondrie bezeichnet hat, nennt man heutzutage “Krankheitsangststörung”. Mit dieser neuen Bezeichnung umgehen wir den eventuell beleidigenden Unterton, aber das Problem bleibt bestehen. Diese sind die Hauptmerkmale dieser Störung:

  • Angst, Sorge oder Überzeugung, dass man an einer ernsthaften Krankheit leide, wobei diese nur auf einer persönlichen Interpretation der Symptome beruht.
  • Die Sorge bleibt trotz ärztlicher Untersuchungen und Diagnosen bestehen.
  • Die Sorge führt zu sozialem Unbehagen und Verfall, sowohl bei der Arbeit als auch in anderen Bereichen.
  • Dieser Zustand der Besorgnis hält für mindestens sechs Monate an.
  • Die zuvor genannten Symptome können nicht mit einer nervösen Störung, Depression oder eine Deliriumszustand erklärt werden.
Gemaltes Bild von Frau, die sich über Krankheiten beliest

Es gibt keinen Grund, keine logische Erklärung

Wenn wir versuchen, einen vernünftiges Gespräch mit einem Hypochonder zu führen, dann ist das eine ärgerliche Erfahrung, weil er dazu neigt, der Vernunft keine Beachtung zu schenken. Hypochonder ignorieren alle Beweise, die ihren selbst erstellten Diagnosen widersprechen. Sie gehen in der Regel zu vielen verschiedenen Ärzten, in Erwartung einer Bestätigung der eigens gestellten Diagnose und suchen sich die Termine heraus, zu denen sie vermutlich das hören werden, was sie hören wollen. Wenn sich in ihren Körpern etwas verändert, interpretieren sie das stets negativ und misstrauen den Experten. Diese Sorge veranlasst sie dazu, immer weiter nach Informationen zu suchen und permanent zu überprüfen, wie sich ihre Symptome entwickeln.

“Mona Lisa sieht aus, als ob sie gerade krank war oder bald krank geworden ist.”

Noel Coward

Teddybär mit Thermometer und Pflaster

Egal wie ernst die Symptome sind, die Menschen mit diesem Problem entwickeln, es gibt diverse Möglichkeiten, um Hypochondrie unter Kontrolle zu bringen. Sich ständig selbst unter die Lupe zu nehmen, zu interpretieren, was mit einem geschieht, oder zu googeln, bevor man einen Arzt konsultiert, erhöht die Angst nur. So wird man vom Schlimmsten ausgehen, obwohl es keine Beweise für die angestellten Vermutungen gibt. Nur mit Geduld und ohne vorschnelles Handeln kann man die nötige Balance und emotionale Ruhe in Bezug auf die eigene Gesundheit finden.