Simone Biles und andere Turnerinnen über sexuellen Missbrauch

Harry Lassar ist bereits im Gefängnis, aber es gibt immer noch Verantwortlichkeiten, die geklärt werden müssen. Das System hat versagt, die Opfer leiden noch heute daran.
Simone Biles und andere Turnerinnen über sexuellen Missbrauch

Letzte Aktualisierung: 21. September 2021

“Ich beschuldige Larry Nassars und ein ganzes System, das seinen Missbrauch ermöglicht hat.” Simone Biles und andere Turnerinnen haben vor wenigen Tagen vor dem Justizausschuss des US-Senats ausgesagt. Das war der Satz, der am häufigsten von den jungen Frauen wiederholt wurde, die ehrlich über den Missbrauch durch den offiziellen Arzt des Turnteams berichteten.

Nach mehr als 20 Jahren kontinuierlichem Missbrauch wurden 265 Opfer identifiziert, die sich getraut haben, Anzeige zu erstatten. Doch vermutlich gibt es noch viele weitere Opfer. Lassar gilt deshalb als der größte Sexualstraftäter in der Sportgeschichte der Vereinigten Staaten.

Er manipulierte seine Opfer psychologisch und nutzte seinen Ruf, um sie glauben zu lassen, dass sie große Stars werden würden. Es heißt, dass er an den Wänden seines Büros Bilder von Mädchen befestigte, die es im Turnen bis an die Spitze geschafft hatten – ebenfalls Opfer -, um die neuen Turnerinnen damit zu beeindrucken.

Nachdem Harry Lassar in Arizona bereits zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, versuchen das Justizsystem und seine Opfer ihn für weitere Vorfälle verantwortlich zu machen.

“Was nützt es, einen Missbrauch zu melden, wenn unsere eigenen FBI-Agenten den Bericht in einer Schublade vergraben?”

McKayla Maroney

Simone Biles und andere Turnerinnen über sexuellen Missbrauch

Simone Biles und andere Turnerinnen über ihren Missbrauch

Wer dachte, die Missbrauchsfälle der Turnerinnen der US-Nationalmannschaft seien abgeschlossen, irrt sich. Es gibt viele offene Wunden und psychologische Traumata, mit denen sie möglicherweise für den Rest ihres Lebens umgehen müssen. Was jedoch alle Opfer solcher Erlebnisse brauchen, ist das Gefühl, im Rahmen des Möglichen Gerechtigkeit zu erlangen. Viele Betroffene warten noch darauf.

Am 15. September sagten Simone Biles und andere Turnerinnen (McKayla Maroney, Aly Raisman und Maggie Nichol) vor dem Justizausschuss des US-Senats aus. Bei dieser Anhörung kamen Informationen ans Licht, die schon seit mehreren Jahren bekannt waren: Das FBI, USA Gymnastics und das Olympische und Paralympische Komitee wussten von den Missbräuchen und haben nichts unternommen.

Monster gibt es nicht nur in Kleiderschränken oder unter Betten

Die wahren Monster, die echten Raubtiere, leben nicht in der Dunkelheit der Kleiderschränke. In vielen Fällen leben sie in der unmittelbaren Umgebung von Kindern. Es handelt sich häufig um Familienmitglieder, Betreuer, Lehrer und auch Ärzte. Harry Lassar war der Mann, der zwanzig Jahre lang Hunderte von Mädchen im US-Turnteam missbrauchte.

Es gibt aber noch eine andere Art von Monstern: diejenigen, die wegschauen, wenn sie von solchen Taten wissen. Derjenige, der so tut, als würde er nichts sehen, und derjenige, der sich weigert, den Aussagen der Opfer zu glauben, obwohl es viele Beweise gibt, die sie bestätigen. So erging es vielen dieser Mädchen, die im Alter von 12, 14 oder 15 Jahren dem FBI berichteten, was sie erlebten.

Mckayla Maroney, die 2012 bei den Olympischen Spielen in London eine Goldmedaille gewann, stellte ein besonders hartes Zeugnis aus. In einem dieser Anrufe beim FBI erklärte sie, wie Nassar ihr Tabletten gab, um sie schläfrig zu machen, damit er sie stundenlang missbrauchen konnte. Sie erzählte auch, dass viele seiner Behandlungen darin bestanden, seine Finger in ihre Vagina einzuführen. Als Antwort auf diese Erklärungen fragte das FBI sie einfach, ob das alles sei und ob diese Techniken ihr geholfen hätten.

“Wir haben lange Zeit an uns selbst gezweifelt, weil uns niemand bestätigt hat oder uns komplett geglaubt hat. Dadurch, dass mein Missbrauch von den Menschen, die mich eigentlich beschützen sollten, heruntergespielt und abgetan wurde, hielt das Trauma länger an.”

Mckayla Maroney

Simone Biles und andere Turnerinnen fordern Gerechtigkeit

Simone Biles und andere Turnerinnen informierten die Senatoren, dass der Fall Nassar noch nicht abgeschlossen ist. Die Menschen, die sie hätten schützen sollen, taten es nicht. Wenn eines der Mädchen einen Übergriff meldete, dauerte es etwa 14 Monate, bis das FBI sie befragte. Danach spielten sie den Vorfall herunter und vergaßen ihn.

Der derzeitige Direktor des Federal Bureau of Investigation and Intelligence, Christopher Wray, entschuldigte sich im Senat. Er tat dies in der Annahme, dass das Verhalten seiner Institution verwerflich und bedauerlich war. Er erklärte außerdem, dass der in den Fall verwickelte Aufsichtsbeamte längst entlassen worden sei.

Simon Biles betonte, wie wichtig es sei, dass sich solche Situationen nicht wiederholen. Ihrer Meinung nach sollte kein Olympionike und kein Mensch das erleiden müssen, was ihr und so vielen anderen jungen oder minderjährigen Frauen angetan wurde. “Wenn du es zulässt, dass ein Täter Kindern Schaden zufügt, werden die Konsequenzen schnell und unwiderruflich sein.”

Simone Biles und andere Turnerinnen über sexuellen Missbrauch

Die Belastung von Athleten durch Traumata

Die Universität Linköping in Schweden führte 2014 eine Studie durch, die zeigte, dass Missbrauch unter Spitzensportlern weiter verbreitet ist, als wir denken. Die Folgen dieser Erfahrungen sind äußerst schädlich, in vielen Fällen treten Selbstmordgedanken auf.

Simone Biles und andere Turnerinnen und Turner (schätzungsweise mehr als 300) sind Beispiele dafür. Biles war die einzige von, die es geschafft hat, bei den letzten Olympischen Spielen anzutreten und wir alle wissen, was passiert ist. Ihr ist es zu verdanken, dass die Bedeutung der psychischen Gesundheit von Sportlerinnen und Sportlern ins Bewusstsein gerückt wurde.

Wenn wir also zu den Angstproblemen und depressiven Störungen, die mit der Welt des Wettkampfs verbunden sind, das Thema Trauma aufgrund von sexuellem Missbrauch hinzufügen, ist die Realität noch härter. Dazu kommt eine weitere Realität: Der Mangel an Empathie, die Hilflosigkeit über so viele Jahre hinweg und das Gefühl, dass ihre besondere Hölle für niemanden von Bedeutung war.

Hoffen wir, dass solche Situationen nie wieder auftreten. Alle Monster (die unter uns leben) müssen schnell identifiziert und entsprechend bestraft werden.

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