Vertrauliches ist nicht für die Ohren von Plaudertaschen bestimmt

22. November 2017 en Psychologie 252 Geteilt
Mädchen im roten Mantel mit einem Raben auf der Schulter

In jedem Lebensbereich treffen wir auf sogenannte Plaudertaschen. Sie sind Wölfe im Schafspelz und schüren die Gerüchteküche mit ihrer Wortgewandtheit. Außerdem sind sie Herdentiere, die dazu in der Lage sind, Gefallen an dem Unwohlsein anderer zu finden. Sie missbrauchen unser Vertrauen und verschwören sich hinter unserem Rücken gegen uns.

So sehr wir auch der Meinung sind, dass dieses Verhalten bestraft gehöre, haben wir es dennoch mit einem allzu menschlichen Verhaltensmuster zu tun, das es schon seit Beginn der Zeit gibt. Klatsch und Tratsch ist ein Teil unserer Existenz als soziale Wesen, die wir sind. Genau das erklärt uns auch eine Studie aus dem Jahr 2008, die in der Zeitschrift Scientific American  veröffentlicht wurde.

Was deine Augen nicht gesehen haben, soll dein Mund auch nicht erfinden.

Auch der bekannte britische Anthropologe, Biologe und Psychologe Robin Dunbar entwickelte eine Theorie, in der er das Gerede als Nährboden für die Entwicklung unserer Sprache definiert. Seinen Angaben nach begannen unsere Vorfahren damit, vertrauliche Informationen auszutauschen, während sie sich in kleinen Gruppen zusammensetzten, um ihre Bindung zueinander zu stärken.

Es gibt natürlich viele Arten von Klatsch und ein Großteil davon ist nicht bösartiger Natur. Oftmals versuchen wir mit Gerede nur, an Informationen zu kommen, um unser engstes Umfeld von Zweifeln zu befreien. Unser Gehirn ist darauf programmiert, Daten zu sammeln, damit wir uns bestmöglich in der Welt bewegen können, und daher brauchen wir das Gerede anderer, um Unstimmigkeiten aus dem Weg zu räumen und Informationslücken zu schließen.

Ein zweifellos sehr interessantes Thema, über das wir nachstehend berichten werden.

Mann mit Vogel und Brief

Eigenschaften von Plaudertaschen

Epikur definierte Klatsch als ein natürliches, aber nicht notwendiges Vergnügen. Wir könnten unser ganzes Leben lang leben, ohne ein einziges Gerücht zu verbreiten oder uns um Klatsch zu kümmern, und nichts würde passieren, wir würden trotzdem weiterleben.

Allerdings brauchen echte Plaudertaschen Tratsch in gewisser Weise, denn er gleicht ihre Enttäuschungen, ihre emotionalen Leeren und ihren persönlichen Unmut aus. Wir könnten sagen, dass Klatsch und Tratsch ihrem Leben Würze verleihen. Ohne ihn haben sie das Gefühl, als fehle es ihrem Leben an Geschmack, als sei es langweilig.

Darüber hinaus führt der Austausch vertraulicher Informationen über eine abwesende Person zu einer sehr intensiven physiologischen Reaktion: Serotonin wird ausgeschüttet. Das erklärt, warum bestimmte Menschen im Grunde genommen süchtig danach sind, Gerüchte zu verbreiten.

  • Tratschen stärkt das Gefühl von Gruppenzugehörigkeit. Für Plaudertaschen bedeutet Tratsch zu erzählen, zu einem „wir“ zu gehören und ein „sie“ auszuschließen. Auf diese Weise entsteht ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe, in Bezug auf Gemeinsamkeiten am Arbeitsplatz, in der Schule oder in der Familie.
  • Es gibt uns das Gefühl, einen Status zu haben. Wem Vertrauen geschenkt wird, der hat offensichtlich eine mächtige Waffe in der Hand; ein Werkzeug, das einem zu bedeutenden Vorteilen verhelfen kann, wenn in einem gegebenen Moment richtig damit umgegangen wird. Wie Nietzsche sagen würde, gibt es Menschen, die das Bedürfnis haben, einen Status zu haben, und die nicht zögern, diesen Status mithilfe moralisch zweifelhafter Mittel zu erlangen.
  • Klatsch gibt uns das Gefühl, ein Herdentier zu sein. Wir haben es eingangs erwähnt. Die Tatsache, Teil der Gerüchteküche zu sein, um jenes Gerücht dann überall zu verbreiten, ohne zu wissen, ob es wahr ist, ohne es angemessen und kritisch hinterfragt zu haben, bedeutet, genauso und nicht anders zu denken wie andere, was keinesfalls als Beweis für unsere persönliche Reife zu verstehen ist. Vielmehr bestätigt es uns, dass es ganz in unserer Nähe einen Neidhammel gibt, der ein Gerücht in die Welt setzt, und dazu noch einen naiven Menschen, der es ihm glaubt – die übrigen Tiere der Schafherde.

