Die richtige Art, zu vermissen

24. November 2017

Zu lernen, wie man vermisst, ist ein Teil des persönlichen Wachstums. Wenn man über längere Zeit Abwesenheit fühlt, kann das an unseren Ressourcen zehren. Aus diesem Grund ist es notwendig, zu lernen, wie man Abschied nimmt. Loslassen ist schmerzhaft und traurig, aber es gehört zum Leben dazu.

Das Konzept des Vermissens ist etwas, das man in der Regel mit Menschen in Verbindung bringt, die einem fehlen. Aber es ist interessant, dass Menschen auch Experten darin sind, Gegenstände, Situationen und sogar Abstraktes zu vermissen, das sich nicht definieren lassen. Diese gefühlsmäßigen und existenziellen Leerräume sind manchmal so komplex, dass sie unsere mentale Gesundheit gefährden können.

„Jemand hat einmal gesagt, dass das Vergessen voller Erinnerung sei.“

Mario Benedetti

„Ich vermisse die Person, die ich früher war, als ich noch glücklicher und hoffnungsvoller war“,  bedauern wir uns vielleicht selbst. Diese Vorstellung, dieses Gefühl von Rückschritt, das wohl die meisten schon einmal erlebt haben, definiert der Psychologe Robert Plutchik als „Sehnsucht nach der Vergangenheit“. Diese hat er auch in seinem berühmten „Rad der Gefühle“ dargestellt: Wenn man in einer Blase der Sehnsucht lebt, kann sich dies in einem verzweifelten Verlangen nach etwas niederschlagen, das man einmal hatte oder was man einmal war. Diese Verlangen verwandelt sich dann in Verletzlichkeit, die Verletzlichkeit in Angst und Depression. Bevor wir es also zulassen, dass wir so abgleiten, wie schon Ophelia in die Wasserwelt der Sorgen, müssen wir die Kunst des Abschiednehmens erlernen und das Wissen erwerben, wie man vermisst.

Blüten werden aus der Hand geweht

Das Land, das man Vermissen nennt

Es gibt ein unsichtbares Land, eine parallele Welt, die wir alle manchmal aufsuchen. Diese Welt heißt Vermissen. Wir betätigen den Knopf, um in diese Welt einzutauchen, immer dann, wenn jemand uns verlässt, den wir lieben. Wir gehen dorthin, wenn wir eine Routine oder Aktivität hinter uns lassen, die eine besondere Bedeutung für uns hatte. Und wir leben fast dauerhaft in dieser Welt, wenn wir jemanden verlieren, oder sogar, wenn wir zutiefst unzufrieden mit uns selbst sind.

In dieser Welt weht ein ständiger Wind, den man Sehnsucht nennt. Sehnsucht nach jemandem oder nach etwas. Sehnsucht ist auch ein Mangel an Luft. Es kostet uns Kraft, durchzuatmen, weil es ein Loch in unserem Herzen gibt, durch das alles Erlebte – eines nach dem anderen – hindurchfallen.

Das Land des Vermissens ist ein dunkler und bedrückender Irrgarten, indem man niemals zu lange bleiben sollte. Denn je tiefer man hineingeht, desto mehr vergisst man, wie man wieder herauskommt. Wenn man im dauerhaften Exil des Vermissens lebt, wird das nur Verzweiflung bringen und eine tiefe Unzufriedenheit mit der realen Welt.

Damit man sich nicht in dieser Dunkelzone verfängt, muss man in der Lage sein, intelligente Entscheidung auch in Zeiten emotionaler Probleme zu treffen. Dies ist nötig, damit man versteht, dass das Vermissen ein Teil des Lebens ist, und nicht eine Lebensart.

Labyrinth

Die Kunst des Abschiednehmens trainieren

Es ist wichtig, dass man lernt, wie man ein Kapitel beendet. Anstatt sich danach zu sehnen, was gestern war, sollte man darin investieren, was heute sein kann. Man muss lernen, wie man vermisst, was nicht mehr um einen ist. Man muss es in einer speziellen Ecke des Herzens verwahren, während man sich dazu entschließt, wieder glücklich zu sein. Im Leben geht es vor allem darum, Entscheidungen zu treffen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und aus diesen schrecklichen Irrgärten der Sehnsucht herauszukommen.

Loslassen bedeutet nicht, aufzugeben, sondern zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die nicht mehr sein können.

Last uns nun über einige Strategien nachdenken, die in diesen Situationen angewendet werden können.

Seinen Weg aus emotionalen Schwierigkeiten herausfinden

Wenn man etwas vermisst, befindet man sich an einer Kreuzung dreier mächtiger Schlachtfelder: Sehnsucht, die Angst vor Einsamkeit und emotionale Verwundbarkeit.  Bei diesen drei handelt es sich um schlaue Feinde, die man kennenlernen muss und von denen man lernen muss, wie man sie zähmt.

  • Das Erleben von Verwirrung. Mit der Sehnsucht geht Verwirrung einher. „Was werde ich jetzt tun? Was wird aus mir werden?“,  sind Fragen, die wir uns in solchen Zeiten stellen. Man wird von Gefühlen und Emotionen bombardiert. Man muss sie eine Zeit lang durchleben, sie akzeptieren, um sie dann loszulassen.
  • Analysiere das emotionale Dickicht, indem du dich befindest. Um sich dem Schmerz der Abwesenheit und Leere zu stellen, ist es von großer Wichtigkeit, dass zerlegt, was einen zu ersticken droht.
  • Man kann die Sehnsucht überwinden, indem man sich neue Ziele setzt. Die Angst vor Einsamkeit kann ausgelöscht werden, indem man Mut findet. Man muss anfangen, sich in seiner eigenen Gesellschaft glücklich zu fühlen, während man sich die Unterstützung von anderen sucht.
  • Die emotionale Verwundbarkeit kann geheilt werden, indem man zuversichtlich in die Zukunft schaut. Dies kann erreicht werden, indem man in seine Widerstandskraft investiert. Diese Art von Stärke wird einem von niemandem beigebracht. Man entdeckt sie, indem man Tag für Tag einen festen Schritt nach vorn macht. Man kann dies für sich selbst tun, oder auch in der Gesellschaft anderer Menschen. Man braucht hierzu die Entschlossenheit von jemandem, der sich entschieden hat, der Autor seiner eigenen Geschichte zu sein.
Frau in einer Landschaft aus rotem Feld und blauem Himmel

Man muss in der Lage sein, neue Wege im Leben zu gehen und darf dabei nicht zulassen, dass die Schatten von Abwesenheit und Leere einen dazu bringen, an seinen Entscheidungen zu zweifeln. Menschen werden immer Dinge, andere Menschen oder Bruchstücke einer außergewöhnlichen Vergangenheit vermissen. Sie sind alle Teile unseres Lebens, die wir in Ehren halten. Aber sie sind auch nur Kapitel in einem Roman, der noch viele andere bereithält. In diesem Roman gibt es noch viel mehr Zeilen, die zu schreiben sind.