Konfliktbewältigung für Fortgeschrittene


Geschrieben und geprüft von der Autorin, Illustratorin und Malerin Anja Mannhard
Wie schnell wir dazu neigen, andere Menschen zu beurteilen, zeigt sich oft in ganz alltäglichen Situationen. Ohne sie wirklich zu sehen, ihnen zuzuhören oder sie überhaupt erst einmal offen kennenlernen zu wollen, geraten wir mit ihnen vorschnell in Konflikte. Sie sagt aber auch aus, dass manche Konflikte deshalb entstehen, weil wir in einem falschen Umfeld arbeiten oder leben, das unserem wahren Wesen nicht entspricht. Ändern wir unsere Perspektive, können wir in Treue mit uns selbst und in Güte mit anderen zeigen, wozu wir in bester Weise fähig sind – sobald wir in unserem Element sind.

Schon gelesen? Loslassen für Fortgeschrittene
Konflikte sind überall unvermeidlich. In deiner Familie versuchst du unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen. Im Job gibt es offene oder verdeckte Kämpfe um die Macht, damit um Positionen und Einfluss. Unterschiedliche Kulturen und Biografien begegnen sich sowohl im beruflichen als auch privaten Umfeld. Hier fehlt es manchmal am gegenseitigen Verständnis, an Selbstreflexion, und letzten Endes auch an gegenseitiger Toleranz. Nicht nur in der Auseinandersetzung mit noch offenen Baustellen deiner Lebensgeschichte können dich innere Konflikte quälen, sondern auch, wenn du zum Beispiel nicht weißt, ob du dich für oder gegen eine Sache entscheiden sollst. Oder du haderst mit einer ungeliebten persönlichen Eigenschaft, die dich immer wieder in Schwierigkeiten und Konflikte bringt.
Länger andauernde Konflikte, ob offen ausgetragen, oder unter den Teppich gekehrt, kosten alle Beteiligten Kraft, Zeit und im Job auch Geld. So sinkt meistens im Beruf die Motivation und Arbeitsleistung und Differenzen überschatten das Privatleben.
Damit Konflikte sich nicht ungelöst ausweiten, solltest du frühzeitig gegensteuern, wenn du involviert wirst. So lässt sich dein inneres und äußeres Gleichgewicht wieder herstellen. Nutze einen (größeren) Konflikt als eine Chance, denn er wird dir aufzeigen, was du bislang in deinem Privatleben oder im Job vernachlässigt hast. Du kannst in der konstruktiven Auseinandersetzung an der Klärung und Lösung beruflich und persönlich wachsen, und zu mehr Zufriedenheit gelangen.
Frage dich, wozu die Differenzen und Reibereien gut sind und welche Entwicklungswünsche sie aufzeigen. Vermeide, dir oder anderen die Schuld für einen Disput zu geben. Der, mit dem du um etwas ringst, ist aus dieser Perspektive nicht mehr dein Gegner, den du bekämpfen müsstest. Er oder sie hilft dir, dich und ihn besser kennenzulernen und zu verstehen.
Schwierige Situationen müssen zeitweise ausgehalten und lösungsorientiert angegangen werden, und gefragt ist bei Konflikten vor allem die emotionale Kompetenz. Es geht darum, dass du deine Gefühle wahrnimmst und so regulierst, dass du destruktive Impulse kontrollieren und die Beziehungen im privaten und beruflichen Kontext erhalten kannst. Wenn du fair mit anderen Menschen auch im Konflikt kommunizierst, teilst du ihnen deine Beobachtungen, Gefühle und Bedürfnisse auf angemessene Weise mit und formulierst deine Wünsche an den anderen. Du suchst nach einer gemeinsamen Basis und nach Verbindung.
Was aber nicht unerwähnt bleiben sollte: Leider kann es auch Konflikte geben, die auf längere Sicht nicht wirklich lösbar sind. Dann dient es deinem Wohlbefinden und persönlichen Wachstum mehr, dich von einer Situation oder Person zu verabschieden. Diese Erkenntnis und Unterscheidung wahrzunehmen und einzuordnen, ist auch eine wichtige Konfliktkompetenz, die du im Sinne deiner Selbstfürsorge im Leben benötigst.

