Es gibt kein Weiß ohne Schwarz, nichts Gutes ohne etwas Schlechtes

6. Oktober 2017 en Psychologie 0 Geteilt

Ohne Schwarz gibt es kein Weiß, ohne Traurigkeit kein Glück. Was das Thema Farben angeht, hängen unsere Vorlieben von unserem Geschmack ab, zumindest teilweise. Wenn wir aber über Gefühle reden, scheint es da weniger Variationen zu geben. Wir lehnen diejenigen ab, die uns ärgern, und heißen diejenigen willkommen, mit denen wir uns wohlfühlen. Ohne die einen gäbe es allerdings auch die anderen nicht – oder auf jeden Fall nicht in der gleichen Art und Weise. Würdest du in der Lage sein, die Freude wertzuschätzen, wenn du nie Traurigkeit erfahren hättest?

Wir laufen vor unangenehmen Situationen gern davon. Oder geben uns manchmal damit zufrieden, zu leiden und zum Opfer der Umstände zu werden, von denen wir annehmen, dass wir sie nicht verändern könnten. Diese passive Einstellung entledigt uns der Verantwortung über unser eigenes Leben. Aber wenn du dich schon in all diese negativen Erfahrungen stürzt, warum schätzt du dann nicht das Gegenteil?

„Die Wirklichkeit ist in schwarz-weiß realer.“

Octavio Paz

Ohne Schwarz gibt es kein Weiß

Der wahre Grund, warum wir uns in Negatives stürzen, ohne in der Lage zu sein, das Positive zu sehen, rührt daher: Wir knüpfen Hoffnungen und Erwartungen an das, von dem wir denken, dass es uns glücklich machen würde. Wir denken, dass ein vollkommenes Leben von Glück erfüllt sein sollte. Da gibt es dann keinen Geldmangel, keine Kündigungen, keine Krankheiten und keine toxischen Beziehungen.

Vor all diesen Dingen laufen wir davon. Genauso rennen wir auch vor den Fehlern weg, die wir gemacht haben. Wenn wir ihnen nicht entkommen können, werden wir traurig. Aber das sollte nicht passieren. Denn dank all dieser Erfahrungen lernen wir auch, das Gegenteil zu schätzen: wie schön es ist, wenn sich die Dinge die Waage halten und wenn unsere Bedürfnisse befriedigt werden.

Warum schätzen wir das Schlechte nicht? Wenn es uns doch erlaubt, das Gute zu sehen? Und uns sogar dort hinführt? Wenn du nie einen Fehler begangen hättest, dann wüsstest du wohl nur die Hälfte von dem, was du heute weißt. Wenn du nie gelogen hättest oder belogen worden wärst, wüsstest du die Ehrlichkeit deiner Mitmenschen nicht zu schätzen, weil du nicht verstündest, wie verlockend es sein kann, zu lügen. Gleichermaßen wüsstest du nicht, was wahre Freundschaft ist, wenn dich keiner deiner Freunde je enttäuscht hätte. Ein Großteil unseres Wissens stammt aus schwierigen Zeiten.

In jeder schlechten Sache gibt es auch etwas Gutes. In jedem hässlichen Ding steckt auch etwas Schönes. Es geht einfach nur darum, die Augen aufzumachen und wirklich zu sehen.

Gerade in den Beziehungen, in denen uns der größte Schmerz zuteil wird, haben wir auch das größte Bedürfnis danach, Positives zu erfahren. In unseren Beziehungen, seien es Beziehungen zu Freunden oder Partnern, steigern unsere Erwartungen die Enttäuschung, die wir verspüren.

Wie wichtig es ist, realistisch zu bleiben

Keiner bleibt von Schmerz und Leid verschont und das ist auch in Ordnung so. Es gibt viele negative Menschen auf dieser Welt und viele Umstände, die uns auf die Probe stellen. Wenn du nie verletzt worden wärst, könntest du nicht zwischen aufrichtigen Leuten und denen, die auf ihren Vorteil aus sind, unterscheiden. Alles Schlechte, was geschieht, hat eine positive Seite.

Du denkst vielleicht, dass aus Untreue nichts Gutes erwachsen könne, besonders wenn dein Partner die untreue Partei war. Mit der Zeit wirst du dies jedoch aus einem anderen Blickwinkel sehen und feststellen, dass es auf gewisse Weise eine positive Sache für dich war: Die Untreue deines Partners verlieh dir vielleicht die Motivation, die du brauchtest, um eine Beziehung zu beenden, die dir nichts mehr geben konnte. Gleichermaßen hast du dazugelernt und kannst dir jetzt sicher sein, was du willst und was nicht, wenn du dich in einer Beziehung befindest.

Tatsächlich können dich Trennungen immer etwas lehren: dass die Person nicht die richtige für dich war. In solchen Situationen lernst du auch dich selbst besser kennen, erfährst, wie du dich im Angesicht von Problemen verhältst, mit denen du dich auseinandersetzen musst, wenn dir schon längst der Geduldsfaden gerissen ist.

Ohne dass es uns bewusst ist, suchen wir manchmal aktiv die Dunkelheit auf. Wie oft hast du gedacht, dass es dich glücklich machen würde, wenn du etwas Bestimmtes hättest? Warum denkst du, dass dein Leben zum Scheitern verurteilt ist, weil du keine Kinder bekommen kannst? Wann hast du dich das letzte Mal als Opfer gefühlt, wenn es doch in deiner Hand lag, keines zu sein? Die Antworten auf diese Fragen können nur im aufregenden Gesetz des Lebens gefunden werden – in Form von wertvollen Lektionen.

Ohne Schwarz gibt es kein Weiß. Ohne Schlechtes gibt es kein Gutes. Das Leben dreht sich um zwei gegensätzliche Pole, die sich gegenseitig anziehen.

Alles, was mit Gefühlen einhergeht, hinterlässt seine Spuren bei uns. Darum haben wir in unseren Beziehungen auch immer so viele Probleme. Manchmal laden wir unsere Bedürfnisse auf andere ab: emotionale Unzulänglichkeiten, Ängste, das Bedürfnis danach, glücklich zu sein… In all diesen Dingen gibt es aber nichts Negatives. Wir lernen aus unserem Schmerz und unserem Leid. Dies ist die einzige Möglichkeit, wie wir als Menschen wachsen können. Weil es ohne Schwarz kein Weiß gibt – was eine gute Sache ist.

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