Der Mensch und die Sterblichkeit

2. August 2019
Die Auseinandersetzung mit dem Tod kann eine Inspiration für uns sein. Außerdem kann sie auch Gefühle wie Angst, Trauer und Liebe in uns hervorrufen. In jedem Fall werden wir uns der Endlichkeit unseres Daseins bewusst. Unsere eigene Sterblichkeit und somit auch das dahinter liegende Konzept der Endlichkeit des Lebens beeinflussen unsere menschliche Existenz auf ganz besondere Weise.

Wir Menschen sind die einzige Spezies, die sich der eigenen Sterblichkeit bewusst ist. Daher haben wir mit der Philosophie sogar eine eigene Geisteswissenschaft geschaffen, die sich mit der Endlichkeit unserer Existenz auf Erden beschäftigt.

Wir verbringen viel Zeit damit, über den Tod nachzudenken. Es scheint, als ob es genau unser Bewusstsein über unsere begrenzte Lebenszeit ist, das unsere Reflexionen über unser tägliches Leben und Handeln auf eine transzendentale Ebene bringt.

Borges erzählt in seiner Kurzgeschichte El Inmortal (Der Unsterbliche) über einen Mann, der unsterblich ist. Im Verlauf der Geschichte trifft er Homer, der ebenfalls unsterblich ist. Nach dieser Begegnung denkt sich der Mann: „Ich habe mich von Homer vor den Türen von Tanger verabschiedet. Allerdings denke ich nicht, dass wir uns wirklich für immer verabschiedet haben.“ Zwei unsterbliche Menschen müssen sich nicht für immer verabschieden. Es wird ja keinen Punkt geben, an dem ihr Leben vorüber sein wird. Daher können sie sich immer wieder begegnen.

Weil sich die Menschen ihrer Sterblichkeit bewusst sind, sind sie sehr kostbare Geschöpfe, denn sie schätzen jeden Moment unendlich, den sie am Leben sind. Ihre Endlichkeit verleiht jedem einzelnen Moment einen besonderen Wert.

Sterblichkeit - Tunnel

Unsere Sterblichkeit beginnt mit der Geburt

Jeder einzelne Augenblick deines Lebens ist einzigartig und besonders. Außerdem beginnt mit dem Moment deiner Geburt der Prozess, der dich dem Sterben stetig näher bringt. Es scheint, als würden wir in eine Welt geworfen, in der unsere Geschichte, unser soziales Umfeld und unsere familiäre Situation bereits vorgegeben sind. Bedeutet das, dass unser Leben bereits vorherbestimmt ist?

Marting Heidegger war der bedeutendste existentialistische Philosoph des 20. Jahrhunderts. Er glaubte, dass es sehr erstrebenswert ist, authentisch zu denken, da wir ein Bewusstsein über unsere Sterblichkeit und die Endlichkeit unserer Existenz haben. Demgegenüber steht unauthentisches Denken, welches er als unreflektiert erachtet. Außerdem hilft diese Art des Denkens uns nicht dabei, ein erfülltes und reiches Leben zu führen.

Was genau ist unauthentisches Denken?

Damit du besser verstehst, was mit unauthentischem Denken gemeint ist, stelle dir einfach folgende Situation vor. Du steigst in ein Taxi, das Radio läuft und die Taxifahrerin erzählt dir von den Nachrichten, die sie gerade im Radio hört. Dabei teilt sie dir auch ihre Meinung zu dem soeben behandelten Thema mit. Diese Meinung hättest du dir aber aufgrund des Senders, den sie hört, selber ableiten können.

Nach Heidegger ist es unauthentisch, wenn Gedanken und Meinungen anderer lediglich wiederholt werden, ohne diese selber zu hinterfragen und reflektieren. In unserem Beispiel reflektiert die Taxifahrerin ihre Aussagen nicht. Stattdessen wiederholt sie lediglich die Meinung anderer, in diesem Fall die Nachrichten.

Weiterhin sagt Heidegger, dass du ein unauthentisches Leben führst, wenn du dein Leben in der äußeren Welt lebst. Demzufolge spiegelt dein Leben nur die Außenwelt wider und du bist dir deiner Sterblichkeit nicht vollends bewusst. Wenn sich ein Mensch aber seiner Sterblichkeit bewusst ist, dann ist er daran interessiert, seine eigenen Gedanken und Meinungen zu haben und eigene Entscheidungen zu treffen.

Ein unauthentisches Leben ist sich seiner Sterblichkeit nicht bewusst.

Sterblichkeit - Frau

Authentisches Denken und das Bewusstsein über die Sterblichkeit

Der Mensch kommt aus dem Nichts und wird in das Nichts zurückkehren. Dein Zustand als menschliches Wesen (ein zutiefst präsentes und zukunftsorientiertes Wesen) lässt dich mehr über Möglichkeiten als über Realitäten nachdenken. Du bist die Summe deiner Möglichkeiten. Die Möglichkeit, die über allen Möglichkeiten steht, ist der Tod.

Ganz gleich womit und wie du dein Leben leben möchtest, irgendwann wirst du dennoch sterben. Unsere Sterblichkeit und unser Tod sind ein allgegenwärtiger Begleiter für uns.

Die Menschen, die sich für ein authentisches Leben entscheiden, tun dies aus der Angst heraus, die der Gedanke an den eigenen Tod verursacht. Wie fühlt es sich an, wenn du nichts mehr denkst, wenn du aufhörst, zu existieren? Daher treffen die authentischen Menschen ihre Entscheidungen in dem Wissen, dass ihr Leben einzigartig ist. Außerdem sind sie sich darüber bewusst, dass jeder Moment der letzte sein könnte.

Darüber hinaus weißt du als authentisch denkender Mensch, dass niemand für dich sterben kann, das musst du ganz alleine tun. Und letztlich ist der Tod nur ein Moment, in dem du in eine andere Form der Existenz transzendierst.

  • Saña, Heleno (2007). «la filosofía de la desesperanza». Historia de la filosofía española (1ª edición). Almuzara. pp. 202-3.
  • Homolka, Walter y Heidegger, Arnulft (editores) (2016). Heidegger und der Antisemitismus. Positionen im Widerstreit. Herder. 448p.