Welche Art von Konflikten begegnen uns im Job und auf der persönlichen Ebene häufiger? Zum einen geraten wir mit uns selbst oder mit anderen Menschen in Unstimmigkeiten, weil wir in uns oder in der Abstimmung mit der Umwelt unterschiedliche, teils gegensätzliche Ziele und Interessen verfolgen, oder weil wir uns über den Weg dahin nicht einigen können.
Wer kennt nicht solche Gedanken: Wenn ich das erreicht habe, dann …? Wir richten uns nach einem inneren oder äußeren Horizont aus, aber was, wenn es diesen so oder auch in einer ähnlichen Form gar nicht gibt? Und was passiert, wenn du dein Ziel erreicht hast? Bist du dann zufriedener oder sogar glücklich? Bist du dann angekommen, oder bleibst du ein Suchender? Und was passiert, wenn du bestimmte Ziele nicht erreichen kannst und das irgendwann feststellst? Dann scheinst du festzustecken und weißt nicht, wie es weitergehen soll.
Ziele treiben an und helfen, etwas zu verwirklichen. Sie bringen aber manchmal nicht die erwünschte Zufriedenheit. Das stete Streben nach „Mehr“ kann ganz schön unter Druck setzen und einen in innere wie äußere Konflikte bringen, wenn dieses „Mehr“ nicht erreicht wird. Erreichen wir unsere Ziele, können wir manchmal feststellen, dass sich dadurch gar nicht so viel verändert hat. Dann sind wir enttäuscht und jagen dem nächsten Ziel hinterher.
Manchmal überhören wir unsere (leisere) innere Stimme, weil die Welt im Außen so laut ist. Wenn du herausfinden willst, was du wirklich brauchst, um zufrieden zu sein, solltest du dich mit der (leiseren) inneren Stimme verbinden, die dazu Antwort geben kann. Diese gleichst du ab mit dem, wofür du derzeit am meisten Energie, Einsatz und Zeit investierst. Gibt es eine große Übereinstimmung, lebst du aus deiner inneren Mitte heraus. Gibt es größere Abweichungen, überhörst du offenbar deine innere Stimme, und könntest sehen, dass du mehr Energie, Einsatz und Zeit dafür gibst, was dir diese sagt.
Manchmal verbergen sich hinter Ziel- und Wegkonflikten Entscheidungskonflikte. Du weißt nicht, wofür oder wogegen du dich entscheiden sollst. Wenn wir im Laufe unserer Biografie Mut für Entscheidungen aufbringen, geht es uns insgesamt besser als mit anhaltendem Zögern und Zaudern. Wir bereuen später die Dinge mehr, die wir versäumt haben, als die Dinge, für die wir uns entschieden.
Mut für Entscheidungen brauchst du nicht nur für ein aktives Handeln, sondern auch dafür, dass du dich nicht nur fremd bestimmen und passiv treiben lässt. Wenn du stets den scheinbar einfachen Weg gehst, der nach Zögern und Zaudern noch übrig bleibt, wirst du kaum mit dem Herzen und mit Begeisterung dein Leben gestalten. Hier hilft, ein paar Jahre zurück zu blicken, als du schon einmal vor einer wichtigen Entscheidung standest, und dich zu fragen: Was war damals ein guter Handlungsimpuls?

Eine andere Art von Konflikten im Privatleben, aber auch im Beruf, sind Beziehungskonflikte. Diese resultieren häufig aus einem Missverhältnis zwischen Nähe und Distanz oder aufgrund erlittener Kränkungen. Menschen weisen ein unterschiedliches Nähe- und Distanzbedürfnis auf. Mit manchen ist man sich näher und mit anderen ferner. Zum Beispiel mögen manche Menschen im Job die freundschaftliche Verbindung, andere trennen lieber klar zum Privatleben. Das Nähe- und Distanzverhältnis muss immer wieder ausbalanciert werden. Es bleibt nicht statisch, sondern verändert sich situativ und mit den einzelnen Personen. Es gibt Menschen, denen das Gemeinsame und die Harmonie über alles gehen. Sie mögen es nicht, wenn andere für ihr Gefühl zu distanziert sind oder verstärkter eigene Interessen und Ziele verfolgen.
