Das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erikson

· 9. Mai 2019

Das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erik H. Erikson bezieht sich auf eine gesamtheitliche psychoanalytische Theorie, die eine Reihe von Phasen aufzeigt, die ein gesunder Mensch während seines Lebens durchläuft. Dabei sei jede Phase durch eine von zwei gegensätzlichen Kräften provozierte psychosoziale Krise gekennzeichnet.

Erikson glaubte, so wie Sigmund Freud, dass sich die Persönlichkeit in mehreren Phasen entwickele. Der grundlegende Unterschied zwischen den Ansätzen beider besteht darin, dass Freud seine Theorie zur Entwicklung über eine Reihe von psychosexuellen Phasen definierte. Erikson hingegen konzentrierte sich auf die psychosoziale Entwicklung des Menschen. Er interessierte sich dafür, inwiefern soziale Interaktionen und Beziehungen eine Rolle bei der Entwicklung und dem Wachstum des Menschen spielen.

„Die Konflikte eines Menschen repräsentieren, was er wirklich ist.“

Erik H. Erikson

Wie sieht das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erikson aus?

Jede der acht in Eriksons Theorie über die psychosoziale Entwicklung beschriebenen Phasen baut auf den vorangegangenen Stufen auf. Daher können wir von einem Modell sprechen, das in gewisser Weise wie ein roter Faden ist, der sich durch das Leben eines Menschen zieht.

Schwarz-Weiß-Foto von Erikson

Erikson war der Meinung, dass wir Menschen in jeder Phase einen Konflikt erleben, der als Wendepunkt in der Entwicklung, als Anreiz für die Evolution diene. Diese Konflikte konzentrieren sich darauf, eine psychologische Stärke zu entwickeln oder diese Chance ungenutzt zu lassen. Dabei sei das Potenzial für das persönliche Wachstum hoch, aber auch das Potenzial für ein Scheitern.

Wenn sich Menschen also erfolgreich mit Konflikten auseinandersetzen, überwinden sie diese Phasen mithilfe von psychologischen Stärken, die ihnen für den Rest ihres Lebens dienen. Wenn es ihnen im Gegenteil jedoch nicht gelinge, diese Konflikte effektiv zu konfrontieren, entwickeln sie möglicherweise nicht die notwendigen Fähigkeiten, um sich den Herausforderungen der nächsten Stufen mit Erfolg zu stellen.

Erikson argumentierte auch, dass ein Gefühl der Kompetenz Verhaltensweisen und Handlungen motiviere. So bezieht sich jede Phase aus dem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung darauf, in einem Lebensbereich eine Kompetenz zu entwickeln. Wenn die Phasen demnach gut durchlaufen werden, werde der Mensch das Gefühl haben, Fähigkeiten zu erwerben. Aber wenn eine Phase nicht erfolgreich gemeistert werde, werde er hinsichtlich dieses Aspekts der Entwicklung lernen, nicht gut genug zu sein.

1. Stufe: Urvertrauen vs. Urmisstrauen (0-18 Monate)

In den frühen Phasen der psychosozialen Entwicklung lernen Kinder, anderen zu vertrauen – oder nicht. Vertrauen hat viel mit Bindung, Beziehungsmanagement und dem Ausmaß zu tun, in dem das Kind erwartet, dass andere seine Bedürfnisse erfüllen. Da ein Baby völlig abhängig ist, basiert die Entwicklung des Vertrauens auf der Vertrauenswürdigkeit und Fürsorge der Betreuerinnen und Betreuer des Kindes, insbesondere was die Mutter anbelangt.

Wenn die Eltern das Kind in einem liebevollen Umfeld aufwachsen lassen, in dem Vertrauen im Vordergrund steht, ist es wahrscheinlich, dass das Kind diese Haltung auch gegenüber der Welt einnehmen wird. Wenn die Eltern keine sichere Umgebung bieten und die Grundbedürfnisse des Kindes nicht befriedigen, wird das Kind sehr wahrscheinlich lernen, nichts von anderen zu erwarten. Die Entwicklung von Misstrauen kann zu Gefühlen wie Frustration, Misstrauen oder Unempfindlichkeit gegenüber dem führen, was in einem Umfeld geschieht, von der wenig oder gar nichts zu erwarten ist.

