Der Luzifer-Effekt – oder warum wir böse Taten begehen können

9. August 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Luzifer-Effekt - ein junger Mann und seine zwei Seiten, das Böse und das Gute

Der Luzifer-Effekt kann überall und zu jeder Zeit unseres alltäglichen Lebens auftreten. Er bewirkt eine spontane Transformation. Der Effekt kann eine scheinbar gesunde, gut ausgebildete und nette Person dazu bringen, abscheuliche Taten zu begehen. Es sind Menschen betroffen, die keine schwere oder traumatische Vergangenheit hinter sich haben, die aber durch den mächtigen Einfluss einer bestimmten Situation entmenschlicht werden.

Jeder gute Kriminologe, der auch nur ein wenig Ahnung von Soziologie hat, wird uns sagen können, dass das Böse kein abstrakter oder universeller Begriff sei. Ein Begriff, der als bloßes Antonym von „Gut“ existierte. Das Böse be- und entsteht im Kontext: Eine bestimmte soziale Situation und damit verbundene psychologische Mechanismen führen zum Bösen.

„Die Grenze zwischen Gut und Böse ist durchlässig und fast jeder kann dazu gebracht werden, sie zu überschreiten, wenn er durch situative Kräfte unter Druck gesetzt wird.“

Phillip Zimbardo

Ein berühmtes Beispiel für den Luzifer-Effekt sind die Hexenprozesse in Salem, als die Bevölkerung jener Zeit von religiösem Fanatismus, Puritanismus und kollektiver Hysterie erfasst wurde. Als weiteres Beispiel mag die inzwischen berühmte Fernsehfigur Walter White aus der Serie Breaking Bad  dienen.

Die Anthropologen Alan Page Fiske und Tage Shakti weisen allerdings darauf hin, dass beim Luzifer-Effekt jemand eine Reihe von Gewaltakten ausübe, die auf dem basieren, was die Person selbst für richtig halte. Das bedeutet allerdings, dass diese Taten – so grausam sie auch sein mögen – dem Täter aufgrund seiner komplexen persönlichen Situation und seinem sozialen Kontext gerechtfertigt erscheinen. Die Erkenntnis dessen darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gewalt niemals akzeptabel oder gar „tugendhaft“ ist.

Es kann sein, dass jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgrund gegebener sozialer und struktureller Umstände die Notwendigkeit oder Verpflichtung empfindet, die Grenze zum Bösen oder zur Grausamkeit zu überschreiten. In diesem Moment sprechen wir vom Luzifer-Effekt. Mehr als alles andere ist hier die Moral der Schlüsselbegriff. Kurz gesagt, die Moral wirkt als Köder für unseren Verstand: Sie vermittelt eine gewisse Logik oder Integrität jenseits des Drucks von außen oder der inneren Verzweiflung.

Formen der Gewalt - Auge, welches Gewalt sieht

Der Luzifer-Effekt und Philip Zimbardos Studie

Es ist die Nacht vom 28. April 2004. Die meisten US-Amerikaner beenden gerade ihr Abendessen und setzen sich vor den Fernseher, um die Sendung 60 Minutes  zu sehen. Doch die heutige Sendung ist anders. Der Sender bot seinen Zuschauern die Möglichkeit, etwas zu sehen, auf das viele nicht vorbereitet waren.

Gezeigt wurden Bilder des Abu-Ghraib-Gefängnisses im Irak, in dem eine Gruppe amerikanischer Soldaten, Männer und Frauen, die irakischen Gefangenen auf abscheulichste und erniedrigendste Weise misshandelten, folterten und vergewaltigten.

Einer der Menschen, die diese Szenen mit großer Angst verfolgten, war der bekannte Psychologe Philip Zimbardo. Doch für ihn waren diese Taten nicht neu, sie waren nicht seltsam und sie waren nicht unerklärlich. Die US-amerikanische Gesellschaft betrachtete die Bilder jedoch mit Bestürzung, bedeuteten sie doch nichts Geringeres als einen radikalen Widerspruch gegenüber ihren nach außen hin gezeigten Überzeugungen.

Plötzlich waren jene die Bösen, welche sie noch kurz zuvor für die Guten hielten. Retter wurden zu Tätern. Hatten sie die Fähigkeiten des amerikanischen Militärs überschätzt?

Das Zimbardo-Experiment von 1971

Nach der Veröffentlichung der Fotos wurden die sieben Gefängniswächter aus dem irakischen Gefängnis angeklagt und anschließend vor Gericht gestellt. Trotz allem, oder vielleicht auch gerade deswegen, hielt es Dr. Philip Zimbardo für notwendig, als Sachverständiger vor Gericht zu erscheinen, um zu erklären, was eigentlich geschehen war.