Der Psychoanalytiker und Psychologe Fritz Riemann erforschte betreffend der Ausrichtung nach mehr Nähe oder mehr Distanz von Menschen vier Grundstrebungen: Distanz, Wechsel, Nähe, Dauer. ‘Nähemenschen’ erkennt man an ihrer großen Empathie und Fürsorge für andere. Sie sind ideale Teamplayer. Sie gehen Konflikten gerne aus dem Weg und es fällt ihnen schwer, Nein zu sagen. ‘Distanzmenschen’ richten sich nach sich selbst aus und sind autonom. Sie wirken kühl und manchmal sogar ablehnend, was aber gar nicht in ihrer Absicht steht. Sie arbeiten selbstverantwortlich und treffen eigene Entscheidungen. Manchmal vergessen sie darüber die anderen.
Anmerkung: Der Typentest nach Fritz Riemann ist im Buchhandel oder Internet erhältlich. Mit Hilfe dessen findet man heraus, wie das eigene Nähe- und Distanzbedürfnis und der Wunsch nach Wechsel oder Konstanz ausgeprägt ist. Man kann damit ein Stück weit auch andere Menschen, mit denen man in Kontakt ist, einschätzen und erkennen, wo aufgrund starker Polaritäten Konflikte entstehen, weil keine Person ihr Bedürfnis erfüllt sieht.
Konflikte auf der Beziehungsebene im Job und Privatleben entstehen meist aufgrund eingestandener oder verdeckter (unbewusster) Kränkungen. Es ist wahrscheinlich, dass wir im Laufe unseres Lebens in irgendeiner Form mit Kränkungen konfrontiert werden. Oftmals steckt hinter einem bestimmten Verhalten aber gar keine Kränkungsabsicht. Dass uns jemand gezielt verletzen will, ist selten.
Häufiger handelt es sich um Missverständnisse oder ungeschickte Verhaltensweisen. Hier kommt es darauf an, wie wir interpretieren, und ob wir etwas (schnell) persönlich nehmen. Erinnere dich an eine erlittene Kränkung: Welches deiner Bedürfnisse wurde nicht erfüllt? Konntest du mit der Person, die dich verletzt hat, darüber sprechen? Sah dein Gegenüber seinen Anteil an der Kränkung? Dann ist die Chance auf eine Lösung und Versöhnung größer, als wenn du schweigst oder es dem anderen heimlich zurückzahlst. Es ist nicht sinnvoll, wenn man nicht mit der kränkenden Person über das spricht, was einen verletzt hat. Der Ärger würde sich Nebenwege des Ausdrucks suchen, wie zum Beispiel sich rächen, krank zu werden, sich schmollend zurückzuziehen oder den anderen zu sabotieren. Eine Verbesserung der Situation stellen diese Wege nicht dar, und sie können Beziehungen auf Dauer sogar zerstören.
Im Laufe unserer Biografie begegnen uns auch ureigene Konflikte; die mit uns selbst und unserem bisherigen Lebensweg. Manchmal haben wir aufgrund erlittener Schwierigkeiten und ihrer Bewältigung Schutzmechanismen entwickelt. Zum Beispiel ein dominantes Verhalten, um nicht zu kurz zu kommen oder nicht mit Verantwortung alleine dazustehen. Ein anderes Beispiel wäre Rache und Bestrafung, wenn wir nicht gerne Konflikte austragen, aber sehr sensibel für die Machtausübung anderer sind.
Es gibt im Laufe einer Biografie manchmal eine bestimmte Art von Mensch, dem wir immer wieder in die Falle gehen. Es ist ein Muster in der Lebensgeschichte, das uns im Heute immer noch in Konflikte bringt. Es ist, als wenn wir dadurch die frühere Erfahrung endlich auflösen und verändern wollen. Vielleicht entdeckst du, wie du deine Beziehungen immer wieder belastest, indem du – um beim Beispiel von Rache und Bestrafung als Schutzmechanismus zu bleiben, Konflikten so lange ausweichst, bis ein tiefer Ärger oder sogar Hass auf andere Menschen entstanden ist.
Es geht bei der Auseinandersetzung mit biografischen Konflikten aber nicht nur darum, die Schattenseiten zu sehen, sondern auch das, was dir diese Eigenarten im Laufe des Lebens gebracht haben. So ist ein Mensch, der nicht gerne Konflikte austrägt, in einer Gemeinschaft vielleicht besonders verträglich und verbindlich, weil ihm die guten Beziehungen über alles gehen.

