Das unerträgliche Bedürfnis, immer recht zu haben

2. November 2017 en Psychologie 1 Geteilt
Frau mit Flöte

Es gibt Leute, die sich das Mantra „Ich habe Recht und du hast Unrecht“ jeden Tag den ganzen Tag vorsprechen. Hierbei handelt es sich um Menschen mit großem Ego und wenig Empathie. Sie sind Spezialisten darin, Konflikte zu erzeugen und jegliche Art von Harmonie zu zerstören.

Recht zu haben empfinden wir alle als Genugtuung, das können wir nicht verleugnen. Es stärkt unser Selbstwertgefühl. Aber die meisten von uns verstehen, das es Grenzen gibt, das wir nicht immer recht haben können. Wir wissen, wie wichtig es ist, eine konstruktive Haltung zu bewahren und Bescheidenheit zu üben. Denn nur ein empathisches Herz, das in der Lage ist, die Sichtweise anderer zu verstehen und zu respektieren, erweckt Vertrauen.

„Eine Überzeugung ist etwas, an das man sich klammert, weil man denkt, dass es wahr sei.“

Deepak Chopra

Eines der größten Übel der Menschheit ist das unerträgliche Bedürfnis, immer Recht zu haben. „Meine Wahrheit ist die einzige Wahrheit“,  ist die Devise vieler Menschen. Manchmal sogar die von Organisationen und politischen Gruppen, die uns ihre Ideologien wie moralisierende Pamphlete verkaufen wollen und dazu auf Populismus zurückgreifen.

Statt dies als ein isoliertes oder anekdotisches Phänomen anzusehen, sollten wir uns bewusst sein, dass es sich um etwas sehr Ernstes handelt. Denn jemand, der davon besessen ist, immer recht zu haben, leidet am Ende an zwei schonungslosen Nebeneffekten: an Isolation und dem Verlust seiner geistigen Gesundheit. Wir sollten in der Lage sein, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten, und sensibel und respektvoll zu sein. Wir sollten fähig sein, harmonische Umgebungen zu kreieren, in der wir uns genauso wohlfühlen wie unsere Mitmenschen.

Männer im Kanu in fremder Welt

Zwei Männer in einem Boot: die Geschichte von Blindheit, Angst und Stolz

Thich Nhat Hanh, auch bekannt als Thay, ist ein Zen-Meister, Poet und Friedensaktivist. Er hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht und wurde von Martin Luther King für den Friedensnobelpreis nominiert. Unter den vielen Geschichten, die Thay erzählt hat, findet sich eine, die das Bedürfnis der Menschen, immer recht zu haben, thematisiert.

Die Geschichte beginnt an einem Morgen der 1960er in Vietnam. Der Krieg hatte sich in dem einst friedvollen, ruhigen Land ausgebreitet. Das Land war bisher vor allem von den Routinen der Menschen geprägt, aber jetzt war das nicht mehr so. Am beschriebenen Tag waren zwei Fischer flussaufwärts unterwegs, als sie plötzlich ein Boot sahen, dass in der Gegenrichtung auf sie zu kam. Einer der Männer versuchte, zum Ufer zu rudern, da er dachte, es handele sich um ein feindliches Boot. Der andere Mann begann, mit lauter Stimme zu rufen und sein Paddel hochzuheben. Denn er dachte, es handele sich um unachtsame und unerfahrene Fischer, die er warnen müsste.

Die beiden Fischer begannen, wie zwei kleine Kinder auf dem Schulhof zu streiten. Sie stritten, bis sie wenige Augenblicke später das Boot, das aus der Gegenrichtung kam, mit voller Kraft rammte, und sie ins Wasser stieß. Die beiden Männer hielten sich an schwimmenden Holzteilen fest und stellten fest, dass das andere Boot leer war. Keiner der beiden hatte recht gehabt. Der wahre Feind war ihr eigener Geist, zwei sture Geister und Augen, die nicht mehr mit der nötigen Schärfe sehen konnten.

Niemand kann immer recht haben und wer darauf besteht, verschließt den Weg zu seinem Herzen

Unsere Überzeugungen sind unsere Besitztümer

Menschen sind Meister der Überzeugungen. Wir verinnerlichen sie, damit wir sie immer und immer wieder abrufen können, wie ein Rechner sein Programm. Solange, bis wir aus ihnen Besitztümer machen, Objekte, die auf’s Schärfste verteidigt werden müssen. Unser Ego ist ein Mosaik aus unerschütterlichen Überzeugungen, für die wir sogar bereit sind, Freundschaften zu opfern, solange wir nur recht behalten.

„Man schneidet und frisiert seine Haare, aber man vergisst oft, das Ego zu stutzen.“

Albert Einstein

Auf der anderen Seite sollten wir nicht vergessen, dass wir alle ein Recht auf unsere Meinungen und unsere Interpretation der Realität, unsere Wahrheiten haben, wie wir sie über die Zeit hinweg entwickelt haben. Aber es ist Vorsicht angesagt, denn keiner dieser Aspekte sollte uns an den Punkt bringen, an dem wir uns selbst isolieren, weil wir glauben, unsere Interpretation der Realität sei die einzig richtige.

Es gibt die Leute, die in ihrem inneren Dialog und nirgendwo sonst leben. Sie sagen sich selbst immer wieder vor, dass ihre Gedanken intelligenter seien als die der anderen. Ihre Perspektiven sind unveränderlich und ihre Wahrheiten sind ihrer Meinung nach ein Licht unschätzbarer Weisheit. Diese Art zu denken bringt sie dazu, ihr Leben lang nach Menschen und Situationen zu suchen, die ihre Überzeugungen und die Wahrheiten ihrer limitierten Welt validieren, in der nichts infrage gestellt werden darf. Und das hat ernste Folgen.

Flugzeug vernebelt einem Mann die Sicht

Das verzweifelte Bedürfnis, immer Recht zu haben, und seine Folgen

Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Das Leben und die Menschen entfalten ihre Schönheit und ihren Ausdruck in der Diversität, in unterschiedlichen Gedanken und Perspektiven. Darin, immer offen für Lernerfahrungen zu sein, für Wachstum und Fortschritt.

„Das schönste Geschenk, dass wir einer anderen Person machen können, ist unsere Aufmerksamkeit.“

Thich Nhat Hanh

An unseren eigenen Meinungen unbeirrt festzuhalten, ist eine Tat der Unmenschlichkeit, ein Tat entgegen der Ausübung unser aller freien Willens. Es ist weder rechtens noch logisch noch gesund. James C. Coyne ist Schriftsteller, Psychologe, und emeritierter Professor der School of Psychology der University of Pennsylvania (Pennsylvania, USA). Er bestätigt, dass das Bedürfnis, immer recht zu haben, ein modernes Übel ist, das unsere körperliche und emotionale Gesundheit beeinträchtigen könne.

Einer Studie der University of Bradford (England, Vereinigtes Königreich) zufolge leide ein Großteil der Menschen, die immer recht haben wollen, an hohen Kortisolspiegeln, Geschwüren und dysfunktionalen Beziehungen. Zudem, als sei das nicht genug, handele es sich um Menschen, die die Harmonie in ihrer Umgebung negativ beeinflussen, wohin auch immer sie gehen. Und da müssen wir uns doch fragen: Ist es das wert?

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