Manchmal glauben wir, dass das Leben zu uns „Nein“ sagt, obwohl es „Warte mal“ meint

· 4. Mai 2016

Manchmal glauben wir, dass das Leben uns all dies verneint, was wir uns wünschen, obwohl es in Wirklichkeit einfach nur „Warte mal, es kommt noch besser“  zu uns sagt. Es fällt uns schwer, zu tolerieren, dass jede Situation und jedes Ereignis seine Zeit braucht und dass es sehr ungewöhnlich ist, wenn die Welt sich im gleichen Rhythmus mit uns bewegt.

Es ist ein ganz normaler Gedanke für uns, es ist uns förmlich eingeprägt, zu sagen: „Ich will das, und ich will es schon jetzt, ich denke nicht daran, länger zu warten“.  Wenn wir dann aber merken, dass das, nach dem wir uns zutiefst sehnen, nicht dann kommt, wann wir es wollen, dann bemerken wir, dass jedes Bedürfnis seine Zeit braucht und das wir durch übertriebene Eile nichts weiter erreichen, als unsere Hoffnungen zu begraben.

Wir sollten uns dazu zwingen, im hier und jetzt zu leben und gleichzeitig die Fähigkeit zu entwickeln, warten zu können und geduldig zu sein, denn dadurch können wir das Leben als Prozess genießen und darin einen Sinn sehen.

Es geht darum, sich immer weiter anzustrengen, um die Ernte des Erfolgs einzufahren, um unsere Vorhaben, Ziele und Wünsche zu erreichen. Nur wenn wir scheitern, hinfallen und dann wieder aufstehen, werden wir das genießen können, nach dem wir uns heute sehnen und was nie zu kommen scheint.

Schmetterlingskuss

Das Gleiche passiert mit der Liebe, die nicht kommt, wenn wir danach suchen, sondern wann ihr es so passt. Dies ist etwas, was wir nicht verstehen können und was uns in unerwartetem Maße die Hoffnung verlieren lässt. Wenn wir uns Liebe wünschen und sie aber nicht erscheint, dann fangen wir schließlich an, zu glauben, dass wir weniger wert sind und sie weniger verdient haben, als die, die ihre Liebe bereits gefunden haben.

Warte nur: Alles passiert, alles kommt und alles verändert sich

So etwas zu sagen, wie „Warte nur ab, alles kommt schon noch“,  verlangt mit Sicherheit von uns ein großes Maß an Selbstkontrolle. Das heißt, wie wir in dem nächsten Video sehen werden, wenn uns jemand eine Süßigkeit vor die Nase legt, die wir gern essen und uns darum bittet, sie nicht zu essen, bis eine gewisse Zeit vergeht, dann versuchen wir, uns nicht auf die Süßigkeit zu konzentrieren, um die Wartezeit zu überbrücken.

Das heißt, dass wir Strategien zur Selbstkontrolle anwenden, die uns erlauben, der Versuchung zu widerstehen, diese Süßigkeit aufessen zu wollen. In dem Video sind es Marshmallows. Dies ist herzerweichend, wenn wir Kinder in einer solchen Situation beobachten. Diejenigen, die es schaffen, so lange zu warten, benutzen Strategien wie tanzen, singen, sich die Ohren zuhalten, spielen…

Dieses Experiment wurde zum ersten Mal in den 60er Jahren von dem Psychologen Walter Mischel von der Columbia Universität (New York, USA) durchgeführt. In den darauffolgenden Nachforschungen, in welchen die an dem Versuch beteiligten Kinder weiter im Fokus standen, fand man heraus, dass die Fähigkeit, unsere Impulse im Kindesalter kontrollieren zu können, stark damit im Zusammenhang steht, wie später unser Erwachsenenleben aussieht.

Geduld und Selbstkontrolle fangen an, sich ab unserer Geburt zu entwickeln und werden etwa ab einem Alter von 4-5 Jahren sichtbar.

Verlassen wir nun diese Metapher und verstehen wir, dass wir tagtäglich eine Belohnung für etwas, was wir tun, auf später hinausschieben. Zum Beispiel gehen wir arbeiten, um am Ende des Monats Geld zu bekommen. Der Kampf zwischen unserem Verlangen und der Selbstkontrolle, zwischen der direkten Belohnung und der Aufschiebung, führt zu einem großen emotionalen Lernerfolg, und das bereits im Kindesalter.

Roter-Apfel

Der Zeit Zeit geben hilft uns, mit Frustration umzugehen

Manchmal treten belohnende Ereignisse erst später ein und unsere Ungeduld kann dazu führen, dass uns der Geduldsfaden reißt, oder, vielleicht besser gesagt, dass wir die Mauern einstürzen lassen, die wir bereits für unsere Burg gebaut haben.

Doch all das, was wirklich etwas Wert ist, verlangt auch einen großen Aufwand und eine riesige Geduld und eine Aufopferung, die uns manchmal emotional und körperlich zerstört. Wir schaffen es nicht, zu verstehen, dass immer noch nicht unser kleiner Moment des Erfolges gekommen ist und dass wir weiterhin mit Unsicherheit durch die Gegend irren.

Dies bringt jedoch auch große emotionale Lehren mit sich, die wir im Großen und Ganzen nicht vergessen werden:

  • Jenes, was uns wirklich etwas wert ist, ist das, wofür wir uns mit ganzer Seele und ganzem Herzen einsetzen: Das heißt, was uns Anstrengung und harte Arbeit kostet.
  • Nichts wird besser, wenn wir uns nicht dafür bewegen.
  • Nur mit Verantwortung und Beständigkeit können wir die Ziele erreichen, nach denen wir uns sehnen.
  • Im Leben sollte jeder der Kapitän seines Segelschiffs sein, denn wenn du dich nicht selbst steuerst, dann wirst du nie im richtigen Hafen ankommen, sondern verloren auf hoher See für einen großen Teil deiner Existenz herumdümpeln.
  • Es ist sehr wichtig, stets nach Verbesserung zu suchen und sich auf Grundlage dessen zu verbessern, was wir bereits kennen, was uns angemessen erscheint und was uns andere mit mehr Erfahrung erzählen.
  • Man muss nicht alles gut machen, nichts ist perfekt.
  • Während des Wartens können große Dinge geschehen.
  • Alles kommt, aber die Zeit dreht sich niemals mehr zurück.
Weg-mit-Baumen

Wenn am Ende das, was wir uns wünschen, nicht herauskommt, dann sollten wir uns bewusst darüber sein, dass nichts, was uns passiert, ein Fehler ist. Jede Entscheidung ist, in dem Moment, in dem wir sie treffen, und jedes Gefühl ist, in dem Moment, in dem wir es fühlen, das, was dem Moment angemessen ist.

Deshalb ist es wichtig, dass wir niemals aufhören, in allem, was uns passiert, einen Sinn zu sehen, oder wie Victor Frankl es gesagt hat:

„Das Leben hat bis zum letzten Moment, bis zum letzten Seufzer, eine potenzielle Bedeutung, dank der Tatsache, dass man aus allem einen Sinn ziehen kann, selbst aus dem Leiden.“

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Christian Schloe