Auch interessant: Den inneren Menschen stärken
Biografische Konflikte sind so individuell und divers wie auch einzelne Menschen unterschiedlich sind. Sie entstehen, weil wir etwas übertreiben, das eigentlich gut ist, zum Beispiel Leistung zu bringen oder für andere da zu sein. Irgendwann geht es über unsere Kräfte. Oder es tritt ein Ereignis ein, das genau unsere persönliche Schwachstelle trifft. Es geht somit darum, etwas Gutes nicht mehr zu übertreiben, sondern das rechte Maß zu finden, oder sich mit der persönlichen Schwachstelle auseinanderzusetzen.
Der Beschäftigung mit der Ursache biografischer Konflikte kannst du dich mit guten und weniger guten Fragen nähern. Eine nicht so gute Frage wäre: Wie kann ich die Persönlichkeit werden, die andere gerade wollen oder brauchen? Bessere Fragen sind: Was treibt mich im Leben an? Wie kann ich diese Energie mir und anderen zur Verfügung stellen? Was ist das Beste, was ich zu geben habe? Was gehört so tief zu mir, dass ich es nicht opfern darf, auch wenn das vorübergehend zu Spannung führt?
Was zählt für mich wirklich? Welchen Sinn hat mein Leben? Was macht mich zufrieden und glücklich? Halten meine Werte, was sie versprechen? Womöglich stellst du dir solche Fragen in einem existenziellen Konflikt bzw. einer Sinnkrise. Vielleicht hast du etwas vergessen, das für dich wirklich zählt, oder du konntest es bislang nicht (ausreichend) verwirklichen. Was deinem Leben könntest du lieber lassen, weil es mit deinen Werten nicht übereinstimmt und dir dadurch auch keine Sinnhaftigkeit bietet? Werte prägen unser Leben. Bei zu gegensätzlichen Erwartungen und Wünschen aus dem Umfeld geraten wir in Konflikte. Es ist dann an uns, wie wir mit den Gegensätzen umgehen, wo wir Kompromisse machen möchten oder auch müssen, und wo wir für unsere Werte mutig einstehen wollen.
Wie wir auf einen Konflikt zu unseren Werten und zum Sinn reagieren, hängt damit zusammen, was wir hier als falsch und richtig ansehen. Dies nicht im besserwisserischen oder moralischen Sinn, sondern weil die Werte, die für uns richtig sind, für uns gleichermaßen wertvolle Bedeutung haben, die wir nicht aufgeben möchten. Wir halten ja nicht ohne Grund manche Dinge für wichtig, wir versprechen uns etwas davon. Deshalb lohnt sich die Überprüfung, was hinter deinen Werten steht und was du dir durch sie erhoffst. „Richtig“ ist ein Wert dann, wenn er das hält, was er verspricht: Er macht uns im Leben wirklich glücklicher und zufriedener. Im Leben stehen wir immer in einem Spannungsfeld von Gegensätzen. Werden manche Bedürfnisse überbetont, werden andere automatisch vernachlässigt und das gesamte Gefüge gerät aus der Balance. Um positiv und wertvoll zu sein, benötigt jeder Wert und jede Tugend eine Ergänzung durch einen Gegenpol. Insofern benötigen auch deine Bedürfnisse ein Gegenbedürfnis, um sie in einem ausgewogenen Maß gestalten und leben zu können.

Literatur
(1) Eckhart von Hirschhausen 2025. Der Pinguin, der fliegen lernte. Seite 24-25, dtv Verlag
(2) Anja Mannhard 1019. Der Lebensspur folgen. Freiburg: Herder
(3) Anja Mannhard 2021. Biografiearbeit. Die innere Schatzsuche. München: Scorpio
(4) Anja Mannhard 2022. Mit Selbstrespekt durchs Leben! Berlin: Parodos (vergriffen, erhältlich über die Autorin unter www.anjalingua.de)
(5) Anja Mannhard 2025. Mit fünf Fragen zur erfolgreichen Führung einer Nonprofit- Organisation (NPO). Hamburg: Diplomica
Wie schnell wir dazu neigen, andere Menschen zu beurteilen, zeigt sich oft in ganz alltäglichen Situationen. Ohne sie wirklich zu sehen, ihnen zuzuhören oder sie überhaupt erst einmal offen kennenlernen zu wollen, geraten wir mit ihnen vorschnell in Konflikte. Sie sagt aber auch aus, dass manche Konflikte deshalb entstehen, weil wir in einem falschen Umfeld arbeiten oder leben, das unserem wahren Wesen nicht entspricht. Ändern wir unsere Perspektive, können wir in Treue mit uns selbst und in Güte mit anderen zeigen, wozu wir in bester Weise fähig sind – sobald wir in unserem Element sind.

