Die 7 Sünden des Gedächtnisses laut Daniel Schacter

· 23. Februar 2019

Daniel Schacter, Gedächtnisforscher, Kognitionspsychologe und Professor für Psychologie an der Harvard University (Massachusetts, USA), vertritt die Ansicht, dass unser Gedächtnis für sieben Fehler anfällig sei, die uns aufgrund seiner Funktionsweise allen gemein seien. Er nennt diese sieben Fehler die sieben Sünden des Gedächtnisses.

Wie Schacter erklärt, zeige die Forschung, dass der Prozess der Aufnahme und des Abrufens von Erinnerungen eine konstruktive Aktivität sei. Schacter weist zudem darauf hin, dass das menschliche Gedächtnis nicht perfekt sei. Es habet seine Mängel und wir alle seien in unserem täglichen Leben von Gedächtnisstörungen betroffen.

In seinem Buch The Seven Sins of Memory  (zu Deutsch: Die sieben Sünden des Gedächtnisses,  noch nicht auf Deutsch verfügbar) klassifiziert Schacter die vom Gedächtnis hervorgerufenen Verzerrungen in sieben grundlegende Kategorien: Vergänglichkeit, geistige Abwesenheit und Blockade, sowie fehlerhafte Zuordnung, Suggestibilität, Vorurteil und Persistenz.

„Allerdings“,  sagt Schacter, „sollten diese Gedächtnisverzerrungen nicht als Fehler im Systemdesign angesehen werden, sondern sie sind vielmehr als Nebenprodukte von wünschenswerten Merkmalen des menschlichen Gedächtnisses zu verstehen.“  In diesem Zusammenhang betont Schacter, dass es Beweise dafür gebe, dass das Gedächtnis die Bedürfnisse der Gegenwart erfülle und dass die Vergangenheit mit aktuellem Wissen, Überzeugungen und Emotionen neu gestaltet werde.

„Erinnerungsfehler sind ebenso faszinierend wie wichtig“,  sagt Schacter. Die sieben Sünden des Gedächtnisses treten im Alltag häufig auf und sind an sich kein Anzeichen für eine Pathologie. Das Problem ist, dass die Folgen, die sich aus dieser mnesischen Sünde ergeben mögen, oft unerwünscht und unangenehm sind.

Kopf aus Zahnrädern

Die 7 Sünden des Gedächtnisses

Schacter behauptet, dass Gedächtnisstörungen in sieben grundlegende Übertretungen oder Sünden unterteilt werden können. Auf der einen Seite stehen die Sünden der Auslassung, die dazu führen, dass man sich nicht an eine Idee, eine Tatsache oder ein Ereignis erinnere. Diese sind Vergänglichkeit (Verlust des Speichers im Laufe der Zeit), Unachtsamkeit (Aufmerksamkeitsfehler, die zu Gedächtnisverlust führen) und Blockade (Unfähigkeit, Informationen abzurufen, die im Gedächtnis vorhanden sind).

Auf der anderen Seite gebe es die Sünden der Kommission, die verschiedene Arten von Verzerrungen beinhalten, d. h. Fälle, in denen die Erinnerung wiederhergestellt wird, aber es einen Fehler in dieser Erinnerung gibt, sei es, dass sie schlecht kodifiziert oder unbemerkt nachträglich geändert wurde.

Es handelt sich um fehlerhafte Zuordnungen (Zuschreibung des Gedächtnisses auf einen falschen Verlauf), Suggestibilität (implantierte Erinnerungen, die aus Vorschlägen oder irreführenden Informationen resultieren) und Vorurteile (Verzerrungen aufgrund von Überzeugungen und Gefühlen).

Schacter schlägt eine letzte Sünde vor, die Sünde der Persistenz, die mit aufdringlichen und unerwünschten Erinnerungen zu tun habe, die wir nicht vergessen dürfen.

Vergänglichkeit

Vergänglichkeit bezieht sich auf eine Abschwächung, eine Verschlechterung oder den Verlust von Wissen im Laufe der Zeit. Tatsächlich können wir uns viel besser an jüngere Ereignisse erinnern als an ältere. Dies ist ein grundlegendes Merkmal des Gedächtnisses und gleichzeitig der Urheber vieler Gedächtnisprobleme.

Vergänglichkeit wird durch Interferenzen verursacht, und es gibt zwei Arten von Interferenzen: proaktive Interferenzen, bei denen alte Informationen die Fähigkeit, sich neue Informationen zu merken, einschränken; und rückwirkende Interferenzen, bei denen neue Informationen die Fähigkeit, alte Informationen abzurufen, limitieren.

Geistige Abwesenheit

Geistige Abwesenheit impliziert einen Bruch in der Schnittstelle zwischen Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Sie verursacht Probleme an dem Punkt, an dem Aufmerksamkeit und Gedächtnis miteinander interagieren.

Gedächtnisfehler durch Ablenkung (z. B. Schlüssel verbummeln oder Termine vergessen) treten oft auf, weil wir uns um andere Dinge sorgen, die uns ablenken, und wir uns nicht auf das konzentrieren, woran wir uns erinnern müssen. Mit anderen Worten, zum Zeitpunkt der Kodifizierung haben wir nicht ausreichend auf das geachtet, woran wir uns später erinnern sollten.

Mann hat etwas vergessen

Blockade

Die Blockade beinhaltet eine vergebliche Suche nach Informationen, die wir möglicherweise verzweifelt zu finden versuchen. Sie tritt auf, wenn das Gehirn versucht, Informationen zu kodieren oder abzurufen, aber ein anderer Einfluss es dabei stört.

