Was versteht man unter einer Verhaltenssucht?

13 Juni, 2020
Obwohl Menschen mit Verhaltenssüchten nicht von bestimmten Stoffen abhängig sind, können diese Süchte extrem gefährlich und schädlich sein. In diesem Artikel erläutern wir die häufigsten Verhaltenssüchte.
 

Was versteht man unter einer Verhaltenssucht? Bei Verhaltenssüchten sind keine Substanzen oder Medikamente im Spiel. Menschen, die unter Verhaltenssüchten leiden, erleben eine deutliche Abwärtsspirale in allen Lebensbereichen. Auf vielerlei Art und Weise sind Verhaltenssüchte einer Drogensucht oder substanzgebundenen Abhängigkeit sehr ähnlich, was ihre Ausprägungen und Auswirkungen angeht.

Gemäß einer Studie der Universität Madrid unter José de Sola Gutiérrez aus dem Jahr 2014 können die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Süchten folgendermaßen zusammengefasst werden:

  • Man wird süchtig nach Handlungen oder Aktivitäten, die auf eine bestimmte Weise Trost spenden oder Befriedigung schenken.
  • Man empfindet eine übermäßige Besorgnis gegenüber Handlungen, die einen gewissen positiven Nutzen mit sich bringen.
  • Die abhängige Person hat ein Gefühl von nur vorübergehender Befriedigung.
  • Es kommt zu einem Gefühl von Kontrollverlust, wobei die Häufigkeit der Durchführung oder der Handlungen kontinuierlich zunimmt.
 
  • Man hat Schwierigkeiten damit, derartige Handlungen oder Aktivitäten trotz der massiven negativen Auswirkungen zu stoppen oder zu vermeiden.

Die süchtige Person rutscht in einen Kreislauf hinein, den man mit den Schlagworten „Handlung/Verhalten – Abstinenz – Verlangen“ umschreiben kann. Das Suchtverhalten wird dabei zum Mittelpunkt des Lebens. Im Endergebnis dreht sich dann nahezu jede Verhaltensweise oder Handlung um die jeweilige Sucht.

Frau ist durch ihre Verhaltenssucht gestresst.

Der Unterschied zwischen substanzgebundener Abhängigkeit und Verhaltenssucht

Wie wir bereits sagten, teilen sich beide Süchte viele gemeinsame Kennzeichen. Sowohl chemische Süchte als auch Verhaltenssüchte führen zu Abhängigkeit, Entzugserscheinungen und Toleranzentwicklung. Wenn wir an die Behandlungsmethoden denken, müssen wir allerdings auch die hauptsächlichen Unterschiede berücksichtigen.

 

Der erste Unterschied findet sich bei den Entzugserscheinungen. Bei der chemischen Sucht verschwindet nach der Einnahme der Substanz gemäß ihrer physiologischen Natur die Entzugserscheinung. Bei Verhaltenssüchten verschwindet diese häufig nicht, selbst wenn die betroffene Person ihrem Suchtverhalten weiter folgt.

Der zweite Unterschied hängt mit der Komorbidität zwischen den Substanzen oder den Suchtquellen zusammen. Bei chemischen Süchten kommt es für gewöhnlich zum gleichzeitigen Konsum verschiedener Substanzen. Bei Verhaltenssüchten kommt die Kombination mehrerer Süchte für gewöhnlich nicht vor, wie zum Beispiel das gleichzeitige Auftreten von Spielsucht und Arbeitssucht.

Verhaltenssucht: Die gängigsten Arten

Pathologisches/Zwanghaftes Spielen (Spielsucht)

Die betroffene Person rutscht stufenweise in die Spielsucht hinein, wobei die gesetzten Beträge und die Häufigkeit des Spielens zunehmen. Wenn man die finanziellen Verluste, die sich aus der Spielsucht ergeben, mit der Spielsucht selbst kombiniert, dann kann sich die betroffene Person verschulden, was zu weiteren Problemen in finanzieller, arbeitstechnischer, familiärer und sogar rechtlicher Sicht führen kann.

 

Schließlich ergreifen oft Familienmitglieder oder die engsten Freunde die Initiative und müssen die betroffene Person dazu zwingen, sich helfen zu lassen.

Die neuen Spielarten im Internet machen es Leuten leichter, mit dem Spielen zu beginnen und es fortzuführen. Die Anzahl der Spielsüchtigen hat durch Online-Glücksspiele und Online-Wetten zugenommen. Dadurch wird auch die Behandlung dieser Sucht schwieriger.

