Gefangensein-Syndrom: im eigenen Körper eingesperrt

· 14. Juli 2018

Das Gefangensein-Syndrom, das auch Locked-in-Syndrom oder Pseudokoma genannt wird, ist eine seltene Erkrankung, die meist durch einen beidseitigen Ponsinfarkt verursacht wird. Die Folgen eines Schlaganfalls in diesem Teil unseres Gehirns sind äußerst schwerwiegend. Er kann dazu führen, dass wir keinen Körperteil außer unseren Augen und Augenlidern bewegen können. Aber auch wenn wir fast unsere gesamte Mobilität verlieren, bleiben wir bei vollem Bewusstsein und verfügen über ein funktionierendes somatosensorisches System.

Es ist, als ob unser Gehirn sich von unserem Körper trenne und seine Fähigkeit verliere, den Muskeln Befehle zu erteilen. Aber es empfängt weiterhin jede Art von Reizen wie Temperatur und Berührung, und Signale wie Hunger und Durst. Die Kommunikation mit der Außenwelt ist stark eingeschränkt, weil wir keinerlei Muskeln mehr bewegen und deshalb auch nicht sprechen können. Die einzigen Teile unseres Körpers, die wir bewegen können, sind unsere Augen und Lider.

Es ist erwähnenswert, dass es Fälle gibt, in denen Menschen es geschafft haben, mit ihren Augenlidern zu kommunizieren. Ihnen werden alle Buchstaben des Alphabets vorgelegt und sie wählen die Buchstaben aus, die sie benötigen, um Wörter und Sätzen, die sie kommunizieren wollen, zu formen. Es ist eine langsame und mühselige Methode, aber sie hat dazu beigetragen, Menschen eine Stimme zu geben, die die ihre wegen dieses Syndroms verloren haben.

Symptome, Ursachen und Prognose

Die allgemeinen Symptome dieses Zustandes sind: Tetraplegie und Anarthrie (die Unfähigkeit, Wörter zu artikulieren) bei vollständig erhaltenem Bewusstsein. Da weder die Hirnrinde noch der Thalamus betroffen sind, gibt es keine Beschränkung der kognitiven Leistungen. Der Patient nimmt seine Umwelt ganz normal wahr, verarbeitet und integriert Informationen. Er kann alle äußeren Reize wahrnehmen, aber er können einfach nicht auf sie reagieren.

Scan eines Gehirns

Die Hauptursache für das Gefangensein-Syndrom ist eine Basilaristhrombose. Häufig kündigt sich diese Wochen oder sogar Monate vorher an, in Form von Schwindel oder Übelkeit. Es handelt sich dabei nicht notwendigerweise um ein primär vaskuläres Problem, sondern manchmal auch um die Folgen eines Hirntraumas, das durch eine Quetschung des Hirnstamms oder eine vertebrobasiläre Insuffizienz verursacht wird, einer Tumorerkrankung oder Enzephalitis.

Je nachdem, wie stark die motorischen Funktionen des Patienten beeinträchtigt sind, werden drei Arten des Gefangensein-Syndroms klassifiziert:

  • Klassisch: Dazu gehören Tetraplegie, Anarthrie, Erhaltung des Bewusstseins und die Fähigkeit, Augen oder Augenlider zu bewegen.
  • Unvollständig: Es ist dem klassischen Typ ähnlich, aber Betroffene können ein wenig mehr als nur die Augen bewegen.
  • Total: Ausfall jeglicher Art von Bewegung. Dies geschieht in der Regel nach einer Ischämie des Mittelhirns.

Je nachdem, wie die geschädigte Hirnzone sich entwickelt, kann das Gefangensein-Syndrom vorübergehend oder dauerhaft sein. In den Fällen, in eine physische Trennung der Leitungsbahnen erfolgte, die vom Pons stammen, ist eine Genesung unmöglich. Sie führt dazu, dass die Befehle des Gehirns niemals wieder den Rest des Körpers erreichen können. Das Ergebnis ist, dass der Patient nicht länger auf keine Reize reagieren kann, obwohl er sie nach wie vor empfängt.

Möglichkeiten zur Diagnose des Gefangensein-Syndroms

Es macht Sinn, darüber nachzudenken, wie schwer es ist, das Gefangensein-Syndrom zu erkennen und es von anderen Zuständen wie einem Koma zu unterscheiden. Das Problem ist, dass es zunächst nicht einfach ist, herauszufinden, ob die geistigen Fähigkeiten des Patienten erhalten sind, weil dieser nicht kommunizieren kann.

Bildgebende Verfahren können zeigen, welche Art von Hirnläsion gegeben ist, und das wird ihnen helfen, festzustellen, ob es sich um das Gefangensein-Syndrom oder eine andere Kondition handelt. Weiterhin gibt es Testverfahren, die Ärzten helfen, die Hirnaktivität zu evaluieren. Sowohl die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) als auch das Elektroenzephalogramm (EEG) können dem Arzt Informationen über die Gehirnaktivität des Patienten liefern. Ein PET-Scan lässt uns sehen, ob der Hirnstoffwechsel normal ist. Und wenn das der Fall ist, würde das bedeuten, dass wesentliche Gehirnfunktionen erhalten sind und der Patient bei Bewusstsein ist, wie beim Gefangensein-Syndrom zu erwarten ist. Mit einem EEG können die Hirnströme des Patienten analysiert werden. Im Falle eines Gefangensein-Syndroms wäre ein normaler reaktiver Alpha-Rhythmus zu sehen.

Schmetterling und Taucherglocke

Jean-Dominique Bauby war ein französischer Journalist, der mit 43 Jahren eine Gehirnembolie erlitt. Nach 20 Tagen im Koma erwachte Bauby mit dem Gefangensein-Syndrom. Er konnte nur sein linkes Auge bewegen und seinen Kopf leicht neigen. Sein körperlicher Zustand verschlechterte sich und er verlor in wenigen Wochen rund 27 kg an Gewicht.

Schmetterling vor roten Blüten

Er lebte etwa ein Jahr lang mit der Krankheit. Während des Jahres, das er in seinem Körper gefangen verbrachte, erlernte er eine Art zu kommunizieren, wozu er eine Buchstabentafel verwendete und blinzelte. Dank der Hilfe von Logopäden und seiner Familie gelang es ihm, eine Autobiographie mit dem Titel Schmetterling und Taucherglocke  zu schreiben, die zu einem Bestseller wurde und später als Vorlage für einen Film diente.

„Enthält der Kosmos einen Schlüssel zum Öffnen meiner Taucherglocke? Eine U-Bahn-Linie ohne Endstation? Eine Währung, die stark genug ist, um meine Freiheit zurückzukaufen? Wir müssen weitersuchen.“

Jean-Dominique Bauby

Wenn wir den Film anschauen, werden wir sehen, welcher Herausforderung Jean-Dominique Bauby gegenüberstand. Er hatte all diese Gedanken in seinem Kopf, die sein Körper nicht ausdrücken konnte. Er benutzte seine Fantasie und reiste an andere Orte in seinem Geiste, um der harten Realität zu entfliehen.