Die Traurigkeit umfasst fünf grundlegende Aspekte

· 14. Oktober 2017

Manchmal werden wir von einer unbeschreiblichen Traurigkeit erfasst. Stumm drücken wir unsere Stirn gegen die Fensterscheibe und lassen unser Herz bis in die Hosentasche rutschen. Diese Traurigkeit verstehen, das fällt uns allerdings schwer. Wir wissen meist nicht so recht, was die Ursache dafür ist. Wir können nur feststellen, dass wir diesen Tagen nicht mit demselben Enthusiasmus begegnen, den wir für gewöhnlich aufbringen.

Wodurch werden solche Situationen verursacht? Wir sprechen hier nicht über die Depression – das ist etwas ganz anderes. Wir meinen jene Tage, an denen unser Stimmungsbarometer auf Null fällt. Die Zeiten, in denen wir mit unserer Alltagsroutine brechen und unsere Hoffnungen aufgeben.

„Du kannst die Vögel der Traurigkeit nicht daran hindern, dir um den Kopf zu flattern, aber du kannst verhindern, dass sie in deinem Haar ein Nest bauen.“

Chinesisches Sprichwort

Eine Sache ist klar: Traurigkeit ist eine Botschaft, die wir lernen müssen zu verstehen. Sie ist nämlich nicht von Dauer. Heutzutage erlauben wir es uns jedoch nicht, traurig zu sein. Für dieses Gefühl, das für unser Gehirn wie eine Regenrinne fungiert, gibt es keinen Raum. Wir fühlen uns dazu verpflichtet, es zu ignorieren und so zu tun, als ob alles in Ordnung sei. Damit wir den Oscar für die beste schauspielerische Leistung des Jahres bekommen, indem wir zeigen, dass wir gegen Enttäuschung, Frust und Unbehagen immun sind.

Niemand kann diese undurchdringliche Rüstung allerdings für längere Zeit tragen. Obwohl wir Zugang zu Informationen jeder Art, Büchern und Veröffentlichungen haben, erhalten wir weiterhin die Vorstellung am Leben, dass Traurigkeit krankhaft sei.

Schauen wir doch stattdessen der Wahrheit ins Auge: Traurigkeit ist ein menschlicher Zug. Wir sollten die Traurigkeit verstehen lernen. Sie lässt sich mit Aufforderungen wie „Jetzt reiß dich zusammen, so ist das Leben eben!“  nicht kurieren. Die Traurigkeit erfüllt ihre Funktion. Diese werden wir im Folgenden näher beschreiben.

Ein Fuchs streift durch eine nebelbedeckte Lichtung.

1. Traurigkeit als Warnsignal

Traurigkeit zeigt immer auch einen Energieverlust an. Wir sinken nicht auf jenes Niveau der Niedergeschlagenheit und Reglosigkeit herab, das mit einer Depression einhergeht; die Traurigkeit ist leichter und subtiler als diese. Wir haben das Bedürfnis, uns in uns selbst zurückzuziehen. Apathie und eine undefinierbare Müdigkeit treten zeitgleich in Erscheinung.

Diese körperliche Reaktion ist eine Antwort auf eine Warnung des Gehirns. Wegen ihr entziehen wir uns den äußeren Reizen unseres Umfelds, damit wir uns mit unserem inneren Selbst verbinden können. Wir müssen noch genauer erforschen, was uns behelligt, was uns Sorgen bereitet oder uns verstimmt.

2. Traurigkeit schont die Ressourcen

Bernhard Thierry ist ein Biologe und Physiologe, der negative Gefühle jahrelang untersucht hat. Er ist der Ansicht, dass Traurigkeit eine kleinere Variante eines Winterschlafes in uns auslöse. Sie versetzt uns in den Stand-by und an einen Ort der Bewegungslosigkeit und der Introspektive, damit wir nachdenken können. Das Gehirn soll sich sicher sein können, dass wir unsere Energie nicht auf Tätigkeiten verwenden, die im Augenblick keinen Vorrang haben.

