Erik Erikson, der etwas andere Psychoanalytiker

· 12. April 2019

Erik Erikson war ein deutscher Psychoanalytiker, der wichtige Beiträge zum Verständnis des menschlichen Geistes leistete. Er wurde 1902 im deutschen Frankfurt am Main geboren und starb fast ein Jahrhundert später, 1994, in Harwich, Massachusetts, USA. Trotz der Tatsache, dass er als Psychoanalytiker arbeitete, sind seine Theorien vor allem in der humanistischen Psychologie verbreitet. Eriksons wichtigste Beiträge erweiterten unser Wissen um die Evolutionspsychologie, wobei er die Existenz von acht Entwicklungsstufen postulierte.

„Im sozialen Dschungel der menschlichen Existenz gibt es kein Gefühl der Lebendigkeit ohne einen Sinn für Identität.“

Erik Erikson

Wie so oft für einflussreiche Psychologen und Psychoanalytiker beschrieben, hatte auch Erikson keine sonnige Kindheit. Sein Vater verließ seine Mutter, als der Junge geboren wurde. Eriksons Mutter war eine junge Dänin, die ihren Sohn in den ersten Jahren seines Lebens als alleinerziehende Mutter erzogen hat. Einige Jahre später heiratete sie dann einen Kinderarzt jüdischer Herkunft.

Erik Eriksons Jugend

Erik Eriksons Mutter verheimlichte die Tatsache, dass der Vater des Jungen sie verlassen hatte. Vielleicht ist er deshalb als eine Art zielloser Rebell aufgewachsen. Er hatte kaum eigene Ziele, wusste nicht, in welche Richtung sich sein Leben entwickeln sollte. Trotz der Tatsache, dass er ein guter Schüler war, hat er sich nicht hervorgetan und jeder glaubte, dass er abgelenkt und verunsichert sei.

Junge schaut durch ein Fenster im Gras

Als er die High School beendet hatte, entschied er, dass er Künstler werden wollte. Das war der Beginn einer sehr instabilen Zeit in seinem Leben. Er besuchte Kurse und reiste in verschiedene Teile Europas, um mehr über die künstlerischen Bewegungen auf dem Kontinent zu erfahren. Manchmal reiste er wie ein Penner und schlief unter Brücken.

Viel später schrieb Erikson einen Aufsatz mit dem Titel Autobiographic Notes on the Identity Crisis  (zu Deutsch: Autobiografische Notizen zur Identitätskrise). In diesem Essay schrieb er über die Jahre, in denen er wanderte und sich nicht sicher war, welchen Weg er wählen sollte.

Früherziehung

Als Erikson 25 Jahre alt wurde, beschloss er, sich niederzulassen. Ein Freund von ihm empfahl ihm, eine offene Stelle an einer experimentellen Schule anzunehmen. Die Direktorin der Schule war Dorothy Burlingham, eine enge Freundin von Anna Freud. An dieser Schule begann Erikson, sich selbst zu finden und sich über den Sinn seines Lebens klar zu werden.

Er interessierte sich für Pädagogik und bildete sich vor allem in der Montessori-Pädagogik weiter. Später, dank des Einflusses von Anna Freud, beschäftigte er sich mit der pädiatrischen Psychoanalyse und entschied sich schließlich, Psychoanalytiker zu werden. Anna Freud selbst psychoanalysierte ihn als Teil der Anforderungen, die an ihn gestellt wurden, bevor er seine Praxis eröffnen durfte.

Erik Erikson mit einem Freund

Erikson heiratete eine Ballerina, und einige Jahre später mussten sie sich den Härten des Zweiten Weltkriegs stellen. Dadurch waren sie gezungen, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, wo Erikson schnell einen Job als Lehrer an der Harvard University (Massachusetts, USA) fand. Er schloss dort einige Freundschaften, die sein Leben maßgeblich beeinflussen sollten. Später arbeitete er zudem an der Yale University und der University of California (Connecticut und Kalifornien, beide USA).

Erik Eriksons Evolutionstheorie

Obwohl Erik Erikson an einer Vielzahl von Themen arbeitete, war es seine Theorie der psychosozialen Entwicklung, die ihm einen prominenten Platz in der Geschichte der Psychologie einräumte. In dieser Theorie brachte er sein Wissen über Pädagogik, Psychoanalyse und Kulturanthropologie zusammen. Erikson hat darin Sigmund Freuds psychosexuelle Entwicklungsphasen grundsätzlich neu interpretiert.

Entwicklungsstufen nach Erik Erikson

Erikson schuf die Psychologie des Egos, die er für die wesentliche Kraft des menschlichen Lebens hielt. Er glaubte, dass der soziale Aspekt des Menschen und die biologische Entwicklung bestimmende Elemente des Lebens eines Menschen seien. Er schlug vor, dass man in jeder Phase seines Lebens bestimmte, spezifische Fähigkeiten erwerbe. Diese Fähigkeiten bestimmen dann die weitere Entwicklung.

Die von ihm beschriebenen Fähigkeiten sind grundsätzlich psychosozialer Natur und implizieren einen Konflikt zwischen dem vorherigen und dem neuen Zustand.

Diese acht Entwicklungsphasen, so Erik Erikson, seien die folgenden (in dieser Reihenfolge):

  • Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen
  • Autonomie vs. Scham
  • Initiative vs. Schuldgefühl
  • Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl
  • Identität vs. Identitätsdiffusion
  • Intimität vs. Isolation
  • Generativität vs. Stagnation
  • Integrität vs. Verzweiflung

Eriksons Theorie hatte einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklungspsychologie. Es ist ein interessanter, zutiefst menschlicher und hoffnungsvoller Fokus, der heute nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der angewandten Psychologie gewürdigt wird.