Es ist klar, dass du mit Worten Sex hast

16. August 2017 en Emotionen 401 Geteilt

Du hast Sex, indem du sprichst. Nicht nur, indem du Worte formulierst, sondern auch mit deiner Zunge und deinen Blicken, deinem Körper, deiner Einstellung… Denn du kannst etwas so Intensives wie die Vereinigung mit einer anderen Person nicht auf eine simple sexuelle Handlung reduzieren.

Ja, Lacan hatte Recht, als er sagte, dass es klar sei, dass wir Sex hätten, indem wir sprächen. Du kannst die Liebe nicht auf etwas rein Körperliches reduzieren. Denn mit einem Blick, mit allem von dir und allem von mir kannst du diese Zärtlichkeit, dieses Mysterium und diesen Ansturm von Verlangen übertragen. Liebe machen ist deshalb wie Poesie schreiben, mit deinem Körper und deinem Geist, mit deinem ganzen Wesen. Denn in der Liebe werden Körper und Seelen in ihrem maximalen emotionalen Ausdruck vereint.

Was ich an deinem Körper mag ist der Sex.
Was ich an deinem Sex mag ist dein Mund.
Und was ich an deinem Mund mag ist deine Zunge.
Was ich an deiner Zunge mag sind deine Worte.

– Julio Cortázar

Die Erotik hinter Blicken, dem Vorspiel des emotionalen Ausziehens

Du wirst nicht komplett nackt sein, bis die Erotik der Blicke die fleischliche Grenze überschritten hat. Wir verführen einander in verschiedenen Handlungen. Wir verbinden uns durch Emotionen und verbleiben in einer Welt, die guter Sex uns anstiftet zu erschaffen, und zu der niemand sonst Zutritt hat.

Worte ermuntern uns, uns emotional auszuziehen. Doch nur sehr wenige Paare verstehen die Kunst, sich auf diese Art zu entkleiden, ohne sich dabei verletzbar zu fühlen.

Es ist schwierig, das Konzept von Sex in einer Gesellschaft, die dem Geschlechtsverkehr eine enorme Wichtigkeit zuschreibt, neu zu definieren. Uns wurde beigebracht, dass Liebe machen heißt, Sex zu haben. Aber nein, sexueller Kontakt ist nur ein Teil dessen, wie man Liebe machen kann.

Normalerweise merken wir das, wenn etwas fehlt, wenn wir diesen Schritt überspringen und etwas schiefläuft. Wenn wir nur mit dem Körper, nicht aber durch Blicke oder Streicheleinheiten reden wollen. Also polarisieren wir unsere Kommunikationen und entschuldigen uns für unsere emotionalen Bedürfnisse.

Wir lassen uns selbst glauben, dass der Fehler in unserem Körper läge, obwohl wir es nie gestattet haben, dass sich unser Geist mit dem des Partners verbindet. Wir vergessen, dass das Vorspiel viel länger als eine halbe Stunde dauert. Es kann Stunden, Tage, Wochen währen.

Deshalb ist Liebe machen nicht das Gleiche wie Sex zu haben. Definitiv nicht. Zumindest nicht im Sinne der Idee von Liebe, die wir in unserer Kultur finden. Sex zu haben kann so verstanden werden, das wir den Körper, die Haut des anderen lieben, nicht aber Zugang zu seiner Seele finden. Sex garantiert uns nicht den Zugang zu seiner inneren Welt und dieser ist viel wertvoller, als der körperliche Akt.

Emotionales Ausziehen, die beste Art von Vorspiel

Und noch einmal zitieren wir den großartigen Lacan: „Liebe ist der, der beim Treffen dem gesamtem Wesen begegnet.“  Die Welt wäre also ein ganz anderer Ort, wenn wir unsere Seelen entblößen würden. Aber da müssen wir bei uns selbst beginnen, und das kostet Überwindung.

Denn das intimste Treffen zwischen zwei Menschen ist nicht sexueller Art, sondern das, bei dem sie sich emotional entkleiden. Dazu müssen wir die Angst überwinden und der anderen Person erlauben, uns wirklich kennenzulernen. Sie sehen lassen, wer wir sind – in all unseren Facetten.

Das ist nicht einfach zu erreichen. Tatsächlich ist emotionales Ausziehen nicht etwas, was ohne harte Arbeit und mit einem beliebigen Partner erreicht werden kann. Es braucht Zeit, Anstrengung, Verlangen und den Willen, zuzuhören, zu fühlen und Emotionen zu umarmen.

Sich zuzuhören, zu verbinden und das emotionale Erbe des Gegenübers kennenzulernen, heißt, uns anzuschauen, wenn alle Mauern abgebaut sind, und das ist unabdingbar, wenn wir unsere Ängste, Konflikte, Unsicherheiten und Errungenschaften gegenseitig entdecken wollen.

Denn wir machen wirklich Liebe, wenn wir uns emotional kennenlernen. Wenn wir Schwächen erforschen. Uns verletzlich zeigen, wohl wissend, dass wir nicht verletzt werden. Wenn wir uns dessen bewusst werden, was uns wehtut und was uns zum Leuchten bringt.

Es ist wichtig, unser Bild auch im emotionalen Spiegel anzuschauen, in den wir unsere Blicke, Worte, Streicheleinheiten oder Zuneigung projizieren. So macht man Liebe.

Auch interessant