Diese frustrierende Erfahrung machen wir, obwohl wir der fraglichen Aufgabe genügend Aufmerksamkeit schenken, und selbst dann, wenn die Erinnerung, die wir abrufen wollen, nicht verblasst ist. Tatsächlich erkennen wir eine Blockade daran, wenn wir uns die unauffindbare Information Stunden oder Tage später unerwartet wieder einfällt.

Fehlerhafte Zuordnung

Die Sünde der falschen Attribution besteht darin, eine Erinnerung der falschen Quelle zuzuweisen. Mit anderen Worten, es geht um die korrekte Erfassung von Informationen, während unsere Erinnerung an die Quelle dieser Informationen irrig ist. Fehlerhafte Zuordnung tritt häufig dann auf, wenn Menschen einem neuartigen Element begegnen, das wahrnehmbar oder konzeptionell einem zuvor abgespeicherten Element ähnelt. Dann kommt es zu Verwechslungen.

Es ist wichtig, zu bedenken, dass fehlerhafte Zuordnungen viel häufiger vorkommen als die meisten Menschen glauben, und dass sie potenziell tiefgreifende Auswirkungen in juristischen Angelegenheiten haben.

Suggestibilität

Suggestibilität ist so etwas wie eine fehlerhafte Zuordnung, aber mit der Einbeziehung eines offenen Vorschlags, einer Suggestion. Die Sünde der Suggestibilität bezieht sich auf Erinnerungen, die als Ergebnis wichtiger Fragen, Kommentare oder Vorschläge implantiert werden, wenn eine Person versucht, sich an eine vergangene Erfahrung zu erinnern.

Mit anderen Worten, Suggestionsfähigkeit ist die Inkorporation von falschen, suggerierten Details in bestehende Erinnerungen.

Vorurteile

Vorurteile sind jene Verzerrungen, die durch aktuelle Erkenntnisse und Überzeugungen verursacht werden. Diese Sünde ähnelt der der Suggestibilität in Bezug darauf, dass die gegenwärtigen Gefühle und die Weltanschauung die Erinnerung an vergangene Ereignisse verzerren.

So spiegelt die Sünde der Verzerrung unsere Fähigkeit wider, unsere Erinnerungen signifikant zu verändern, ohne es zu bemerken. Wir bearbeiten oder schreiben unsere bisherigen Erfahrungen oft neu, ohne uns bewusst zu sein, dass wir dies tun, basierend auf dem, was wir jetzt wissen oder glauben.

Das Ergebnis kann eine voreingenommene Darstellung eines bestimmten Vorfalls oder sogar eines längeren Zeitraums in unserem Leben sein, die mehr darüber aussagt, wie wir uns jetzt fühlen, als darüber, was zu diesem Zeitpunkt bzw. in diesem Zeitraum passiert ist.

Frau mit Wolke in der Hand

Persistenz

Persistenz beschriebt eine Störung Gedächtnisses, bei der immer wieder störende Informationen abgerufen werden, die wir ignorieren wollen. Persistente Erinnerungen können in besonders störenden oder aufdringlichen Fällen zur Bildung von Phobien, posttraumatischen Belastungsstörungen und sogar zum Selbstmord führen.

Mit anderen Worten, Persistenz bezieht sich auf unerwünschte Erinnerungen, die Menschen nicht vergessen können, wie zum Beispiel solche, die mit einer traumatischen Erfahrung verbunden sind. Das heißt, die Sünde der Persistenz besteht darin, dass wir uns immer wieder an beunruhigende Informationen erinnern, die wir gern vergessen würden.

Schlussbemerkungen

Obwohl die Sünden des Gedächtnisses uns feindlich gesinnt erscheinen, sind sie eigentlich eine logische Konsequenz dessen, wie unser Geist funktioniert, da er mit jenen Eigenschaften des Gedächtnisses verbunden ist, die es gut funktionieren lassen. Daher seien die Sünden, wie Schacter argumentiert, nicht bloße Ärgernisse, die es zu minimieren oder zu vermeiden gelte, sondern die aus positiver Sicht betrachtet werden müssen.

Dank seinem Beitrag zur Gedächtnisforschung wissen wir heute mehr darüber, wie das Gedächtnis die Vergangenheit nutzt, um die Gegenwart zu interpretieren, wie es Elemente der gegenwärtigen Erfahrung für zukünftige Referenzen bewahrt und wie es uns erlaubt, die Vergangenheit nach Belieben zu durchleuchten. Deshalb können wir diese Sünden des Gedächtnisses auch als Tugenden sehen, als Bausteine einer Brücke, die es uns ermöglicht, den Geist mit der Welt zu verbinden.

 

Schacter, D. (2013). Memory: sins and virtues. Annals Of The New York Academy Of Sciences1303(1), 56-60. doi: 10.1111/nyas.12168

Schacter, D. (2002). The seven sins of memory. Boston: Houghton Mifflin.

Schacter D. (1996). Searching for memory: the brain, the mind, and the past Choice. Reviews Online, 34 (04), 34-34. doi: 10.5860/CHOICE.34-2465

Stone, A. (2001). The Seven Sins of Memory: How the Mind Forgets and Remembers. American Journal Of Psychiatry158(12), 2106-a-2107. doi: 10.1176/appi.ajp.158.12.2106-a