2. Stufe: Autonomie vs. Scham (18 Monate – 3 Jahre)

In der zweiten Phase des Stufenmodells der psychosozialen Entwicklung nach Erik H. Erikson erlangen Kinder eine gewisse Kontrolle über ihren Körper, was wiederum ihre Autonomie erhöht. Durch die Fähigkeit, Aufgaben selbst erfolgreich zu erledigen, bekommen sie ein Gefühl von Unabhängigkeit und Autonomie. Indem sie es Kindern ermöglichen, Entscheidungen zu treffen und Kontrolle zu erlangen, können Eltern und Betreuer diese Autonomie fördern.

Kinder, die diese Phase erfolgreich abschließen, haben in der Regel ein gesundes und starkes Selbstwertgefühl, während diejenigen, die wenig Autonomie erreichen, ein instabiles Selbstwertgefühl entwickeln – sie bauen nicht auf ihre eigene Unterstützung. Erikson glaubte, dass ein Gleichgewicht zwischen Autonomie, Scham und Zweifel zu einem Willen führen, besser gesagt zu dem Glaubenssatz, dass Kinder selbstbestimmt, geleitet von Vernunft und Grenzen handeln können.

3. Stufe: Initiative vs. Schuldgefühl (3-5 Jahre)

In der dritten Stufe laut Erikson beginnen Kinder, ihre Macht und Kontrolle über die Welt spielerisch zu behaupten, was unschätzbar wichtig für soziale Interaktionen ist. Wenn sie ein ideales Gleichgewicht zwischen Eigeninitiative und der Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen herstellen können, entwickeln sie ein gestärktes Ego, das Ziele erreichen will.

Kinder, die in dieser Phase erfolgreich sind, fühlen sich dazu in der Lage und sind zuversichtlich, andere führen zu können. Wer diese Fähigkeiten nicht erwirbt, wird wahrscheinlich ein Gefühl von Schuld, Zweifel und mangelnder Initiative verspüren.

Schuld ist in dem Sinne ein gutes Gefühl, als dass es die Fähigkeit der Kinder zeigt, zu erkennen, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Übertriebene und unverdiente Schuldgefühle können jedoch dazu führen, dass das Kind Herausforderungen ablehnt, weil es sich nicht in der Lage fühlt, damit umzugehen: Schuld ist immer noch einer der stärksten Auslöser von Angst.

Junge sitzt traurig in der Ecke einer Treppe

4. Stufe: Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (5-13 Jahre)

Kinder beginnen in dieser Phase kompliziertere Aufgaben zu erfüllen. Wenn sie diese Aufgaben erfüllen, hoffen sie, die damit verbundene Anerkennung zu erlangen. Andererseits erreicht ihr Gehirn einen hohen Reifegrad, der es ihnen ermöglicht, mit Abstraktionen umzugehen. Sie können nun ihre eigenen Fähigkeiten erkennen, ebenso wie die Fähigkeiten ihrer Freunde – und einen Mangel an Fähigkeiten bei sich selbst oder anderen.

Der Erfolg beim Finden des Gleichgewichts in dieser Phase des Stufenmodells der psychosozialen Entwicklung bringt uns zum Thema der Kompetenz: Kinder entwickeln Vertrauen in ihr Vermögen, die ihnen gestellten Aufgaben zu bewältigen. Eine weitere wichtige Entwicklung ist, dass sie beginnen, die Herausforderungen, denen sie sich stellen wollen, denen sie aber noch nicht gewachsen sind, realistischer zu sehen.

