Die Kunst, sich das Leben nicht zu vermiesen

· 8. Februar 2016

Eines Tages gab mir eine Freundin ein Buch in meine Hände: Die Kunst, sich das Leben nicht zu vermiesen“,  verfasst vom spanischen Psychologen Rafael Santandreu. Ich habe mir gesagt: „Lies dieses Buch, du wirst bestimmt viel daraus lernen.“  Dank dem Buch habe ich meine Therapien verbessert und bin ebenso als Person gewachsen.

Mit viel Enthusiasmus und hohen Erwartungen habe ich angefangen, das Buch zu lesen und es hat mich bei Weitem nicht enttäuscht, sondern mich schwer beeindruckt. Bald wurde ich mir bewusst, dass es auf der rational-emotiven Therapie des berühmten Psychotherapeuten Albert Ellis basiert, mit der ich mich besonders identifizieren kann, seit ich Autoren wie Ellis selbst oder Auger entdeckt habe. Aber dieses Werk hier ging noch weiter. Es war wie eine Torte im Gesicht, die ich in dem Moment brauchte, und es öffnete mir die Augen hinsichtlich vieler Aspekte meines Lebens.

Die Kunst, sich das Leben nicht zu vermiesen  ist kein typisches Selbsthilfe-Buch, das dir genau das vorlegt, was du lesen willst oder musst, um dich für eine Zeit lang gut zu fühlen.

Es erzählt dir weder, dass das Leben rosarot ist, noch, dass man immer zu 100% optimistisch sein muss. Ebenso wenig lädt es dich ein, immer die positive Seite zu suchen oder wie ein Papagei zu wiederholen, dass du wundervoll bist und dein Leben ebenso.

Es ist ein Buch, dessen Hauptintention es ist, uns auf emotionaler Ebene stark zu machen. Es will den Dreck von deiner Brille putzen, die so verschmiert ist, dass du die Realität nur noch verzerrt erkennen kannst, weil sie eine subjektive Realität erschafft, die auf den eigenen irrationalen Ansichten basiert, was ein nicht zu unterschätzendes emotionales Unwohlsein hervorruft.

Wenn wir von irrationalen Ansichten reden, beziehen sich Psychologen auf subjektive Behauptungen, Einschätzungen, Wahrheiten und Bewertungen, die wir Menschen seit unserer frühesten Kindheit über uns, die anderen und die Welt aufstellen.

Die Gläser unserer Brille entscheiden über die Art, in der wir Ereignisse interpretieren. Wenn die Brille sauber ist, haben wir rationale Ansichten, die auf dem Verstand und auf der Realität basieren und von gesunden Gefühlen begleitet werden.

Wenn die Gläser jedoch dreckig sind, beherbergen wir irrationale und falsche Ansichten, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen, die uns nicht helfen, unsere Ziele zu erreichen und die großes Leid in der Person erzeugen. Trotzdem verwandeln sie sich für die betroffenen Personen in absolute und indiskutable Wahrheiten und dadurch treten emotionale Probleme auf.

Das Buch lehrt uns also, dass es nicht die Situationen sind, die unser emotionales Leid erzeugt, sondern dass wir selbst es sind, die mit unseren irrationalen Ansichten uns selbst Schaden zufügen.

Wir neigen dazu, zu denken, dass es eine direkte Verbindung zwischen Situation und Emotion gibt, aber wenn dem so wäre, würde jeder auf die gleiche Art und Weise auf eine Situation reagieren und wir können beweisen, dass dies nicht der Fall ist. Deshalb ist die Gleichung komplizierter als „Situation führt zu Emotion“.

Diesem Rezept fehlen wichtige Zutaten: die Ansichten und Gedanken. Was für eine gute Nachricht! Wenn ich mit meinen Gedanken Unruhe im Kopf stiften kann, habe ich auch die Macht, mich gut zu fühlen. Alles hängt von mir ab!

In dem Buch entdecken wir, dass einige dieser Ansichten Anforderungen an dich selbst, an andere und an die Welt sind. Es sind Bedürfnisse, die niemand in Wirklichkeit braucht oder verschlimmerte Vorstellungen von dem, was passieren kann oder bereits passiert ist.

