Die Chaostheorie – oder wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings alles verändert

· 12. November 2018

Wir alle kennen den sogenannten Schmetterlingseffekt. Diese Theorie ist Teil der Chaostherie, einem Gesetz nach James Yorke, das uns an etwas Wesentliches erinnert: Die Welt folgt keinem millimetrischen und vorhersehbaren Muster; ob wir wollen oder nicht, gibt es in unserem Leben auch Chaos, diesen Raum des Zufalls, in dem es unmöglich ist, die Wirkung bestimmter Ereignisse vorherzusagen.

Üblicherweise wird diese Theorie mit den ursprünglichsten Zweigen der Wissenschaft in Verbindung gebracht, mit der Mathematik und der Physik. Und nicht umsonst handelt es sich dabei um Grundlagenwissenschaften. Tatsächlich haben nur wenige Paradigmen einen so direkten Einfluss auf viele Bereiche unseres Lebens. Darüber hinaus fasst James Yorke selbst in einem einfachen Satz die Bedeutung seiner Theorie zusammen: Wir müssen jederzeit bereit sein, die Pläne zu ändern.“

„Im Leben ist es wichtig, flexibel zu sein. Ich plane nichts; ich bevorzuge es, zu entdecken.“

James Yorke, Vater der Chaostheorie

Nun gut, jeder hat sein gewisses Maß an Toleranz gegenüber der Unsicherheit. Über dieses Maß hinaus geht unser Gehirn jedoch in einen „Alarmmodus“ gegenüber dem, was passieren kann, über. Denn wir bevorzugen Stabilität, eine Welt, in der 2 + 2 = 4 ergibt und in der das, was uns umgibt und was wir heute besitzen, auch morgen noch bei uns sein wird. All das verleiht uns jenes emotionale Gleichgewicht, in dem wir es genießen können, alles unter Kontrolle zu haben.

Dann kommt die Chaostheorie dazwischen. Das Leben und der Lauf der Dinge folgen nicht dem rhythmischen und perfekten Gang einer Uhr. Das Unvorhersehbare und das Unkontrollierbare bleiben immer bestehen, können uns jederzeit erreichen. Sie sind wie dieses Damoklesschwert, das jeden Moment auf uns herabfallen könnte. Wie dieser Schmetterling, der heute in den Vereinigten Staaten aus seinem Kokon schlüpft und uns bald in Form einer Wirtschaftskrise erreicht. Wie diese weiße Kugel, die wir beim Billard treffen, welche die schwarze Kugel in eine ganz unerwartete Richtung treibt.

Pfeile, die in verschiedene Richtungen zeigen

Die Chaostheorie: Die Natur ist unvorhersehbar

Die Chaostheorie beschreibt in wenigen Worten, dass das Ergebnis eines Ereignisses von verschiedenen Variablen abhängig ist. Von denjenigen Variablen, deren Verhalten wir nicht immer mit absoluter Genauigkeit vorhersagen können. Es gibt immer Platz für Fehler, eine Lücke für den Zufall, für einen Flügelschlag, der alles im letzten Moment verändern kann. Denn manchmal erzeugt schon ein kleiner Unterschied einen Effekt großer Proportion, dessen markanter Stempel jedes chaotische System prägt.

Manche Leute sagen, dass die Chaostheorie einen der wunderbarsten Bereiche der Wissenschaften beschreibe. Sie sei jenes Forschungsgebiet, das versucht, das Verhalten von grundsätzlich unvorhersehbaren Systemen vorherzusagen. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass bis vor Kurzem der eigentliche Zweck der wissenschaftlichen Welt darin bestand, die Variable der „Ungewissheit“ zu eliminieren, um immer präzisere Vorhersagen treffen zu können. Nun, bei allem Fortschritt und aller Präzision, das Damoklesschwert hängt immer noch über uns.