Es ist von essenzieller Wichtigkeit, dass wir die Trübsal dadurch wegblasen, dass wir uns auf uns selbst konzentrieren. Wir schenken diesem Bedürfnis nach einem Energiesparmodus aber nicht immer Beachtung. Wir gehen darüber hinweg und machen mit unserem alltäglichen Leben weiter – so, als ob gar nichts geschehen wäre.

3. Traurigkeit als Selbstfürsorge

Es gibt viele Psychologen, die Traurigkeit nicht mit dem Etikett eines negativen Gefühls versehen wollen. In unserer fast schon obsessiven Fixiertheit darauf, jede Verhaltensweise und jedes psychologische Phänomen in eine bestimmte Schublade zu stecken, verlieren wir manchmal das Gesamtbild aus den Augen.

Traurigkeit ist nichts Schlechtes – und auch nichts Positives. Sie ist nur ein Gefühl, das als Warnmechanismus dient. Sie teilt uns wertvolle und notwendige Dinge mit, wie zum Beispiel: „Halte einen Augenblick inne, höre auf dich selbst, kümmere dich um dich selbst, sprich zu dir und verstehe, was mit dir los ist.“

Wenn also das nächste Mal ein Freund, Familienmitglied oder Lebenspartner etwas sagt wie „Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist, ich bin traurig“, solltest du diesem Menschen auf keinen Fall mitteilen, dass er sich keine Sorgen zu machen brauche und bestimmt bald wieder glücklich würde.

In einer nächtlichen Berglandschaft ist ein einsamer Wanderer unterwegs, um seine Traurigkeit zu verstehen.

Die angemessene Antwort ist wirklich einfach: „Sag mir, was du brauchst.“  Etwas in diesem Sinne wird deinen Freund dazu bringen, über die Wurzel seines Problems nachzudenken. Somit kann er ein tieferes Verständnis ihrer wahren Bedürfnisse erlangen.

4. Traurigkeit als Sehnsucht

Traurigkeit hat einen seltsamen Beigeschmack, da sie zwischen Sehnsucht und Melancholie hin- und herpendelt. Da fehlt etwas. Wir fühlen uns durch die gegensätzlichen Gefühle, den leeren Raum und die namenlosen Bedürfnisse am Boden zerstört, sodass wir sofort einen Anfall der Verzweiflung erleiden.

„Es ist schwer, Heiterkeit vorzugaukeln, wenn das Herz traurig ist.“

Albius Tibullus

Die Leute sagen häufig, dass die Traurigkeit die edelste Form der Empfindung sei. Sie lade Menschen dazu ein, kreativer zu sein und in Form von Kunst, Musik oder Schreiben zu experimentieren, um alle diese widersprüchlichen Gefühle zu kanalisieren.

Es ist allerdings wichtig, sich daran zu erinnern, dass, selbst wenn die Traurigkeit eine Quelle der Inspiration für das Künstlerherz sein kann, sich niemand für immer in diesem Land der Sehnsucht, Melancholie und der Leere aufhalten kann, wo nur emotionale Unreife wohnt.

5. Traurigkeit als psychologische Entwicklungsstrategie

Auf der höchsten Stufe von Abraham Maslows Bedürfnishierarchie findest du den Begriff „Selbstverwirklichung“. Wir dürfen nicht vergessen, dass dieser beinahe ideale Gipfel des psychologischen Wachstums solch grundlegende Prinzipien wie Selbstachtung und emotionale Stärke umfasst.

Menschen, die nicht in der Lage dazu sind, ihre Sorgen zu verstehen oder angesichts dieser in sich zusammensinken, sind auch die Personen, die sich lieber „abschalten“ oder ihre eigenen Bedürfnisse und ihre Identität in die Hände anderer legen.

Ein grundlegender Beitrag zu deinem psychologischen Wachstum ist das Verständnis deiner eigenen Gefühle. Und dass du dich zum Oberhaupt deines persönlichen Universums erhebst. Deshalb ist es auch eine gute Idee, Traurigkeit nicht länger mit Begriffen wie Schwäche oder Verletzlichkeit in Verbindung zu bringen.

Denn hinter allen Menschen, die ihre Traurigkeit erkennen und sich ihr stellen, verbergen sich wahre Helden.

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Amanda Clark