Bei Kindern, die nicht so leistungsfähig sind, wie sie es sich wünschen, tritt oft das Gefühl auf, minderwertig zu sein. Wenn dieses Minderwertigkeitsgefühl nicht angemessen angegangen wird und das Kind keine Unterstützung für die emotionale Bewältigung seiner Misserfolge erhält, kann es aus Angst, dieses Gefühl wiederzubeleben, jede schwierige Aufgabe ablehnen. Deshalb ist es so wichtig, die Leistung des Kindes bei der Beurteilung einer Aufgabe zu berücksichtigen und sie vom objektiven Ergebnis abzugrenzen.

5. Stufe: Identität vs. Identitätsdiffusion (13-21 Jahre)

In dieser Phase von Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung werden Kinder zu Teenagern. Sie finden ihre sexuelle Identität und beginnen, ein Bild von der Person zu entwerfen, die sie zukünftig sein wollen. Je älter sie werden, desto mehr versuchen sie, ihre Ziele und Rollen in der Gesellschaft zu finden und ihre einzigartige Identität zu festigen.

In dieser Phase sollten junge Menschen auch versuchen, zu erkennen, welche Aktivitäten für ihr Alter geeignet sind und welche als „kindlich“ gelten. Sie müssen einen Kompromiss finden zwischen dem, was sie von sich selbst erwarten, und dem, was ihre Umwelt von ihnen erwartet. Für Erikson bedeutet der erfolgreiche Abschluss dieser Phase, eine solide und gesunde Grundlage für das Erwachsenenleben zu schaffen.

6. Stufe: Intimität vs. Isolation (21-39 Jahre)

In dieser Phase der psychosozialen Entwicklung werden Jugendliche zu jungen Erwachsenen. Zunächst beginnen sie, ihre Rolle von ihrer Identität endgültig zu unterscheiden. Auf die Wünsche der Umwelt einzugehen und sich so „anzupassen“, hat für junge Erwachsene oberste Priorität. Aber nun befinden sie sich in einer Phase, in der bestimmte persönliche Grenzen gezogen werden: Es wird definiert, was die Person nicht bereit ist, zu opfern, nur um jemandem zu gefallen. Das passiert zwar auch in der Pubertät, aber jetzt verändert sich die Bedeutung dessen. Was jetzt verteidigt wird, ist nicht länger nur eine Reaktion, sondern der Mensch steht hinter seinem Glaubenssatz. Es geht um Initiative.

Sobald der Mensch seine Identität etabliert hat, ist er bereit, langfristige Verpflichtungen gegenüber anderen einzugehen. Er wird dazu in der Lage sein, intime und wechselseitige Beziehungen aufzubauen, und bringt freiwillig Opfer und kommt Verpflichtungen nach, die solche Beziehungen erfordern. Wenn Menschen diese intimen Beziehungen nicht aufbauen können, kann ein unerwünschtes Gefühl der Isolation aufkommen, das Gefühle wie Besorgnis und Angst weckt.

Wenn Menschen in dieser Phase keinen Partner finden, können sie sich also einsam und allein fühlen. Isolation kann Unsicherheiten und ein Minderwertigkeitsgefühle hervorrufen, die diese Menschen vielleicht denken lassen, dass mit ihnen etwas nicht stimmen würde. Sie glauben vielleicht, dass sie nicht gut genug für andere Menschen wären, und das kann zu selbstzerstörerischen Neigungen führen.

7. Stufe: Generativität vs. Stagnation (40-65 Jahre)

Als Erwachsene bauen wir unser Leben weiter aus und konzentrieren uns auf unsere Karriere und unsere Familien. Generativität bedeutet, sich um Menschen zu kümmern, die nicht das nähere Umfeld bilden. Wenn Menschen ins mittlere Alter kommen, erstreckt sich der Umfang ihrer Vision nicht mehr nur auf ihre direkte Umgebung, die sie und ihre Familie mit einbezieht, sondern auf einen weiteren Horizont, der die Gesellschaft und ihr Erbe umfasst.

