Können Lügen manchmal helfen?

· 5. September 2016

Wenn man uns fragt, würde wohl die Mehrheit von uns sagen, dass wir lügen abscheulich finden und keinerlei Betrug tolerieren. Normalerweise betrachten wir das Thema aus moralischer Perspektive und verurteilen somit jedes Verhalten, was man mit Unaufrichtigkeit in Verbindung bringt. Das Interessante daran ist, dass wir alle selbst hin und wieder mal lügen. „Notlügen“ nennen wir das manchmal, um somit den Fehler zu minimieren, den wir sonst so verurteilen.

Die Frage, die jetzt kommt, kann uns vielleicht verblüffen: Was würde passieren, wenn niemand auf dieser Welt mehr lügen würde? Und du dann zum Beispiel auf jemanden triffst, der dir sagt: „Wie hässlich siehst du denn aus!“, oder dein Chef dich mit den Worten empfängt: „Ich halte sie für einen Idioten und ich suche nur nach einer Gelegenheit, um sie zu feuern.“  Oder du lädst jemanden nach Hause zum Essen ein und am Ende, anstatt dir danke zu sagen, sagt er: „Du kochst einfach nur furchtbar. Was für ein unbekömmliches Essen.“

„Ohne Lügen würde die Menschheit an Hoffnungslosigkeit und Langeweile sterben.“
Anatole France

Dies sind einige Fälle brutaler Ehrlichkeit, die als extreme Unhöflichkeit aufgenommen werden würden. Wenn wir also klar die Meinung vertreten, dass uns Lügen nicht gefallen, dann sollten wir auch zugeben, dass uns auch gewisse Wahrheiten nicht passen. Und es gibt Fälle, in denen lügen nicht betrügen bedeutet, zumindest nicht im moralischen Sinne dieses Begriffes, sondern dass man einfach nur unnötigen Konflikten aus dem Weg geht.

Haben Lügen einen Nutzen?

Wie mit allem menschlichen Verhalten ist das Wichtigste nicht das Verhalten selbst, sondern die Absicht, die hinter jeder Handlung steht. Es gibt solche, die mit ihrer absoluten Ehrlichkeit prahlen und letztlich nur an alle Welt auf unangebrachte Weise Privates ausplaudern. Hier sollte man darüber nachdenken, ob ihre wirkliche Intention darin besteht, die Wahrheit zu sagen, oder ob sie vielmehr jemanden verletzen wollen und dies hinter einem moralischen Vorwand verstecken.

Labyrinth-mit-Herz

Auf gleiche Weise gibt es auch Menschen, die aus einer löblichen Absicht lügen. Vor einiger Zeit hat ein Journalist erzählt, dass seine Mutter erkrankt war und der Arzt ihn anrief, um ihm die Diagnose mitzuteilen. „Bauchspeicheldrüsenkrebs“,  sagte er. Der Mann bat ihn eindringlich darum, dies nicht seiner Mutter zu sagen, da sie eine zu empfindsame Person sei und dass bereits die Nachricht sie zu sehr mitnehmen könnte.

Der Mediziner berief sich auf seine Ethik und teilte der Frau ihre Diagnose mit. Sie blieb am Rande eines Nervenzusammenbruchs und starb eine Woche darauf an einer hypertensiven Krise. Diese Wahrheit erzeugte bei ihr eine solche Angst und solches Leiden, dass die Nachricht ein größeres Unheil anrichtete, als wenn sie in der Ungewissheit geblieben wäre. Manchmal kann lügen helfen, zumindest bis wir den richtigen Moment gefunden haben, um die Wahrheit mitzuteilen.

Man kann eine Lüge also nur dann beurteilen, wenn man auch die Absicht dahinter und ihre Folgen mit einbezieht. Wenn die Absicht darin besteht, ein größeres Unheil zu vermeiden, dann erscheint es vernünftig, die Moral beiseite zu lassen und sich auf die praktische Auswirkung der Wahrheit zu konzentrieren. Lügen ist nicht immer verwerflich.

Lügen zum eigenen Nutzen

Wenn die Absicht der Lüge jedoch ist, einen egoistischen Wunsch zu befriedigen oder irgendeinen eigenen Nutzen zu ziehen, dann ist die Situation ganz anders. In diesem Fall wird die Lüge zu einem Werkzeug der Manipulation. Die Wahrheit wird vermieden oder verzerrt in der Absicht, den anderen in einen Zustand der Verletzbarkeit zu versetzen: Die Verletzbarkeit, die aufkommt, wenn man eine Information nicht kennt, die man kennen sollte und deren Kenntnis einem dienlich ist.

Tautropfen-auf-der-Hand

Diese Art der Lügen hilft nur demjenigen, der sie ausgedacht hat. Anstatt ein Leiden oder einen unnötigen Konflikt zu verhindern, rufen sie ihn vielmehr hervor. Das Gleiche passiert, wenn man aus der Angst heraus lügt, sich einer Wahrheit oder irgendeiner Verantwortung stellen zu müssen. Weit davon entfernt, nur eine Formel zu sein, um die Situation im Reinen zu halten, ist sie wie ein Gift, was die ganze Umgebung kontaminiert.

Es gibt noch einen anderen Typ Lügen, die sogar in manchen Therapieformen verwendet werden. Es geht um Sätze, die vielleicht nicht ganz stimmen, welche die Person aber ständig vor sich selbst wiederholt, damit sie als Form der Autosuggestion wirken. Zum Beispiel wenn wir uns sagen: „Ich bin gut darin und werde noch besser werden“, obwohl die Tatsachen dem vielleicht nicht ganz Recht geben. In diesem Fall geht es um einen ähnlichen Effekt, wie so manche Werbung ihn hat: „Eine Lüge, die man tausendmal wiederholt, wird zur Wahrheit.“

Manchmal betrügen wir uns selbst, um durch einen schlechten Moment zu kommen, oder weil wir einfach nicht bereit dafür sind, uns einer Wahrheit zu stellen. Das Schlechte an diesem Prozess ist, dass er nicht immer komplett bewusst gemacht wird und wir uns manchmal in diesen Lügen einrichten und in ihnen gefangen bleiben.

Wenn also in einigen Fällen die Lüge ohne Zweifel helfen kann, so hilft die Wahrheit in vielen klaren Fällen deutlich mehr. Wir sollten in jedem Fall nicht vergessen, dass die Lüge einen Preis hat. Wenn du jemandem sagst, der schlecht kocht, dass dir seine Gerichte schmecken, dann wirst du sie weiterhin essen müssen. Wenn du eine größere Lüge sagst, dann kann sie auch einen noch größeren Preis haben und das kann bis dahin gehen, dass eure Beziehung direkt beeinträchtigt wird.

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