Schon gelesen? Loslassen für Fortgeschrittene
Konflikte sind überall unvermeidlich. In deiner Familie versuchst du unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen. Im Job gibt es offene oder verdeckte Kämpfe um die Macht, damit um Positionen und Einfluss. Unterschiedliche Kulturen und Biografien begegnen sich sowohl im beruflichen als auch privaten Umfeld. Hier fehlt es manchmal am gegenseitigen Verständnis, an Selbstreflexion, und letzten Endes auch an gegenseitiger Toleranz. Nicht nur in der Auseinandersetzung mit noch offenen Baustellen deiner Lebensgeschichte können dich innere Konflikte quälen, sondern auch, wenn du zum Beispiel nicht weißt, ob du dich für oder gegen eine Sache entscheiden sollst. Oder du haderst mit einer ungeliebten persönlichen Eigenschaft, die dich immer wieder in Schwierigkeiten und Konflikte bringt.
Länger andauernde Konflikte, ob offen ausgetragen, oder unter den Teppich gekehrt, kosten alle Beteiligten Kraft, Zeit und im Job auch Geld. So sinkt meistens im Beruf die Motivation und Arbeitsleistung und Differenzen überschatten das Privatleben.
Damit Konflikte sich nicht ungelöst ausweiten, solltest du frühzeitig gegensteuern, wenn du involviert wirst. So lässt sich dein inneres und äußeres Gleichgewicht wieder herstellen. Nutze einen (größeren) Konflikt als eine Chance, denn er wird dir aufzeigen, was du bislang in deinem Privatleben oder im Job vernachlässigt hast. Du kannst in der konstruktiven Auseinandersetzung an der Klärung und Lösung beruflich und persönlich wachsen, und zu mehr Zufriedenheit gelangen.
Frage dich, wozu die Differenzen und Reibereien gut sind und welche Entwicklungswünsche sie aufzeigen. Vermeide, dir oder anderen die Schuld für einen Disput zu geben. Der, mit dem du um etwas ringst, ist aus dieser Perspektive nicht mehr dein Gegner, den du bekämpfen müsstest. Er oder sie hilft dir, dich und ihn besser kennenzulernen und zu verstehen.
Schwierige Situationen müssen zeitweise ausgehalten und lösungsorientiert angegangen werden, und gefragt ist bei Konflikten vor allem die emotionale Kompetenz. Es geht darum, dass du deine Gefühle wahrnimmst und so regulierst, dass du destruktive Impulse kontrollieren und die Beziehungen im privaten und beruflichen Kontext erhalten kannst. Wenn du fair mit anderen Menschen auch im Konflikt kommunizierst, teilst du ihnen deine Beobachtungen, Gefühle und Bedürfnisse auf angemessene Weise mit und formulierst deine Wünsche an den anderen. Du suchst nach einer gemeinsamen Basis und nach Verbindung.
Was aber nicht unerwähnt bleiben sollte: Leider kann es auch Konflikte geben, die auf längere Sicht nicht wirklich lösbar sind. Dann dient es deinem Wohlbefinden und persönlichen Wachstum mehr, dich von einer Situation oder Person zu verabschieden. Diese Erkenntnis und Unterscheidung wahrzunehmen und einzuordnen, ist auch eine wichtige Konfliktkompetenz, die du im Sinne deiner Selbstfürsorge im Leben benötigst.

Welche Art von Konflikten begegnen uns im Job und auf der persönlichen Ebene häufiger? Zum einen geraten wir mit uns selbst oder mit anderen Menschen in Unstimmigkeiten, weil wir in uns oder in der Abstimmung mit der Umwelt unterschiedliche, teils gegensätzliche Ziele und Interessen verfolgen, oder weil wir uns über den Weg dahin nicht einigen können.
