Vergeben und verzeihen – Ist das notwendig?

20. Oktober 2015 en Emotionen 0 Geteilt

Diese Person, die dir so viel Schaden zugefügt hat, verdient sie es, dass man ihr vergibt? Mit Sicherheit hast du dich das schon mehr als einmal gefragt. Falls es sich um eine dir nahestehende Person handelt, dann überlegst du vielleicht länger, ob es sich lohnt, ihr zu vergeben oder nicht.

Ein weiterer Zweifel nagt an uns: Heißt vergeben, dass man sich mit dieser Person versöhnt? Vielleicht haben wir entschieden ihr zu vergeben, um nicht weiterhin Groll gegen sie zu hegen, denn Groll ist ein Gift, welches uns absolut nicht gut tut. Aber das bedeutet nicht, dass wir die Freundschaft erhalten müssen, dass alles so wie früher wird, oder dass wir verheiratet bleiben, die andere Person besuchen usw.

Wenn wir verraten werden, uns verraten fühlen, ist es ziemlich schwer, die Beziehung fortzuführen, als wäre nichts passiert. Stellen wir uns vor, dass unser Vertrauen wie ein Kristallglas ist, welches auf den Boden fällt und in tausend Teile zerbricht. Kann es jemals wieder so sein wie vorher, selbst wenn wir alle Teile wieder zusammensetzen? Auf keinen Fall.

Es ist nötig, zu bedenken, dass wir uns selbst vergeben müssen, bevor wir jemandem für seine Fehler verzeihen. Was soll das heißen? Dass wir uns beim Vergeben vom Schmerz, den giftigen Emotionen und den negativen Gefühlen befreien, die in unserem Inneren wohnen. Und das ist schon allerhand.

Aber es bringt nichts „ich vergebe dir“  zu sagen, ohne es auch zu fühlen. Wenn wir diese Wörter, die große Bedeutung und Wert in sich tragen, sagen, dann muss das bewusst geschehen und ehrlich sein.

Die Vergebung kann zur Versöhnung führen, oder auch nicht. Es handelt sich nicht um eine Bedingung à la „sine qua non“, das heißt man kann vergeben und jeder geht seinen eigenen Weg. Der gemeinsame Weg trennt sich in dem Moment, in dem wir entscheiden, zu vergeben und gleichzeitig loszulassen.

Das passiert nicht von heute auf morgen, Vergebung ist ein Prozess, der sich über einen langen Zeitraum hinzieht. Vielleicht denken wir, dass wir jemandem bereits dafür vergeben haben, was er uns angetan hat. Aber jedes Mal, wenn wir uns an den Streit erinnern, dann fühlen wir eine gewisse Traurigkeit, wir weinen, fühlen Wut und Zorn. Das bedeutet, dass wir noch nicht zu vollständig vergeben haben.

Miguel Ruiz beschreibt in seinem Buch Die vier Versprechen dass Vergebung der einzige Weg ist, uns selbst zu heilen. Du merkst, dass du jemandem vergeben hast, wenn du ihn siehst (oder an ihn denkst) und keine negative emotionale Reaktion spürst. 

Man könnte Vergebung mit der Heilung einer Wunde vergleichen, die wir uns beim Schneiden eines Apfels zugefügt haben. Während die Wunde noch am Verheilen ist, wird sie uns bei jeder Berührung schmerzen. Aber wenn sich die Haut erst einmal regeniert hat, dann bleibt ein Fleck hellerer Haut oder eine Narbe zurück, aber Berührungen verursachen keine Schmerzen mehr. Hinsichtlich der Vergebung werden wir merken, dass wir wirklich vergeben haben, wenn uns die Erinnerung an die Situation, welche uns im ersten Moment wehgetan hat, keine Probleme mehr bereitet.

Erinnere dich an diesen schönen Satz zu den Folgen, die es haben kann, wenn man nicht weiß, wie man vergeben soll:

„Nicht zu vergeben ist, als würdest du eine glühende Kohle mit der Absicht in die Hand nehmen, sie jemand anderem zuzuwerfen: du verbrennst dich zuerst.“

Auch die Idee, dass die Vergebung eine Möglichkeit darstellt, uns selbst zu heilen und weiteren Schmerz von uns abzuwenden, spricht für das Vergeben und Verzeihen.

Wie, wann und warum sollte man vergeben? Das hängt alles von jedem Einzelnen ab, von unserer individuellen Erfahrung. Es gibt keine Regel und kein magisches Rezept, welches uns beispielsweise sagt: „Wenn dich dein Partner betrügt, dann warte zwei Wochen, bis du vergibst.“

Du selbst wirst merken, in welchem Moment du vergeben hast oder ob du noch weiter daran arbeiten musst, dieses Ziel zu erreichen. Und in manchen Fällen ist es tatsächlich die Zeit, die die Wunden heilt. Es bestehen keine Zweifel daran, dass Zeit manchmal das beste Heilmittel ist, um Verletzungen am Herzen zu kurieren.

Ob wir vergeben oder nicht, das ist eine persönliche Entscheidung. Aber diese Entscheidung wird sich auf unser Leben auswirken, sei es heute oder in der Zukunft.

Es ist richtig, dass manch Verrat schwerer zu vergeben ist als ein anderer. Aber wir sollten uns auch daran erinnern, dass wir nicht perfekt sind und jeder mal einen Fehler macht. Wir rechtfertigen damit nicht denjenigen, der uns betrogen hat, wir sind einfach etwas weniger streng zu dieser Person, welche sich wahrscheinlich mit ihrem Handeln ebenfalls unwohl fühlt.

Schließlich sollten wir daran denken, dass die Vergebung nichts ist, was dem anderen nützt, sondern uns selbst. Wer vergibt, befreit sich von einer schweren und gefährlichen Last, welche unserem Herzen schadet.

Übe das Vergeben und du wirst dich erleichtert fühlen!

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