Funktionale Dummheit – in vielen Unternehmen gefragt

· 5. Juli 2017

Egal, wie schwer es fällt, das laut auszusprechen, es gibt Beweise: Funktionale Dummheit ist auch heute noch die treibende Kraft in vielen Unternehmen. Kreativität wird nicht geschätzt, die Fähigkeit, kritisch zu denken, bedeutet für einen Geschäftsmann lediglich eine Bedrohung, denn ihm ist es lieber, wenn sich nichts verändert, und er ist immer auf der Suche nach zahmen Angestellten.

Es ist uns bewusst, dass wir in unserem Blog schon mehr als einmal erwähnt haben, welch großes Kapital ein kreativer Geist für eine Organisation bedeutet. Allerdings stellt es in unserem Arbeitsumfeld manchmal eher ein Problem als einen Vorteil dar, wenn wir anders denken, gar freier und intuitiver handeln.

Es ist schwer zu sagen. Aber wir wissen, dass jede Organisation einzigartig ist, über ihre eigene Dynamik, politische Strukturen und ein ganz bestimmtes Klima verfügt. Es gibt Unternehmen, die das perfekte Beispiel für Innovation und Effizienz darstellen. Trotzdem: Der längst überfällige Wandel ist immer noch nicht ganz Realität geworden. Große Gesellschaften und sogar kleine Firmen sind zwar ohne Frage auf der Suche nach qualifiziertem Personal – aber auch Personen, die leicht zu handhaben sind, Erfahrung haben und dennoch stillhalten.

Innovation, die auf dem menschlichen Kapital beruht, das aus einem offenen, flexiblen und kritischen Geist entsteht, ist pures Risiko. Das ist deshalb so, weil die Geschäftsleitung auf neue Ideen weiterhin voller Angst blickt – denn unsere Unternehmen sind immer noch streng hierarchisch organisiert; Autoritätspersonen üben die völlige Kontrolle aus und wollen, dass dies so bleibt. Aber auch viele Angestellte blicken häufig mit Unbehagen auf die Stimme, die neue Ideen vorbringt, denn sie stellt eine Fähigkeit dar, die ihnen selbst fehlt.

Es ist eine komplexe Realität, die wir gern näher betrachten möchten.

Funktionale Dummheit, der große Gewinner

Mats Alvesson, Professor am Institut für Wirtschaft und Management der Universität Lund in Schweden, und Andre Spicer, Professor für organisatorisches Verhalten, haben zu diesem Thema ein sehr interessantes Buch mit dem Titel Das Paradox der Dummheit  (im englischen Original: The Stupidity Paradox) verfasst.

Wir alle wissen, dass in unserem Zeitalter die Begriffe Strategie und Management von großer Bedeutung sind. Fähigkeiten, die auf Kreativität oder auf dem sogenannten Mental System Management (MSM) basieren, erfahren große Anerkennung, aber der Schritt von der Wertschätzung dahin, dass sie auch angewandt werden, wird nur von wenigen getan. Tatsächlich scheint diese Entwicklung mit jeder Menge Unbehagen verbunden zu sein: weil Innovation zu teuer ist, und weil es immer besser ist, sich an etwas anzupassen, das bereits funktioniert, statt ein unbekanntes Neues auszuprobieren. All das ergibt eine sowohl spröde als auch begrenzte Realität, und die Wirtschaft, die auf Innovation, Kreativität und Wissen basiert, bleibt nach wie vor mehr Traum denn Wirklichkeit.

Allerdings muss ein weiterer Aspekt mit in unsere Überlegungen einbezogen werden. Auch eine geniale, hoch gebildete Person braucht einen Job. Letztendlich werden die meisten der Versuchung der Routine und einer Stelle mit geringem Status nachgeben, weil Resignation und das Akzeptieren funktionaler Dummheit die Voraussetzung dafür sind, einen Job behalten zu können.

