Die Gefahr darin, jemanden als „toxische Person“ zu bezeichnen

· 17. Februar 2018

Sei vorsichtig, wenn du jemanden als „toxische Person“ bezeichnest, denn dieses Label wird in einem Streit leicht vergeben. Es bedeutet, dass wir die Verantwortung für ein Problem vollständig auf den anderen übertragen. Das Problem daran ist, dass wir uns dann in die Opferrolle versetzen, was natürlich eine sehr verführerische Idee ist. Darum ist es so verlockend für emotionale Faulenzer oder Leute, die denken, sie seien perfekt, andere als toxische Menschen einzuordnen. Und für Leute, die meinen, dass eine toxische Person keine Empathie verdiene.

Die letzte Gruppe will nicht erkennen, dass die Giftigkeit einer Person eine Reaktion auf eine komplexe Vergangenheit ist. Diese Menschen mögen glauben, dass es sich hierbei um eine inhärente Eigenschaft handele. Mit anderen Worten ist sich die Person, die das Label „toxische Person“ nutzt, nicht bewusst, dass die Giftigkeit – falls sie existiert – eine Geschichte und einen Grund hat.

Ein weiterer Grund, warum wir mit der Bezeichnung „toxische Person“ vorsichtig sein sollten, ist, dass es kein wissenschaftliches Label ist. Es gibt keine Studien zur Giftigkeit von Menschen. Es gibt Studien über Verhalten, das andere später als toxisch bezeichnen. Sie tun dies jedoch a posteriori und ohne die vielen Variablen zu bedenken, die dieses Verhalten einst verursachten. Und es ist nur ein kleiner Schritt von dem Labeln eines Verhaltens zum Labeln einer Person.

Der Begriff der toxischen Person ist inzwischen so populär, dass es sehr wahrscheinlich wird, dass auch wir einmal so bezeichnet werden. Niemand ist davor sicher, in diese Kategorie gesteckt zu werden.

Warum hat das Label „toxische Person“ solch einen Eindruck hinterlassen?

Jemanden als giftig zu bezeichnen, ist nicht harmlos. Tatsächlich kann es als regelrechter Angriff verstanden werden. Als grausame Beleidigung versteckt in moralischer Überlegenheit, die du vielleicht durch das Blättern durch einige Selbsthilfebücher gewonnen hast.

Die Bezeichnung „giftig“ ist leicht zu verstehen. Sie erhält ihre Stärke, weil sie nach „Gift“ klingt. In unserer Vorstellung deutet sie auf eine gefährliche Substanz hin, mit der wir sehr vorsichtig sein müssen. Wenn wir also sagen, etwas sei giftig, dann meinen wir, dass wir uns dieser Sache nicht nähern sollten.

Mädchen mit Hasenohren

Es ist eine Schande, dass die Waffe dieses verletzenden Labels in den ignoranten Händen so vieler Leute so viel Schaden anrichtet. Dies verdient eine genauere Betrachtung, und genau darum geht es im weiteren Verlauf dieses Artikels.

Es gibt keine giftigen Leute, nur giftige Beziehungen und Verhaltensweisen

Niemand ist von Natur aus toxisch. Menschliche Wesen haben niemals Arsen anstelle von Blut in ihren Gefäßen. Manchmal sind wir das ruhige Meer, auf dem uns Segel und Ruder dahin bringen, wohin wir wollen. Zu anderen Zeiten fühlen wir nur den Sturm, ohne überhaupt das Wasser zu sehen. Einen Sturm, den wir zuweilen anheizen und weitergeben.

Im Leben werden unsere Erwartungen, Verhaltensweisen und Werte mit denen unserer Mitmenschen kollidieren. Fühlen wir Leere und Ungewissheit, entscheiden wir uns vielleicht dafür, diese emotionale Leere zu ignorieren. Stattdessen wälzen wir unsere Verantwortung auf andere Personen ab.

Paar mit Gasmasken

Eventuell bedarf es etwas Selbstbeobachtung und ein bisschen Arbeit an uns selbst, bevor wir daran denken, jemanden als „toxische Person“ zu bezeichnen.

Toxische Dynamiken anstelle von toxischen Personen

Jeder kann Opfer von toxischem Verhalten werden. Aber für gewöhnlich sind wir eher Teil von toxischen Dynamiken als selbst toxische Personen. Das ist der Fall, wenn wir aus Stolz nicht mehr mit jemandem reden, weil diese Person nicht mit uns redet. Wenn wir auf etwas bestehen, nur um damit die Ignoranz des anderen hervorzuheben. Wenn wir abhängig werden, weil die andere Person überbehütet.

Du siehst, die Bezeichnung „giftig“ ist genauso stark wie ungenau. Zu sagen, jemand sei eine toxische Person, zeigt nur, dass sie gefährlich oder potenziell gefährlich ist. Es sagt nichts darüber aus, auf welche Art sie uns gefährlich werden kann, welche Aspekte dieses Label betrifft oder wie wir uns, wenn nötig, vor der Gefahr schützen können.

Und es zeigt auch nicht, wie wir jener Person helfen könnten. Höre auf damit, andere in Schubladen zu stecken und betrachte sie besser als das Individuum, was sie sind.