Wer kennt nicht solche Gedanken: Wenn ich das erreicht habe, dann …? Wir richten uns nach einem inneren oder äußeren Horizont aus, aber was, wenn es diesen so oder auch in einer ähnlichen Form gar nicht gibt? Und was passiert, wenn du dein Ziel erreicht hast? Bist du dann zufriedener oder sogar glücklich? Bist du dann angekommen, oder bleibst du ein Suchender? Und was passiert, wenn du bestimmte Ziele nicht erreichen kannst und das irgendwann feststellst? Dann scheinst du festzustecken und weißt nicht, wie es weitergehen soll.
Ziele treiben an und helfen, etwas zu verwirklichen. Sie bringen aber manchmal nicht die erwünschte Zufriedenheit. Das stete Streben nach „Mehr“ kann ganz schön unter Druck setzen und einen in innere wie äußere Konflikte bringen, wenn dieses „Mehr“ nicht erreicht wird. Erreichen wir unsere Ziele, können wir manchmal feststellen, dass sich dadurch gar nicht so viel verändert hat. Dann sind wir enttäuscht und jagen dem nächsten Ziel hinterher.
Manchmal überhören wir unsere (leisere) innere Stimme, weil die Welt im Außen so laut ist. Wenn du herausfinden willst, was du wirklich brauchst, um zufrieden zu sein, solltest du dich mit der (leiseren) inneren Stimme verbinden, die dazu Antwort geben kann. Diese gleichst du ab mit dem, wofür du derzeit am meisten Energie, Einsatz und Zeit investierst. Gibt es eine große Übereinstimmung, lebst du aus deiner inneren Mitte heraus. Gibt es größere Abweichungen, überhörst du offenbar deine innere Stimme, und könntest sehen, dass du mehr Energie, Einsatz und Zeit dafür gibst, was dir diese sagt.
Manchmal verbergen sich hinter Ziel- und Wegkonflikten Entscheidungskonflikte. Du weißt nicht, wofür oder wogegen du dich entscheiden sollst. Wenn wir im Laufe unserer Biografie Mut für Entscheidungen aufbringen, geht es uns insgesamt besser als mit anhaltendem Zögern und Zaudern. Wir bereuen später die Dinge mehr, die wir versäumt haben, als die Dinge, für die wir uns entschieden.
Mut für Entscheidungen brauchst du nicht nur für ein aktives Handeln, sondern auch dafür, dass du dich nicht nur fremd bestimmen und passiv treiben lässt. Wenn du stets den scheinbar einfachen Weg gehst, der nach Zögern und Zaudern noch übrig bleibt, wirst du kaum mit dem Herzen und mit Begeisterung dein Leben gestalten. Hier hilft, ein paar Jahre zurück zu blicken, als du schon einmal vor einer wichtigen Entscheidung standest, und dich zu fragen: Was war damals ein guter Handlungsimpuls?

Eine andere Art von Konflikten im Privatleben, aber auch im Beruf, sind Beziehungskonflikte. Diese resultieren häufig aus einem Missverhältnis zwischen Nähe und Distanz oder aufgrund erlittener Kränkungen. Menschen weisen ein unterschiedliches Nähe- und Distanzbedürfnis auf. Mit manchen ist man sich näher und mit anderen ferner. Zum Beispiel mögen manche Menschen im Job die freundschaftliche Verbindung, andere trennen lieber klar zum Privatleben. Das Nähe- und Distanzverhältnis muss immer wieder ausbalanciert werden. Es bleibt nicht statisch, sondern verändert sich situativ und mit den einzelnen Personen. Es gibt Menschen, denen das Gemeinsame und die Harmonie über alles gehen. Sie mögen es nicht, wenn andere für ihr Gefühl zu distanziert sind oder verstärkter eigene Interessen und Ziele verfolgen.