In dieser Phase erkennen Menschen, dass es im Leben nicht nur um sie selbst geht. Durch ihr Handeln hoffen sie, Beiträge zu leisten, die zu einem Vermächtnis werden. Wenn jemand dieses Ziel erreicht, verspürt er ein Gefühl der Erfüllung. Wenn er jedoch nicht das Gefühl hat, dass er zu etwas Größerem beigetragen habe, kann es sein, dass das Gefühl aufkommt, nichts Sinnvolles getan zu haben oder nichts Sinnvolles tun zu können.

Generativität ist nicht notwendig, damit Erwachsene leben können. Allerdings kann eine mangelnde Generativität dafür sorgen, dass das Gefühl des Erfolgs im Leben ausbleibt.

Glückliche Frau im mittleren Alter

8. Stufe: Integrität vs. Verzweiflung (65 Jahre und älter)

In der letzten Phase des von Erikson vorgeschlagenen Modells können Menschen zwischen Verzweiflung und Integrität wählen. Zum einen ist es so, dass Altern bedeutet, Verluste anzuhäufen, mit denen man fertig werden muss. Darüber hinaus gibt es einem das Gefühl, dass man im Vergleich schon mehr Zeit hinter sich gelassen hat als sie noch vor einem liegt.

Aus diesem Blick Richtung Vergangenheit können Gefühle von Verzweiflung und Nostalgie in Form eines sogenannten Gedankennebels entstehen. Oder im Gegenteil dazu, das Gefühl, dass sich die hinterlassenen Fußspuren, das Gemeinsame und das Erreichte gelohnt haben. Der eine oder andere Blick auf die Vergangenheit wird in gewisser Weise darüber entscheiden, was der Mensch von der Zukunft und der Gegenwart erwartet.

Menschen, die eine ganzheitliche Lebensvision erreichen, haben keine Probleme, sich mit der Person der Vergangenheit zu versöhnen, die vielleicht irgendwann nicht wusste, wie sie sich gewissen Situationen stellen sollte. Sie schätzen den Wert ihrer Existenz und erkennen ihre Bedeutung nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere an.

Schlussbemerkungen

Eine der Stärken der psychosozialen Theorie ist, dass sie ein umfassendes Konzept darstellt, um die lebenslange Entwicklung zu betrachten. Sie erlaubt uns auch, die soziale Natur des Menschen und den wichtigen Einfluss, den soziale Beziehungen auf seine Entwicklung haben, hervorzuheben.

Eriksons Theorie der psychosozialen Entwicklung kann jedoch auch infrage gestellt werden, und zwar hinsichtlich dessen, ob diese Stufen als feste Sequenz betrachtet werden sollten und nur innerhalb der von ihr vorgeschlagenen Altersgruppen auftreten. Häufig wird diskutiert, ob Menschen nur in den Teenagerjahren versuchen, ihre Identität zu definieren, oder ob eine Phase erst beginnen könne, wenn die vorherige vollständig abgeschlossen ist.

Ein weiterer fragwürdiger Aspekt am Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung von Erikson ist, dass die genauen Mechanismen zur Konfliktlösung und zum Übergang von einer Stufe zur nächsten nicht hinreichend beschrieben werden. In diesem Sinne beschreibt die Theorie nicht genau, welche Art von Erfahrungen in jeder Phase benötigt wird, um Konflikte erfolgreich zu lösen und zur nächsten Stufe überzugehen.

  • Erikson, Erik (2000). El ciclo vital completado. Barcelona: Ediciones Paidós Ibérica.
  • Erikson, Erik (1983). Infancia y sociedad. Buenos Aires: Horme-Paidós.
  • Erikson, Erik (1972). Sociedad y Adolescencia. Buenos Aires: Editorial Paidós.
  • Erikson, Erik (1968, 1974). Identidad, Juventud y Crisis. Buenos Aires: Editorial Paidós.