Angststörungen: Eine lautlose Epidemie

23. Februar 2018

Es gibt unzählig viele Ausprägungen von Angststörungen. Sie sind inzwischen ein so häufiger Vorstellungsgrund, dass viele Ärzte schon von einer wahren Epidemie sprechen. Es gibt viele verschiedene Varianten von Angststörungen, zum Beispiel Schwierigkeiten beim Einschlafen, Panikattacken, eine ganze Bandbreite an Phobien usw. Was allen gemein ist, ist die heimtückische Angst, die jederzeit urplötzlich auftreten kann.

Im Gesundheitswesen arbeitet man angesichts dieses Phänomens an Lösungsstrategien. Es gibt ein breites Angebot an Medikamenten, darunter ganzes Arsenal von Anxiolytika, die in pharmazeutischen Laboren entwickelt wurden. Von ihnen verspricht man sich eine Reduzierung des individuellen Angstniveaus. Normalerweise stellen solche Medikamente nur eine Übergangslösung dar, von ihren Nebenwirkungen einmal ganz abgesehen. Damit ist gemeint, dass ihre Wirkung nur so lange anhält, wie du sie einnimmst, den sie lösen nicht das grundlegende Problem.

„Es ertrinken mehr Menschen in Wassergläsern als in Flüssen.“

Georg Christoph Lichtenberg

Die alternative Medizin bietet ebenfalls eine große Auswahl an Naturheilmitteln an und zwar auf den Gebieten der Homöopathie und der Bioenergetik. Dann haben wir natürlich noch altbewährte Hausmittel wie beruhigende Tees mit Baldrian oder Melisse, warme Bäder und so mancherlei traditionellen Kniff. Jedoch scheint keines dieser Mittel eine durchschlagende Wirkung zu haben.

Die Epidemie entstand im kollektiven Bewusstsein

Alle Symptome, die im Kopf ihren Anfang nehmen, spiegelt der Körper wider. Nur bei wenigen Patienten entwickelt sich die Erkrankung in der umgekehrten Reihenfolge: Sie zeigt hier sich erst im Körper, dann im Kopf. Dies kann unter anderem bei einem sehr hohen Fieber der Fall sein oder bei der Einnahme von Substanzen, die die Wahrnehmung verändern.

 

Gehirn mit verschiedenen Schichten in Lila-Tönen, in denen kleine Männchen aufräumen.

Darum ist bei einem Einsatz von Psychopharmaka der Erfolg auch begrenzt. Das Symptom schwächt sich zwar ab, aber die Ursache lässt sich damit nicht beheben. Der Einsatz von Arzneimitteln, egal welcher Art, sollte nur eine kurzzeitige, befristete Hilfe darstellen und nicht als endgültige Lösung gelten.

Die wirkliche Lösung erscheint erst dann, wenn die wahre Ursache der Angststörung in Angriff genommen wird. Der Meinung vieler Fachleute nach bestehe das Problem darin, dass unsere Gegenwart in ihrer Gesamtheit bei vielen Menschen Ängste auslöse. Alles spiele sich in einer schwindelerregenden Geschwindigkeit ab. Und mit den psychologischen Werkzeuge, die wir zur Verfügung haben, können wir die Wirklichkeit nicht im notwendigen Tempo verarbeiten. Darum stellen Angststörungen kein Einzelschicksal dar, sondern haben sich zu einer richtigen Epidemie entwickelt.

Warum spricht man von einer „lautlosen“ Epidemie?

Einer der komplexesten Aspekte dieser Epidemie liegt in der Tatsache, dass es sehr schwierig ist, Angststörungen in Worte zu kleiden. Jedes Individuum fühlt Tag für Tag ein Unwohlsein in sich. Das führt dann zum Beispiel zu Schwierigkeiten beim Einschlafen. Ein Dauerzustand an schlechter Laune folgt auf dem Fuße oder das Befolgen einer gnadenlosen Routine. Dem betroffenen Menschen fällt es äußerst schwer, seine Gefühle in Worten auszudrücken.

Es fühlt sich für ihn so an, als gäbe es da noch etwas Ungesagtes, ein bestimmtes Extra, einen Überhang. Ein Gewicht, von dem die betreffende Person sich gern befreien würden, aber auf das sie scheinbar keinen richtigen Zugriff hat. Hier sind Beispiele für Fragen, die in diesem Zusammenhang unvermittelt auftauchen können: „Woher stammt dieses Gefühl der Belastung? Das Gefühl, dass hier etwas ,zu viel‘ ist? In welchem Bereich verspüre ich die Last? Habe ich vielleicht den falschen Job? Oder sind vielleicht die Beziehungen, die ich pflege, negativer Natur? Worauf soll ich mein Leben ausrichten, um mich besser zu fühlen?“

Mann leidet unter Schlaflosigkeit und nimmt Tabletten.

Es scheint, als überlagere etwas die eigene Existenz. Und der betroffene Mensch braucht dieses Etwas nicht einmal. Seine Empfindung ähnelt der Erfahrung, in einen beengten Raum einzutreten, der mit unnötigen Dingen vollgestellt ist. Du weißt, dass du die aufräumen solltest, aber es gibt dort so viel zu tun, dass du über all dem noch nicht einmal den Ausgang siehst.

Von der Epidemie zum Individuum

Die Wissenschaft versucht mit großem Aufwand, generische oder standardisierte Lösungsansätze zu entwerfen. Letzten Endes hat sie folgendes Ziel: Universelle Lösungen für individuelle Probleme zu finden. Die menschliche Subjektivität macht dieser Art von Ansatz jedoch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Im Endeffekt kann die Wissenschaft keine zufriedenstellenden Lösungen anbieten.

Darum gibt es auch diese epidemische Zunahme von Angststörungen. Und sie geht Hand in Hand mit der Stille, die sich um das persönliche Lebensdrama eines jeden Betroffenen herum ausbreitet. Die Antwort auf dieses beklemmende Gefühl kann nur jeder Einzelne selbst und für sich allein finden. Es gibt keine Generallösung, die auf jeden einzelnen Fall zutrifft. Auch keine magische Formel oder universelle Gleichung, die sich auf alle wirksam anwenden lässt. Jede Person muss ihren eigenen Weg finden, um mit ihren Einschlafschwierigkeiten zurechtzukommen. Oder ihrem Gefühl, unterdrückt oder erstickt zu werden. Genau wie ihrem immer wiederkehrenden Gefühl des Ärgers und Verdrusses.

Ängstliche Frau in fötaler Haltung.

Im konstruktiven Umgang mit einer Angststörung ist es auch wichtig, zu verstehen, dass man mit neuen Dingen erst einmal umgehen lernen muss. Dass man sich der Leere stellen muss. Es ist absolut unabdingbar, dass man die Fäden der Gewohnheit zerreißt. Dies ist die einzige Möglichkeit, um sich in diesem überfüllten Raum etwas Platz zu verschaffen. Eine weitere gute Alternative wäre eine Therapie, bei der man freier im persönlichen Ausdruck wird. Auch Entspannungstechniken können dazu beitragen, dass sich in der übervollen Gedankenwelt ein Fenster öffnen lässt.