Der Psychoanalytiker und Psychologe Fritz Riemann erforschte betreffend der Ausrichtung nach mehr Nähe oder mehr Distanz von Menschen vier Grundstrebungen: Distanz, Wechsel, Nähe, Dauer. ‘Nähemenschen’ erkennt man an ihrer großen Empathie und Fürsorge für andere. Sie sind ideale Teamplayer. Sie gehen Konflikten gerne aus dem Weg und es fällt ihnen schwer, Nein zu sagen. ‘Distanzmenschen’ richten sich nach sich selbst aus und sind autonom. Sie wirken kühl und manchmal sogar ablehnend, was aber gar nicht in ihrer Absicht steht. Sie arbeiten selbstverantwortlich und treffen eigene Entscheidungen. Manchmal vergessen sie darüber die anderen.
Anmerkung: Der Typentest nach Fritz Riemann ist im Buchhandel oder Internet erhältlich. Mit Hilfe dessen findet man heraus, wie das eigene Nähe- und Distanzbedürfnis und der Wunsch nach Wechsel oder Konstanz ausgeprägt ist. Man kann damit ein Stück weit auch andere Menschen, mit denen man in Kontakt ist, einschätzen und erkennen, wo aufgrund starker Polaritäten Konflikte entstehen, weil keine Person ihr Bedürfnis erfüllt sieht.
Konflikte auf der Beziehungsebene im Job und Privatleben entstehen meist aufgrund eingestandener oder verdeckter (unbewusster) Kränkungen. Es ist wahrscheinlich, dass wir im Laufe unseres Lebens in irgendeiner Form mit Kränkungen konfrontiert werden. Oftmals steckt hinter einem bestimmten Verhalten aber gar keine Kränkungsabsicht. Dass uns jemand gezielt verletzen will, ist selten.
Häufiger handelt es sich um Missverständnisse oder ungeschickte Verhaltensweisen. Hier kommt es darauf an, wie wir interpretieren, und ob wir etwas (schnell) persönlich nehmen. Erinnere dich an eine erlittene Kränkung: Welches deiner Bedürfnisse wurde nicht erfüllt? Konntest du mit der Person, die dich verletzt hat, darüber sprechen? Sah dein Gegenüber seinen Anteil an der Kränkung? Dann ist die Chance auf eine Lösung und Versöhnung größer, als wenn du schweigst oder es dem anderen heimlich zurückzahlst. Es ist nicht sinnvoll, wenn man nicht mit der kränkenden Person über das spricht, was einen verletzt hat. Der Ärger würde sich Nebenwege des Ausdrucks suchen, wie zum Beispiel sich rächen, krank zu werden, sich schmollend zurückzuziehen oder den anderen zu sabotieren. Eine Verbesserung der Situation stellen diese Wege nicht dar, und sie können Beziehungen auf Dauer sogar zerstören.
Im Laufe unserer Biografie begegnen uns auch ureigene Konflikte; die mit uns selbst und unserem bisherigen Lebensweg. Manchmal haben wir aufgrund erlittener Schwierigkeiten und ihrer Bewältigung Schutzmechanismen entwickelt. Zum Beispiel ein dominantes Verhalten, um nicht zu kurz zu kommen oder nicht mit Verantwortung alleine dazustehen. Ein anderes Beispiel wäre Rache und Bestrafung, wenn wir nicht gerne Konflikte austragen, aber sehr sensibel für die Machtausübung anderer sind.
Es gibt im Laufe einer Biografie manchmal eine bestimmte Art von Mensch, dem wir immer wieder in die Falle gehen. Es ist ein Muster in der Lebensgeschichte, das uns im Heute immer noch in Konflikte bringt. Es ist, als wenn wir dadurch die frühere Erfahrung endlich auflösen und verändern wollen. Vielleicht entdeckst du, wie du deine Beziehungen immer wieder belastest, indem du – um beim Beispiel von Rache und Bestrafung als Schutzmechanismus zu bleiben, Konflikten so lange ausweichst, bis ein tiefer Ärger oder sogar Hass auf andere Menschen entstanden ist.
Es geht bei der Auseinandersetzung mit biografischen Konflikten aber nicht nur darum, die Schattenseiten zu sehen, sondern auch das, was dir diese Eigenarten im Laufe des Lebens gebracht haben. So ist ein Mensch, der nicht gerne Konflikte austrägt, in einer Gemeinschaft vielleicht besonders verträglich und verbindlich, weil ihm die guten Beziehungen über alles gehen.

