Schuld in der Psychologie: Von moralischer Schuld bis zu Selbstvorwürfen
Schuld ist ein Gefühl, das sich mit dem sozialen Selbstbewusstsein des Menschen entwickelt hat. Es ist der innere Stachel, der dich warnt, wenn du nicht im Einklang mit deinen eigenen Werten handelst. Es ist auch die Quelle, die es dir ermöglicht, dein Verhalten zu hinterfragen und zu analysieren, um zu erkennen, wie deine Handlungen andere beeinflussen. Was besonders spannend ist: Die Psychologie unterscheidet verschiedene Arten von Schuld, und einige davon können dysfunktionale Auswirkungen auf uns haben.
Wir beobachten dies oft bei Menschen, die ein Trauma erlebt haben und mit Verantwortungen belastet sind, die eigentlich nicht ihre eigenen sind. Lass uns daher etwas tiefer in die verschiedenen Arten von Schuld eintauchen und deren Auswirkungen betrachten.
1. Funktionale Schuld
Schuldgefühle können sich manchmal wie eine undefinierbare Last in deinem Magen anfühlen. Wie in der Fachzeitschrift Cognitive, Affective & Behavioral Neuroscience betont wird, ist dieses Gefühl auch eine sehr körperliche und unmittelbare Erfahrung. Das ist kein Zufall, denn dieses Gefühl fordert dich dazu auf, zu handeln und Wiedergutmachung zu leisten.
Schuld hat tatsächlich eine übergeordnete, funktionale und adaptive Rolle. Dein Gehirn möchte sicherstellen, dass dir das soziale Zusammenleben wichtig ist. Wenn du Schuld auf eine ausgewogene Weise erlebst, hilft sie dir, aus deinen Fehlern zu lernen und Veränderungen herbeizuführen, die durch Empathie den sozialen Zusammenhalt stärken.
Beispiel: Emilio hat vergessen, einen wichtigen Bericht abzugeben, und sein Team muss nun die Konsequenzen tragen. Als ihm dies bewusst wird, empfindet er Schuld, entschuldigt sich bei seinen Kollegen und sucht nach Lösungen, um sicherzustellen, dass so etwas nicht noch einmal passiert. In diesem Fall erfüllt die Schuld ihre korrigierende Funktion und fördert Verantwortung.
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2. Neurotische oder maladaptive Schuld
Hast du dich schon einmal so schuldig gefühlt, dass es dich in einen lähmenden Zustand versetzt hat? Manchmal kann dieses Gefühl durch eine so extreme Neurose verstärkt werden, dass du dich für Dinge verantwortlich fühlst, die eigentlich gar nichts mit dir zu tun haben. Diese Schuld ist häufig mit einem geringen Selbstwertgefühl, extremem Perfektionismus, Angst und anderen negativen Gefühlen verbunden.
Es ist wichtig zu erkennen, dass Schuldgefühle uns aufgrund irrationaler Überzeugungen in eine Depression oder eine paranoide Stimmung versetzen können. In solchen Fällen ist es ratsam, unsere Gedanken einem „Realitätstest“ zu unterziehen, bevor wir uns selbst zu schwere Vorwürfe machen. Du könntest dich beispielsweise fragen: „Ist dieser Gedanke, den ich gerade habe, wirklich wahr?“ „Ist er hilfreich?“
Beispiel: Andrea fühlt sich schuldig, weil sie die Ausbildung und den Beruf, den sich ihre Eltern für sie gewünscht haben, nicht erfüllen kann. Obwohl sie weiß, dass ihre Entscheidung die richtige war, vergeht kein Tag, an dem sie nicht das Gefühl hat, ihrem Familienauftrag nicht gerecht geworden zu sein.
Dieser Ansatz zeigt, wie Schuld sowohl eine positive als auch eine belastende Wirkung haben kann, je nachdem, wie sie erlebt wird.
3. Überlebensschuld
Überlebensschuld tritt auf, wenn eine Person eine schlimme Situation überlebt, während andere dies nicht tun. Das Gefühl der Ungerechtigkeit und die Selbstvorwürfe können dabei sehr zerstörerisch sein. Dieses Schuldgefühl löst den Impuls aus, etwas zu tun, um das Erlebte zu kompensieren und Wiedergutmachung zu leisten. Wenn dies jedoch nicht möglich ist, wird der Schmerz noch intensiver.
Diese Art von Schuld tritt oft bei Menschen auf, die Unfälle, Naturkatastrophen, Kriege oder schwere Krankheiten überlebt haben. Die betroffene Person hat das Gefühl, es nicht verdient zu haben, weiterzuleben – bis zu dem Punkt, an dem sie am Rande einer Depression steht und in selbstzerstörerisches Verhalten verfällt. Wenn diese Schuld nicht reguliert wird, kann sie äußerst gefährlich sein.
Beispiel: Marcos hat seinen Partner vor einem Jahr bei einem Zugunglück verloren. Er fühlt sich mit großer Schuld belastet und fragt sich jeden Tag, warum er überlebt hat und sein Partner nicht. Obwohl er keine Kontrolle über das Geschehene hatte, quälen ihn Gedanken wie „Ich habe nichts getan, um ihn zu retten“ oder „Ich verdiene es nicht, am Leben zu sein.“
4. Vorweggenommene Schuld
Vorweggenommene Schuld ist eine der bekanntesten Formen von Schuld in der Psychologie. Sie tritt auf, wenn eine Person sich bereits schuldig fühlt, bevor sie überhaupt eine Entscheidung getroffen hat, die möglicherweise Auswirkungen auf andere haben könnte. Obwohl dies zunächst vielleicht kompliziert klingt, ist es eine weit verbreitete Erfahrung. Immer wieder müssen wir Entscheidungen treffen, die Dritten auf die eine oder andere Weise schaden könnten. Das beunruhigt uns und ruft Schuldgefühle hervor.