Wenn wir etwas fordern, denken wir oft im Sinne von „du solltest“, Verpflichtungen und Druck, und wir sagen uns: „Ich müsste immer der perfekte Vater sein“, „mein Mann sollte mich immer gut behandeln“,  oder, „es sollte nicht dann regnen, wenn ich Urlaub habe.“

Wenn wir glauben, etwas Bestimmtes zum Überleben zu brauchen, wie die Billigung anderer, Erfolg, einen uns liebenden Partner, unseren Traum-Job, erzeugen wir in uns selbst große Angst. Wenn wir die Anforderungen niemals erreichen, fühlen wir uns gedemütigt und wir verbittern, aber wenn wir tatsächlich alles erreichen, werden wir immer in der Angst leben, es zu verlieren, und damit können wir es nicht genießen.

Wir sind uns nicht bewusst, dass das Einzige, was wir in Wirklichkeit brauchen, das Essen und Trinken ist. Wenn wir uns das gesichert haben, können wir unser Leben bereits voll genießen. Alle anderen Bedürfnisse sind eine Falle, es sind Dinge, von denen wir glauben, das wir sie brauchen, aber das ist nur eine Lüge.

Wenn wir an “Verschlimmeritis” erkrankt sind, neigen wir dazu, alles, was uns passiert, als schrecklich, unerträglich oder katastrophal anzusehen. Etwas, das man vielleicht als wenig schlimm ansehen würde, wird automatisch „schrecklich“, ohne dass ein Prozess der Reflexion als Instanz dazwischen steht. Deshalb erzeugen wir in uns selbst entsprechende Emotionen, nämlich Angst und Depression.

Mit der Kunst, sich das Leben nicht zu vermiesen, beginnen wir, unsere Brille zu reinigen. Für diese Reinigung baut das Buch auf wissenschaftlichen Methoden und Logik auf.

Verbittern

Indem wir unseren Verstand benutzen, können wir zu der Erkenntnis gelangen, dass einige unserer Gedanken und Ansichten falsch und irreal sind und dass wir uns selbst Schaden zufügen und verbittern, indem wir felsenfest an etwas glauben, das nicht wahr ist.

Wir können die unvermeidlichen Widrigkeiten des Lebens nicht mit Mäßigung und Geduld akzeptieren und sagen uns ständig, dass das, was uns passiert, schrecklich und katastrophal ist.

Wenn wir unsere Logik gut einsetzen, werden wir feststellen können, wie sich unsere Gefühle beruhigen.

Der erste Schritt wäre es, festzustellen, was ist deinem Kopf passiert. Warum sagst du dir selbst, dass du dich so schlecht fühlst? Warum brauchst du die Wertschätzung anderer? Warum gleicht es einem persönlichen Versagen, in einem Job zu arbeiten, für den du nicht studiert hast? Was, wenn das Leben keinen Sinn mehr hat, weil du nie wieder einen Partner findest?

Sobald du deine irrationalen Sichtweisen erkannt hast, muss du mit ihnen streiten und sie durch Konfrontation und Anzweiflung bekämpfen. Dafür musst du zeigen, dass diese Ideen unrealistisch sind. Einige Fragen, die das Buch dir vorschlägt, sind folgende:

  • Gibt es andere Menschen, die in der gleichen (oder in einer schlechteren) Situation glücklich sind?
  • Könntest du auch unter diesen widrigen Umständen interessante Ziele für dich oder für andere erreichen?
  • Gib es in einem Universum mit unendlich vielen Planeten und Sternen, die ständig entstehen und sterben, etwas wirklich Dramatisches? Ist das, was mir passiert, wirklich wichtig? Ist es wirklich schlimm?

Je mehr Argumente wir finden, umso einfacher wird es für uns sein, eine rationale Meinung aufzubauen und zu vertiefen, um sie uns zu eigen zu machen.

Der Schlüssel zum Erfolg dieser Methode wurzelt darin, täglich durchzuhalten. Die irrationalen Ideen zu jagen, zu konfrontieren und zu ersetzen.

Nach und nach werden sie sich in deine neue Lebensphilosophie verwandeln. Man muss betonen, dass die negativen Gefühle nicht vollständig verschwinden. Das ist nicht möglich und auch gar nicht empfehlenswert, da alle Gefühle eine wichtige Funktion für unser Überleben erfüllen.

Diejenigen, die verschwinden, sind die unangemessenen, übertriebenen und ungesunden Gefühle. Du kannst aus dem Gefängnis des Leidens ausbrechen. Du hältst den Schlüssel in der Hand. Freiheit und Glück sind garantiert.