Wie man streitet, ohne miteinander zu kämpfen

· 25. September 2017

Ist es möglich, dass man sich streitet, ohne miteinander zu kämpfen? Für einige Menschen ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Aber ja doch – es geht. Obwohl es eine besonders komplizierte Aufgabe ist, wenn es sich um einen Streit mit einer Person handelt, mit der man unter einem Dach wohnt. Aber ehrlich gesagt liegt ein Streit ohne Kampf nicht nur im Bereich des Möglichen, er ist sogar gesund. Für einen selbst als auch für den Gegenüber – worum es in diesem Streit auch immer gehen mag.

Mit einer Lösung aus einem Konflikt hervorzugehen, ist wichtig. Und wenn das Ergebnis positiv ausfällt, wird dadurch die Beziehung bereichert. Viele Menschen wissen jedoch nicht, wie sie mit Meinungen, die von den eigenen abweichen, vernünftig umgehen sollen, ohne darüber wütend zu werden. 

„Sich an der Wut festzuhalten, ist wie ein heißes Kohlenstück in die Hand zu nehmen mit der Absicht, es auf jemanden zu werfen: Derjenige, der die glühende Kohle hält, wird sich verbrennen.“

Buddha

Sich streiten heißt nicht, anzutreten, um zu gewinnen

Eines der Hauptprobleme, wegen dessen sich Menschen in einen Kampf verwickeln, wenn sie streiten, ist die eigene Position. Wir betrachten einen Streit nicht selten als einen Wettbewerb, bei dem es einen Sieger und einen Verlierer gibt. Viele Leute nehmen einen Streit sehr persönlich, als wäre es eine Erniedrigung, wenn man am Ende nicht die Oberhand behält.

Bei einem Streit entsteht eine Situation, in der der Wettbewerb bis ans Limit ausgetragen wird. Viele Menschen brechen heftige Diskussionen vom Zaun, nur um daraus als Sieger hervorzugehen, um sich durchzusetzen und sich mächtig zu fühlen.

Darum ist es wichtig, deine Gespräche aus einer gesunden Perspektive heraus zu betrachten. Dies sollte eine Dynamik sein, bei der die „Streithähne“ trotz der aufgebrachten Gefühle in der Lage sind, harmonisch zu kommunizieren, ohne dass sie dabei versuchen, sich über den anderen zu erheben. Laut der Devise: Empfänglich bleiben angesichts des Bedürfnisses des Partners, sich auszudrücken.

„Sobald in einer Auseinandersetzung Hassgefühle aufkommen, hören wir auf, um die Wahrheit zu kämpfen – dann kämpfen wir für uns selbst.“

Buddha

Vorschläge, um auf zivilisierte Art zu streiten

Es gibt da einen bekannten Spruch: Zwei Menschen können nicht miteinander streiten, wenn einer von beiden keine Lust dazu hat. Die Situation kann sich jedoch ins Absurde verkehren. Viele Leute verschaffen sich einen Vorteil auf Kosten der wenigen, die ruhig bleiben. Jedenfalls sollte die Marschrichtung einer jeder Diskussion die Lösung des Konflikts sein. Oder man kommt durch einen Konsens zu irgendeiner Art von Vereinbarung. Alles andere wäre eine Vergeudung von Zeit und Energie.

Wie gehen wir hier aber vor? Wir nennen ein paar Strategien, die heftige Streitereien in konstruktive Gespräche verwandeln können. Und ja, du brauchst eine gute Portion Geduld und Selbstkontrolle. Niemand hat gesagt, das es ein Kinderspiel sei.