Es ist egal, wie gut gebildet man ist oder welche Ideen oder herausragenden Fähigkeiten man hat. Wer es wagt, seine Stimme zu erheben, sieht sich sogleich mit seinen Feinden konfrontiert. Vorgesetzte und Kollegen, die weniger einfallsreich und kreativ sind als man selbst, werden fordern, dass man sich in der Schafherde unauffällig verhält. Sie fühlen sich entblößt, denn neue Ideen könnten das eiserne Fließband bedrohen, das häufig zum Erbringen mittelmäßiger Leistungen führt.

Tu es nicht, werde nicht funktional dumm

Möglicherweise ist es einfach unsere Gesellschaft, die nicht dazu in der Lage ist, mit Menschen zurechtzukommen, die zu kritischem, dynamischem und kreativem Denken fähig sind. Auch Unternehmen heißen den Funken der Innovation nicht willkommen. Funktionale Dummheit hat sich deshalb durchgesetzt, weil wir glauben, keine andere Wahl zu haben, als alles hinzunehmen, um bis ans Ende des Monats durchzukommen.

Die funktionale Dummheit, die vielen unserer sozialen Strukturen innewohnt, ist demnach von kompetenten und fähigen Personen durchsetzt, deren Jobs aber viel zu einfach sind. Wir könnten alle mehr geben, wenn die Bedingungen zu unserem Vorteil wären. Aber wir lösen uns komplett im Schwachsinn auf, um ein System aufrechtzuerhalten, das weiterhin besteht, das überlebt, das sich aber nicht weiterentwickelt. Und das ist kein guter Plan! Es ist kein guter Plan, weil wir uns unter diesen Bedingungen frustriert und vor allem unglücklich fühlen.

Probleme, über die es nachzudenken gilt

Mats Alvesson und André Spicer, Autoren des bereits genannten Buches Das Paradox der Dummheit,  zeigen auf, dass dieses Problem aus vier Komponenten besteht:

  • Wir versuchen, es demjenigen recht zu machen, der in der Organisation über Macht verfügt.
  • Wir vermeiden es, Probleme zu verursachen und bestimmten Personen Dinge zu sagen, die sie nicht hören wollen.
  • Sehr häufig führt funktionale Dummheit dazu, dass es für uns so einigermaßen läuft – wir behalten unseren Job und werden akzeptiert.
  • Die große Mehrheit der heutigen Jobs verlangt nach diesen Merkmalen. Wenn man aufsteigen beziehungsweise überhaupt seinen Job behalten möchte, verhält man sich besser vorsichtig, untergeben und stellt nicht infrage, was vor sich geht.

Oft wird unser momentanes System als eine Wirtschaft beschrieben, die auf Innovation, Kreativität und Wissen aufbaut. Allerdings können wir ohne großes Risiko, uns dabei zu irren, behaupten, dass höchstens 20% der Unternehmen dies auch praktisch umsetzen. Was passiert dann mit all diesen fähigen Leuten? Mit all diesen Menschen, die bereit sind, ihr Bestes zu geben?

Möglichkeiten und Veränderungen

Wir verbringen einen Großteil unserer Schulzeit und unserer akademischen Laufbahn damit, nach dem Element zu suchen, das Sir Ken Robinson als die Dimension beschreiben würde, in der unsere natürlichen Begabungen und persönlichen Neigungen zusammenkommen, bis dann, wenn wir schließlich in die Arbeitswelt eintreten, alles wieder in die Brüche geht. Aufgeben geht nicht, und sich einfach einem anderen Zahnrad im Motor der Diskriminierung zu widmen, wird die Sache nicht wirklich vorantreiben.

Vielleicht muss der kreative Geist auch dahingehend gefördert werden, dass er mutig wird und die Initiative ergreift. Damit er Risiken einzugehen wagt und aus diesem altmodischen Kreislauf aussteigt, um neue Unternehmen ausfindig zu machen, die fähig sind, innovative Dienstleistungen für eine Gesellschaft anzubieten, die immer höhere Anforderungen stellt. Große Veränderungen stellen sich nicht über Nacht ein, sondern mit dem täglichen Flüstern, dem langsamen, aber stetigen Knirschen, das etwas Neuem und Unaufhaltbarem stets vorauseilt.

Bildmaterial teilweise aus “Modern Times” von Charles Chaplin (1936)