Wir akzeptieren diesen Spielraum nur widerwillig, in dem der Zufall und die Unvorhersehbarkeit der Dinge jederzeit alles verändern können. Deshalb hat der Meteorologe und Mathematiker Edward Lorenz im Jahr 1961 versucht, ein Programm zur Vorhersage des Wetters zu schreiben. Bis ihm klar wurde, dass sich sein gesamtes Konzept aufgrund eines Rundungsfehlers vorhersehbar unberechenbar verhielt. Später würde ihm genau diese Erfahrung dazu dienen, den berühmten Schmetterlingseffekt zu prägen.

Chaostheorie - Figuren aus Licht

Das Chaos ist zwischen uns und in uns

Derartig chaotische Phänomene treten nicht nur in der Natur auf, nicht nur in Wettervorhersagen und der Biologie. Es gibt tatsächlich keinen Bereich des Lebens, der von diesem unvorhersehbaren Verhalten ausgenommen wäre.

Alles geht durch dieses Nadelöhr, durch das der Zufall und der goldene Faden der Unberechenbarkeit gefädelt werden. Es geschieht jeden Tag, ohne dass wir es in Ökonomie, in Thermodynamik, in Astronomie oder Psychologie beachten würden. Heute wissen wir, dass jede kleine Störung in unserem Gehirn, wie die Veränderung des Spiegels eines Neurotransmitters, zu drastischen Veränderungen in unserem gesamten Verhalten führen kann.

Darüber hinaus wirkt die Chaostheorie auch in der Psychiatrie. Wenn einem Patienten ein Medikament verabreicht wird, besteht etwa eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass die erreichte Wirkung dem erwarteten Effekt entgegengesetzt ist.

„Das leichte Flattern der Flügel eines Schmetterlings mag bis zur anderen Seite der Welt spürbar sein.“

Chinesisches Sprichwort

Wie können wir die Chaostheorie im Alltag nutzen?

Wir alle versuchen, in unserem Alltag das Chaos zu vermeiden. Nur so können wir uns sicher fühlen, nur so schaffen wir es, ein Leben zu führen, in dem uns das Vorhersehbare erlaubt, ohne Angst das Haus zu verlassen, in dem wir mit Vertrauen in die Zukunft blicken. Nun gut, so wie James Yorke, der Vater dieser Theorie, erklärt, sei es dennoch empfehlenswert, jederzeit bereit zu sein, seine Pläne zu ändern. 

In gewisser Weise hat dieses Prinzip viel mit einer anderen aktuellen Theorie zu tun. Wir sprechen hier vom Prinzip des „Schwarzen Schwans“, welches vom Essayist, Ökonom und Mathematiker Nassim Nicholas Taleb formuliert wurde. In seinem empfehlenswerten Buch, das den gleichen Titel wie seine Theorie trägt, erinnert er uns daran, dass wir oft einer Vision der Welt unterworfen seien, in der dem bloßen Auge alles vorhersehbar erscheine. Aber in einem bestimmten Moment erscheine dann etwas Seltsames, etwas Chaotisches. Dieses Ereignis, das wir nicht erwartet haben. Ein unvorhergesehenes Ereignis, das wir annehmen und rationalisieren müssen.

Kopf und Schmetterling aus Zahnrädern

Anstatt jedoch erst zu handeln, wenn dieses Chaos sich bereits vor uns ausgebreitet hat, wäre es ideal, darauf vorbereitet zu sein. James Yorke weist uns darauf hin, dass die Menschen, die große Erfolge und Glück erreichen, diejenigen sind, die immer einen Plan B in der Tasche haben. 

Lasst uns daran arbeiten, eine flexible Denkweise und einen Ansatz zu entwickeln, der sich nicht darauf beschränkt, auf die Ereignisse zu reagieren. Sondern diese mit Neugier und Akzeptanz anzunehmen. Denn sehr oft entstehen im Chaos auch Möglichkeiten. Auf das Unerwartete vorbereitet zu sein, hilft uns dabei, uns mit den Höhen und Tiefen des Lebens zu bewegen.