Bevor er zur eigentlichen Verhandlung ging, machte er eine Sache unmissverständlich klar: Das Übel, welches in diesem Gefängnis ans Licht gekommen war, war ein Folge des Agierens der Regierung unter Bush und einer Politik, welche das Auftreten des Luzifer-Effekts förderte.

Einer der Gründe, warum er sich verpflichtet fühlte, an dem Prozess teilzuhaben, war, dass er selbst eine Situation erlebt hatte, die der des Gefängnisses von Abu Ghraib sehr ähnelte. 1971 führte er an der Stanford University (Kalifornien, USA) ein Experiment durch, das berühmte Stanford-Gefängnis-Experiment.

Er teilte zwei Gruppen von Studenten in „Wächter“ und „Gefangene“ ein. Nach ein paar Wochen erlebte Zimbardo unerwartete und unvorstellbare Grausamkeiten. Liberale Studenten, bekannt für ihren Altruismus, ihre Freundlichkeit und Geselligkeit, wurden zu regelrechten Sadisten. Aus dem einfachen Grund, da sie die „Rolle“ der Wächter übernommen hatten. Schließlich wurde es so extrem, dass sich Zimbardo gezwungen sah, das Experiment vorzeitig zu beenden.

Das Stanford-Gefängnis-Experiment

Der Luzifer-Effekt und sein psychologischer Hintergrund

Die Ereignisse während des Experiments an der Stanford University schienen eine klare Vorahnung dessen zu sein, was Jahre später im Abu-Ghraib-Gefängnis passieren sollte. Dr. Zimbardo versuchte allerdings nicht, die Handlungen der angeklagten Soldaten zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Er machte sie ganz sicher nicht zu Opfern. Stattdessen wollte er eine wissenschaftliche Erklärung dafür liefern, wie bestimmte Umstände unser Handeln leiten können.

Im Folgenden sind die psychologischen Prozesse aufgelistet, welche Dr. Zimbardo und seine Kollegen damals identifizierten und als Komponenten des Luzifer-Effekts kategorisierten:

  • Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Solomon Asch vertrat die Theorie, dass bestimmte soziale Zwänge uns manchmal dazu bringen, Verhaltensweisen auszuführen, die unseren eigenen Werten widersprechen. Wofür? Für Akzeptanz seitens der Gruppe.
  • Gehorsam gegenüber einer Autorität. Stanley Milgram beschrieb dieses Phänomen beispielsweise in Gruppen mit einer Militär- oder Polizeihierarchie. Viele Menschen seien hier in der Lage, Gewalttaten zu begehen, ohne Verantwortung zu übernehmen, wenn sie gerechtfertigt oder von höherrangigen Personen angeordnet worden seien.
  • Moralische Trennung. Albert Bandura kam zu dem Schluss, dass Menschen ihre eigenen moralischen Codes und Wertesysteme aufbauen. Manchmal vollziehen sie jedoch mentale Pirouetten. Dann handeln sie ihren Prinzipien völlig entgegengesetzt. Es kann sogar zu dem Punkt kommen, an dem sie etwas moralisch absolut Inakzeptables für korrekt erachten.
  • Umweltfaktoren. Dr. Zimbardo erfuhr, dass diese Soldaten an sieben Tagen in der Woche in 12-Stunden-Schichten arbeiteten – über 40 Tage ohne Pausen. Es ging sogar so weit, dass sie selbst in Zellen schliefen. Außerdem war die gesamte Einrichtung in einem schlechten Zustand: Schimmelbefall, Blutflecken und Exkremente an den Wänden. Sie mussten bis zu 20 Mörserangriffe pro Woche aushalten.

Grafische Darstellung eines männlichen GesichtsKönnen wir das verhindern?

Zusammenfassend erklärt Zimbardo in seinem Buch Der Luzifer-Effekt. Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen,   dass Entmenschlichung unvermeidlich sei. Die situationsbedingten Faktoren, die kontextuelle soziale Dynamik und der psychologische Druck können in jedem von uns große Übel verursachen. Wir tragen diesen „Samen“ in uns, ob wir es nun wollen oder nicht. Aber wir können dieser dunklen Seite mit Entschlossenheit, Integrität und klaren Grenzen begegnen. Wir können unser Wissen nutzen, um uns davon abzuhalten, zu vergessen, wer wir sind.

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