  • Denke nach, ehe du einen Streit vom Zaun brichst. Frage dich selbst, ob du wirklich nach einer Lösung oder einer Vereinbarung suchst. Oder ob es deine eigentliche Absicht ist, die andere Person zu verletzen oder dich mächtig zu fühlen.
  • Mache dir vor dem Streit einen Plan. Du kannst nicht zu jedem x-beliebigen Zeitpunkt streiten. Du musst den Augenblick abpassen, der für dich und auch für die andere Person stimmig ist, wenn ihr beide im Vollbesitz eurer geistigen Kräfte seid.
  • Drücke deine Absichten klar und direkt aus. Rede nicht um den heißen Brei herum und greife die andere Person nicht an. Konzentriere dich nicht auf die Fakten, sondern auf die Lösungen.
  • Mache im Detail deutlich, was du von der anderen Person erwartest. Erkläre die angestrebte Veränderung ganz genau, und auch, welches Verhalten du von deinem Gegenüber erwartest.

Was ist zu tun, wenn du in einen heftigen Streit hineinrutschst

Die vorherigen Ratschläge gelten, wenn du das Gespräch einleitest. Was geschieht aber, wenn jemand dich in eine hitzige Diskussion verwickelt? Oftmals haben wir uns dabei ertappt, dass wir ebenso heftig darauf reagiert haben. Und dabei sind uns sogar Dinge herausgerutscht, die wir hinterher bedauert haben. Und wir wissen nicht einmal, wie es soweit kommen konnte.

Zweifellos ist es sehr schwierig, auf eine ruhige und diplomatische Weise zu reagieren, wenn einem die Beschuldigungen nur so um die Ohren gehauen werden. Oder wenn du angeschrien oder provoziert wirst. Wenn du nicht in der Lage warst, die erste Hürde zu überwinden, mach dir keinen Kopf darüber. Es gibt immer noch Möglichkeiten, die Situation zu retten.

  • Höre auf, zu reden, und atme tief durch. Nimm dir die Zeit, den „Einschlag“ zu verdauen, analysiere die Situation und fange noch einmal von vorn an.
  • Bitte deinen Gegenüber, dir ganz in Ruhe zu erklären, was er will oder was gerade vor sich geht. Lasse nicht zu, dass man dich weiter anschreit. Bitte ihn höflich, die Sachlage in Worte zu kleiden.

  • Höre der anderen Person zu, ohne sie zu unterbrechen. Versuche, ihren Standpunkt zu verstehen. Damit dir das auch möglich wird, musst du alles in Erfahrung bringen. Wenn sie zu Ende gesprochen hat, frage sie nach möglichen Zweifeln, die sie beschäftigen.
  • Bitte deinen Gegenüber, dir mitzuteilen, was er will. Was schlägt er vor, dass du tun sollst, und wie sollst du das anstellen?

Was ist zu tun, wenn dein Gegenüber weiterhin laut schreit und dich provoziert?

Dann betrachte das Ganze als ein Spiel. Der Gewinner ist dabei nicht derjenige, der am lautesten schreit, sondern der, der ruhig bleiben kann. Unter diesen Bedingungen kommst du nirgendwo hin. Und wenn die andere Person unbedingt Krieg führen will, dann wird sie keine größere Schlacht kämpfen können, die nicht auf sie zurückfällt – wenn sie es nicht schafft, dass dir deine Gelassenheit abhanden kommt.

Das Beste, was du tun kannst, ist, das Gespräch schnellstmöglich zu beenden. Teile der anderen Person mit, dass du gern wieder mit ihr sprichst, sobald sie sich beruhigt hat. Es steht dir zu, Respekt einzufordern. So zeigst du Respekt für dich selbst. Dies zeugt nicht von Arroganz, sondern von Wertschätzung deiner selbst. Du kannst von niemandem verlangen, dich zu respektieren, wenn du dich nicht selbst respektierst.

„Die Wut ist ein intensives Gefühl, das das Gehirn übermannt. Wenn wir uns in Wut verfangen, dann sortieren sich unsere Erinnerungen neu. Das kann soweit gehen, dass wir mitten in einem Streit vergessen, warum er eigentlich begonnen hat.“

Daniel Goleman