Auch interessant: Den inneren Menschen stärken
Biografische Konflikte sind so individuell und divers wie auch einzelne Menschen unterschiedlich sind. Sie entstehen, weil wir etwas übertreiben, das eigentlich gut ist, zum Beispiel Leistung zu bringen oder für andere da zu sein. Irgendwann geht es über unsere Kräfte. Oder es tritt ein Ereignis ein, das genau unsere persönliche Schwachstelle trifft. Es geht somit darum, etwas Gutes nicht mehr zu übertreiben, sondern das rechte Maß zu finden, oder sich mit der persönlichen Schwachstelle auseinanderzusetzen.
Der Beschäftigung mit der Ursache biografischer Konflikte kannst du dich mit guten und weniger guten Fragen nähern. Eine nicht so gute Frage wäre: Wie kann ich die Persönlichkeit werden, die andere gerade wollen oder brauchen? Bessere Fragen sind: Was treibt mich im Leben an? Wie kann ich diese Energie mir und anderen zur Verfügung stellen? Was ist das Beste, was ich zu geben habe? Was gehört so tief zu mir, dass ich es nicht opfern darf, auch wenn das vorübergehend zu Spannung führt?
Was zählt für mich wirklich? Welchen Sinn hat mein Leben? Was macht mich zufrieden und glücklich? Halten meine Werte, was sie versprechen? Womöglich stellst du dir solche Fragen in einem existenziellen Konflikt bzw. einer Sinnkrise. Vielleicht hast du etwas vergessen, das für dich wirklich zählt, oder du konntest es bislang nicht (ausreichend) verwirklichen. Was deinem Leben könntest du lieber lassen, weil es mit deinen Werten nicht übereinstimmt und dir dadurch auch keine Sinnhaftigkeit bietet? Werte prägen unser Leben. Bei zu gegensätzlichen Erwartungen und Wünschen aus dem Umfeld geraten wir in Konflikte. Es ist dann an uns, wie wir mit den Gegensätzen umgehen, wo wir Kompromisse machen möchten oder auch müssen, und wo wir für unsere Werte mutig einstehen wollen.
Wie wir auf einen Konflikt zu unseren Werten und zum Sinn reagieren, hängt damit zusammen, was wir hier als falsch und richtig ansehen. Dies nicht im besserwisserischen oder moralischen Sinn, sondern weil die Werte, die für uns richtig sind, für uns gleichermaßen wertvolle Bedeutung haben, die wir nicht aufgeben möchten. Wir halten ja nicht ohne Grund manche Dinge für wichtig, wir versprechen uns etwas davon. Deshalb lohnt sich die Überprüfung, was hinter deinen Werten steht und was du dir durch sie erhoffst. „Richtig“ ist ein Wert dann, wenn er das hält, was er verspricht: Er macht uns im Leben wirklich glücklicher und zufriedener. Im Leben stehen wir immer in einem Spannungsfeld von Gegensätzen. Werden manche Bedürfnisse überbetont, werden andere automatisch vernachlässigt und das gesamte Gefüge gerät aus der Balance. Um positiv und wertvoll zu sein, benötigt jeder Wert und jede Tugend eine Ergänzung durch einen Gegenpol. Insofern benötigen auch deine Bedürfnisse ein Gegenbedürfnis, um sie in einem ausgewogenen Maß gestalten und leben zu können.

Literatur
(1) Eckhart von Hirschhausen 2025. Der Pinguin, der fliegen lernte. Seite 24-25, dtv Verlag
(2) Anja Mannhard 1019. Der Lebensspur folgen. Freiburg: Herder
(3) Anja Mannhard 2021. Biografiearbeit. Die innere Schatzsuche. München: Scorpio
(4) Anja Mannhard 2022. Mit Selbstrespekt durchs Leben! Berlin: Parodos (vergriffen, erhältlich über die Autorin unter www.anjalingua.de)
(5) Anja Mannhard 2025. Mit fünf Fragen zur erfolgreichen Führung einer Nonprofit- Organisation (NPO). Hamburg: Diplomica
Dieser Text dient nur zu Informationszwecken und ersetzt nicht die Beratung durch einen Fachmann. Bei Zweifeln konsultieren Sie Ihren Spezialisten.