Diese Verhaltensweisen müssen wir stoppen. Plaudertaschen können wir ganz leicht den Garaus machen, indem wir die Verbreitung dieses Gerüchts ausbremsen. Die Frage ist: Wie schaffen wir das?

„Man braucht zwei Jahre, um sprechen zu lernen, und sechzig, um schweigen zu lernen.“

Ernest Hemingway

Die Psychologie hinter Gerede und wie wir damit umgehen sollten

Klatsch und Tratsch sind voll von Informationen und Gerüchten, aber nur selten sind sie konstruktiv. So besagt eine Studie der London Business School (England, Vereinigtes Königreich), dass Klatsch fast 70% der Konversationen am Arbeitsplatz ausmache und dass Tratsch sogar dazu verwendet würde, die Produktivität eines Unternehmens zu messen.

Nicht jeder erzählt Klatsch so weiter, wie er ihm zugetragen wird, manche bessern ihn noch auf.

Wer falsche Gerüchte und verletzendes Gerede verbreitet, beeinträchtigt die Dynamiken eines jeden sozialen Umfeldes. Sie sind der Beginn von Mobbing am Arbeitsplatz und erzeugen unüberwindbare Distanzen zwischen den Menschen, erzeugen ein Umfeld, in dem die Mitarbeiter der Chefetage nicht trauen und die Chefetage ihrem eigenen Humankapital auch nicht.

Wir schauen uns als nächstes an, welche Art von Antworten wir in der Praxis gebrauchen sollten, um diese zerstörerischen Dynamiken zu vermeiden.

Frau gibt einem Vogel einen Brief

Wie wir verletzendem Gerede ein Ende bereiten können

Zuerst sollten wir daran denken, dass jedes Gerede sehr wahrscheinlich falsche Informationen in sich birgt oder einen anderen Menschen oder eine Gruppe von Menschen, die Teil dieses Gerüchts sind, verletzt. Sich dafür zu entscheiden, in der Gerüchteküche zu kochen oder zu essen, bedeutet, eine Grenze zu überschreiten, die uns ebenfalls zur Plaudertasche macht. Wenn wir uns dagegen entscheiden, werden wir zu einem Beschützer, der sich in der Verantwortung sieht, dieser Dynamik ein Ende zu setzen.

  • Klatsch kann ein Weg sein, um Freundschaften zu knüpfen, aber wir müssen in der Lage sein, Aussagen, die neue, ehrliche, nützliche und sinnvolle Informationen enthalten, von jenen zu differenzieren, die mehr schaden als nutzen.
  • Lerne deshalb, vertrauenswürdige Informationen von einfachen Vermutungen zu unterscheiden.
  • Gib klar zu verstehen, dass du dich nicht an Gesprächen beteiligen willst, in denen bösgemeinter Klatsch ausgetauscht wird.
  • Sei vorsichtig, handle intuitiv und gib besonders acht, wenn es darum geht, jemandem in deinem Umfeld dein Vertrauen zu schenken und ihm Vertrauliches zu verraten. Es ist immer besser, vorsichtig vorzugehen und lieber Stillschweigen zu bewahren, als in die Fallen von Plaudertaschen zu tappen.

Zusammengefasst können wir sagen, dass die Gerüchteküche besser in einen Kindergarten als an unseren Arbeitsplatz, in die Nachbarschaft oder in den Freundeskreis passt. Dennoch ist es gut, uns vor Augen zu führen, dass uns diese Verhaltensweisen stets begleiten werden. Wir sollten jedoch immer daran denken, dass die bloße Tatsache, unsere Ohren gegenüber bösen Worte zu verschließen, uns viele Probleme ersparen kann.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Catrin Welz-Stein

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