Wenn man seine Gefühle vernachlässigt

· 20. November 2017

Viele Menschen nutzen emotionale Distanz als einen Verteidigungsmechanismus. Sie entscheiden sich, nichts zu fühlen, damit sie nicht leiden. Sie frieren ihre Herzen ein, um ihre Seelen vor Versagen, Enttäuschung und Wunden zu schützen, die lange Zeit nicht heilen. Jedoch führt diese Strategie dazu, dass sie nicht mehr in gesunder Weise am Leben teilhaben können.

Lasst uns aber für einen Moment über den Zweck unserer Gefühle reflektieren. Jedes Mal, wenn ein Gefühl in unserem Gehirn entsteht, wird auch eine Reaktion in unserem Körper ausgelöst. Zum Beispiel bewirkt Ekel, dass wir uns von etwas oder jemandem entfernen. Zuneigung, Hoffnung und Leidenschaft verbinden uns miteinander und fördern eine Dynamik, die uns Energie liefert und kreativer sein lässt.

„Nicht zu lieben, weil man Angst hat, Leid zu erfahren, ist wie nicht zu leben, weil man Angst vor dem Sterben hat.“

Ernesto Mallo

Jedoch irren sich die Leute, wenn sie denken, dass negative Gefühle endlos seien oder dass ihr einziger Zweck sei, dass wir uns unglücklich fühlen. In Wirklichkeit helfen sie uns dabei, uns anzupassen, zu lernen und Fortschritte in unserem Leben zu machen. Angst und Besorgnis sind Überlebensmechanismen. Es sind Warnsignale, die wir interpretieren können müssen, damit wir aus ihnen adaptive Reaktionen ableiten können, die unser Überleben sicherstellen.

Der moderne Mensch empfindet häufig Angst. Obwohl es keine natürlichen Feinde und unmittelbaren körperlichen Bedrohungen in unserer westlichen Welt gibt, ist die Angst, die wir empfinden, heute viel tiefgehender und komplizierter. Wir sprechen hier von inneren Ängsten und Dämonen, die uns lähmen und die uns ersticken. Sie haben vielfältige Ursprünge. Wenn wir nicht in der Lage sind, sie zu beherrschen, dann entscheiden wir uns oftmals stillschweigend dazu, emotionale Distanz aufzubauen. 

Frau ist an Seilen aufgehängt, die von Schmetterlingen getragen werden

Die emotionale Distanz: ein viel zu häufig angewandter Verteidigungsmechanismus

Denken wir zum Beispiel an Michael. Dieser junge Mann hat eine sehr belastende Vergangenheit und weiß, was versagen bedeutet. Er ist von sich und der Welt so enttäuscht, dass er ein neues Kapitel in seinem Leben aufgeschlagen hat, in dem er das Maß seiner gefühlsmäßigen Beteiligung an Ereignissen und des Ausdrucks seiner Gefühle auf ein Minimum reduziert hat. Er will nicht mehr leiden und nicht noch einmal enttäuscht werden. Er wendet Verteidigungsmechanismen an, um sein Ziel zu erreichen: Er hat eine Trennung zwischen seinen Gedanken und Gefühlen bewirkt, so sehr, dass er alles kühl betrachtet, was passiert. Für sich ist er in der Lage, seine gefühlsmäßige Isolierung zu rechtfertigen, indem er Dinge sagt wie: „Ich bin glücklich, wenn ich allein bin. Ich denke, dass Liebe Zeitverschwendung ist und dass sie mich in meiner beruflichen Zukunft beeinträchtigt.“

Michael hat emotionale Distanz aufgebaut, um mit den Enttäuschungen aus seiner Vergangenheit fertig zu werden. Er will erreichen, das sie nicht noch einmal eintreten. Er errichtet nicht nur Mauern gegen eine gesunde Teilhabe am Leben und versinkt in derselben emotionalen Leere, gegen die er sich schützen wollte.

Frau geht mit verdeckten Augen durch ein Kakteenfeld

Die Auswirkungen emotionaler Distanz

Wenn Liebe von Michael mit Leiden gleichgesetzt wird, dann heißt das, dass er dieses Leiden auch auf andere Bereiche seines Lebens überträgt und der Liebe die Tür verschließt. Die emotionale Distanz ist ein unbarmherziger Virus, der sich langsam auf die verschiedenen Bereiche des Lebens auswirkt und sie schließlich beherrscht. Menschen, die diese Abkopplung erleben, hören damit auf, Zuneigung als etwas Sinnvolles anzusehen.

Michaels emotionale Distanz wird bald dazu führen, dass er von für ihn unerklärlicher Frustration heimgesucht wird, von heftiger Bitterkeit, Stimmungsschwankungen und Verzweiflung. Diese werden sich früher oder später in körperlichen Symptomen, Schmerzen, Schlaflosigkeit und Depressionen niederschlagen.

Sich mit seinen Gefühlen zu verbinden, kann lebensrettend sein

Zu Anfang dieses Artikels haben wir darüber gesprochen, welches Gewicht negative Gefühle auf unser Leben haben können. Wir haben festgestellt, dass sie Überlebensmechanismen sind. Wie wir jedoch in unserem obigen Beispiel gesehen haben, werfen viele von uns den Anker aus, um diese Gefühle in die Leere der Gleichgültigkeit oder des Vergessens zu versenken.

„Wenn du nicht gelitten hättest, wie du es getan hast, dann hättest du keine Tiefe als menschliches Wesen, keine Demut und kein Mitleid.“

Eckhart Tolle

Es macht keinen Sinn, sich dazu zu entscheiden, nichts zu fühlen, damit man nicht leiden muss. Denn egal, was wir uns einreden, Menschen sind keine reinen Vernunftwesen oder Roboter. Wir sind eine Ansammlung von unglaublichen Gefühlen, die uns leiten und die uns Leben geben, um uns mit anderen zu verbinden. Wir lernen, wenn wir hingefallen sind, wir weinen unsere Sorgen weg, wir lachen vor Glück und wir richten unsere Köpfe wieder auf, wenn wir Gefahren überwunden und aus ihnen gelernt haben.

Aus einem Ei wachsen viele verschiedene Pflanzen

Psychologen erinnern uns daran, dass emotionale Distanz, die von negativen Gefühlen herrührt, weder nützlich noch gesund ist. Negative Gefühle wie Angst und Ekel haben einen Zweck, aber sie führen auch zu etwas, dass die Wissenschaftler als „homöostatischen Impuls“ bezeichnen. Dies ist ein ausgefallenes Wort für „Wohlfühlzone“. Menschen sind dazu gemacht, dass sie handeln, und nicht isoliert auf ihren Inseln der Unzufriedenheit verharren. 

Wenn das innere Gleichgewicht gestört ist, dann ist es gut, wenn man seine Energie sammelt, kreativ und mutig ist, damit man seine Wohlfühlzone wiederfinden kann. Auf diese Art findet man emotionale Erfüllung. Damit ist dieser angenehme Punkt gemeint, an dem einen nichts verletzt und man nichts vermisst. Man ist in der Lage, wieder zu fühlen, sodass man zunächst wieder mit sich selbst in Verbindung treten kann und dann den Kontakt zu seinen Mitmenschen wiederherstellen kann.