Das Experten-Syndrom und wie du es vermeiden kannst

Das Experten-Syndrom ist charakteristisch für Personen, die im sozialen Umgang mit anderen noch ein großes Verbesserungspotenzial haben.
Das Experten-Syndrom und wie du es vermeiden kannst
Gema Sánchez Cuevas

Geprüft und freigegeben von der Psychologe Gema Sánchez Cuevas.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 08. Juni 2022

Besserwisser, Klugredner oder Schulmeister? Das Experten-Syndrom ist keineswegs ein neues Phänomen. Es handelt sich um einen alten Bekannten, den wir in unserem heutigen Artikel etwas genauer unter die Lupe nehmen. Wir beginnen mit einem Beispiel:

Paula erzählt Sofia, dass sie wegen ihrer schwierigen beruflichen Situation Beziehungsprobleme hat und ihrer Familie nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenken kann. Sofia gibt ihrer Freundin folgenden Rat: “Das Leben ist nicht immer so, wie wir es uns erwarten, du musst stark sein, nicht verbittert. Als ich mich in einer schwierigen Situation befand, ging ich immer im Park spazieren. Und schau… jetzt geht es mir rundum gut und ich bin glücklich.”

Glaubst du, dass Sofias Worte Paula helfen werden, sich besser zu fühlen?

Ein häufiger Fehler ist, die eigene Meinung zu äußern oder eigene Erfahrungen als Vergleich herzunehmen, doch in Wahrheit möchte sich eine Person in einer schwierigen Lage nur etwas Gehör verschaffen. Wir zitieren Zenon von Elea: “Die Natur hat uns nur einen Mund, aber zwei Ohren gegeben, was darauf hindeutet, dass wir weniger sprechen und mehr zuhören sollten.” Du hast vielleicht selbst schon Ratschläge erteilt oder erhalten, die in einer schwierigen Situation nicht unbedingt nützlich oder sogar irritierend oder beleidigend waren.

Besserwisser oder Klugredner haben das Experten-Syndrom. Dies ist natürlich keine Pathologie, sondern ein Begriff, um dieses Verhalten zu bezeichnen. Bis zu einem bestimmten Grad ist es ganz normal, anderen mit eigenen Erfahrungen und Überzeugungen helfen zu wollen. Manche Menschen übertreiben damit allerdings und glauben tatsächlich, alles besser zu wissen und auf jedem Gebiet Experten zu sein.

Das geduldige Zuhören ist jedoch in den meisten Fällen bedeutend effektiver als das Predigen oder der Vergleich mit den eigenen Erfolgen. Doch auch beim Zuhören begehen wir immer wieder Fehler:

  • Ermögliche es der Person, auszusprechen und sei dabei geduldig. Vermeide Angst und lass sie ihren Kummer zu Ende sprechen.
  • Versuche nicht, das Leben der betroffenen Person aus deiner eigenen Perspektive zu beurteilen. Verzichte darauf, deine eigene Geschichte zu erzählen, es geht jetzt nicht um dich.
  • Unterbrich die Person nicht. Du kannst sie jedoch dazu anregen, weiterzusprechen und ihr immer wieder bestätigen, dass du tatsächlich zuhörst (“Ich verstehe…”, “Du hast recht…”).
  • Lass dich nicht ablenken. Du solltest dich in jeder Hinsicht auf das Gespräch mit der betroffenen Person konzentrieren, damit diese nicht das Gefühl hat, dass es dir an Interesse mangelt.
  • Reagiere nicht oberflächlich. Die meisten Menschen suchen keinen Rat, wenn sie Schwierigkeiten haben, sondern ein Ventil. Du solltest keine voreiligen Lösungen anbieten.
  • Es sind keine Gegenargumente nötig, sie behindern die Kommunikation in diesem Fall. Vermeide unter anderem Fragen wie “Warum nicht?”.
  • Erlaube den emotionalen Ausdruck (Weinen oder Schweigen) und versuche nicht, ihn zu kontrollieren. Vermittle Vertrauen und Verbundenheit.
  • Sobald dein Gegenüber alles erzählt hat, fasse die wichtigsten Punkte kurz zusammen, um dein Verständnis zu zeigen.

Vergiss nicht: Auch die nonverbale Kommunikation ist wichtig: Richte deinen Körper und deinen Blick auf deinen Gesprächspartner und zeige ihm mit deiner Gestik, dass du bereit bist zuzuhören und dich für das, was er dir erzählt, interessierst.

Aktives Zuhören ist eine Fähigkeit, die du lernen kannst. Du musst dabei versuchen, dich in die Lage deines Gegenübers zu versetzen und mit allen Sinnen zuzuhören. Emotional reife Menschen haben es nicht nötig, anderen zu zeigen, dass sie alles besser wissen. Das Experten-Syndrom ist charakteristisch für Personen, die im sozialen Umgang mit anderen noch ein großes Verbesserungspotenzial haben.

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Krasnaja Sapocka

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