Unser Gehirn stellt sich ständig vor, welche Auswirkungen unser Handeln haben wird. Es kommt daher nicht selten vor, dass wir uns schuldig und unwohl fühlen oder traurig werden, wenn wir uns vorstellen, dass unsere Handlungen negative Konsequenzen für andere haben könnten. Schuldgefühle sind in vielen Lebenssituationen ein ständiger Begleiter.
Beispiel: Rebecca erhält ein sehr interessantes Jobangebot in London. Das würde bedeuten, dass sie von ihrer Familie wegziehen muss. Noch bevor sie das Angebot annehmen kann, plagen sie Schuldgefühle, weil sie befürchtet, ihre Eltern alleine zu lassen und sie traurig zu machen. Dieses Gefühl lässt sie zögern oder sogar die Gelegenheit ablehnen, obwohl es etwas ist, das sie wirklich möchte.
5. Existenzielle Schuld
Möglicherweise ist diese Art von Schuld die tiefgreifendste. Existenzielle Schuld entsteht aus dem Bewusstsein über unsere eigenen Entscheidungen, der Endlichkeit des Lebens und der Verantwortung für unser Schicksal. Um diese Art von Schuld besser zu verstehen, ist es wichtig zu bedenken, dass sie nicht nur bei konkreten Handlungen auftritt, sondern auch bei abstrakteren, philosophischen Themen.
Solche Tatsachen wie das Gefühl, das Leben nicht so genutzt zu haben, wie man es hätte tun sollen, oder das Empfinden, falsche Entscheidungen getroffen zu haben, verursachen oft tiefes Unbehagen. Es ist auch üblich, dass wir uns schuldig fühlen, wenn wir in Momenten der Ungerechtigkeit nicht handeln oder an einem bestimmten Punkt nicht gemäß unseren eigenen Werten und Idealen reagieren.
Beispiel: Manuel ist gerade in Rente gegangen und blickt nun zurück auf sein Leben. Er fühlt sich schuldig, weil er seine Jahre in einem unerfüllten Job verbracht hat, der ihn nicht glücklich gemacht hat und der zudem weder dazu beitrug, anderen zu helfen, noch einen positiven Einfluss auf die Welt hatte.
Diese Art von Schuld kann uns dazu bringen, unser Leben intensiver zu reflektieren und darüber nachzudenken, wie wir es gestalten möchten, um wirklich mit uns selbst im Einklang zu leben.
6. Induzierte oder manipulierte Schuld
Wie im European Journal of Psychotraumatology beschrieben, sind Schuld und Scham zwei Emotionen, die oft nach traumatischen Erlebnissen auftreten. Dies lässt sich besonders gut beobachten, wenn Betroffene eine Therapie beginnen. In vielen Fällen handelt es sich dabei um eine Art von Schuld, die von toxischen Familienmitgliedern oder Partnern hervorgerufen wird.
Diese Personen manipulieren ihre Opfer, indem sie ihnen Schuldgefühle einimpfen, um Kontrolle über sie auszuüben. Das psychische Unbehagen, das dadurch entsteht, zerstört das Selbstwertgefühl, schwächt die Identität und schränkt die Entscheidungsfreiheit der betroffenen Person erheblich ein.
Beispiel: Eine Mutter sagt ihrem erwachsenen Sohn: „Wenn du alleine lebst, wirst du mich verlassen, und ich werde vor Kummer sterben.“ Obwohl der Wunsch des Sohnes nach Unabhängigkeit völlig legitim ist, löst die Botschaft seiner Mutter bei ihm Schuldgefühle und das Gefühl von Egoismus aus. Dies führt dazu, dass er seine Autonomie aufschiebt, aus Angst, seine Mutter könnte darunter leiden.
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Schuld – ein anhaltendes Gefühl
Nach der Analyse der verschiedenen Arten von Schuld, die die Psychologie unterscheidet, gibt es eine latente Realität, die hervorgehoben werden sollte: Schuld ist ein Gefühl, das in unserem inneren Universum dazu neigt, chronisch zu werden. Menschen neigen dazu, viel darüber nachzudenken, was sie hätten tun sollen, was sie nicht getan haben, über verpasste Chancen und gemachte Fehler.
Wenn du gerade diese Erfahrung machst und dich von Schuldgefühlen überwältigt fühlst, solltest du ein wichtiges Detail im Hinterkopf behalten: Wir können dieses Gefühl aktiv angehen und lindern. Indem wir uns mit der Schuld konfrontieren, Reparaturmechanismen erforschen und sowohl unsere eigenen Wunden als auch die der anderen heilen, können wir einen gesunden Umgang mit dieser Emotion entwickeln. Solange wir im Einklang mit den Normen und Werten der Gesellschaft handeln, nehmen wir der inneren Realität, die uns oft in unangenehme Situationen führt, einen Teil ihrer Macht.
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