Kaufsucht (Oniomanie)

Ein Kennzeichen der Kaufsucht ist der zwanghafte, impulsive und grundlose Erwerb von Produkten, für die kein Bedarf besteht. Obwohl es sich für gewöhnlich nicht um teure Produkte handelt, tätigen die betroffenen Menschen mehrere kleinere Einkäufe, die sie schließlich in finanzielle Schwierigkeiten bringen. In Industrieländern ist die Kaufsucht weit verbreitet. Erschwerend kommt hinzu, dass man Zahlungen per Kreditkarte sehr leicht tätigen kann, ohne dass tatsächliche Geldscheine übergeben werden müssen.

Arbeitssucht (Workaholism)

 

Fachleute definieren die Arbeitssucht durch die Stundenanzahl, die eine Person der Arbeit widmet, ohne einen wirklichen finanziellen oder anderweitigen Bedarf zu haben. Das Arbeitsleben steht bei betroffenen Personen an erster Stelle. Die Arbeit wird allen anderen Lebensbereichen vorgezogen. Man kann durch Arbeitssucht sogar sein Leben gefährden.

Workaholics gönnen sich keine freien Tage oder einen Urlaub. Wenn sie nicht arbeiten, treten bei ihnen die typischen Entzugserscheinungen auf. Die Arbeitssucht ist normalerweise in Industrieländern häufiger anzutreffen.

Sexsucht (Hypersexualität)

Diese Sucht wird kontrovers betrachtet, da wir hier zwischen Sucht und Verhalten unterscheiden müssen. Wenn eine Person die Kriterien erfüllt, die wir im ersten Abschnitt aufgezählt haben, kann eine Sexsucht bestätigt werden. Betroffene Personen leiden wirklich darunter, da durch das Ausleben sexueller Aktivitäten ihr Verlangen nicht nachlässt, sondern sie dazu bringt, diese sexuellen Aktivitäten wieder und wieder auszuüben.

 

Bildschirmsucht

Diese Sucht ist eine der sogenannten „neuen Abhängigkeiten“ und tritt vornehmlich bei Kindern und Jugendlichen auf. In Fachkreisen wurde sehr lange diskutiert, ob die Bildschirmsucht zu den Verhaltenssüchten zählen sollte oder nicht. Schlussendlich war man dazu in der Lage, die Bildschirmsucht ganz klar den Verhaltenssüchten zuzurechnen. Bei der Bildschirmsucht handelt es sich um den übermäßigen Gebrauch von:

  • Videospielen
  • Fernsehen
  • Sozialen Netzwerken
  • Internet
  • Computern
  • Mobilgeräten
Mann mit Verhaltenssucht (Bildschirmsucht).

Verhaltenssucht: Die Rolle der Konsumindustrie

Experten brauchten eine ganze Weile, um Verhaltenssüchte als eine ernsthafte Angelegenheit zu erkennen und sie wirklich als Süchte zu begreifen. Heutzutage stellen Verhaltenssüchte jedoch weiterhin ein kontroverses Thema dar, weil man sich nicht immer darüber im Klaren ist, was nun als Verhaltenssucht gilt und was nicht.

 

Daraus entsteht eine Art „moralisches Vakuum“ in einer Gesellschaft, die sich des Problems angesichts von Süchten ohne Substanzen nicht bewusst ist. Folglich nimmt das Leid immer weiter zu.

Es fällt so leicht, suchtfördernde Handlungen regelmäßig auszuüben. Am besten täglich und dabei sogar gleich mehrmals. Wir sind in Cafés oder Bars von Läden und Spielautomaten umgeben. Instagram ist nur einen Klick weit entfernt. Die flimmernde Mattscheibe ist allgegenwärtig.

Dies führt aber nur zu weiterem Konsumverhalten und spielt der Industrie in die Hände. Wir sind uns dessen sehr wohl bewusst. Folglich bringt die Industrie das Individuum mit unablässigen Werbekampagnen dazu, bestimmte Handlungen auszuführen. Handlungen, die sich allmählich immer schwieriger behandeln lassen.

Per Gesetz wurde verordnet, dass uns Werbefirmen über die Gefahren und die negativen Auswirkungen von Alkohol- und Tabakkonsum informieren müssen. Dazu kommt, dass auch Medikamente und sogar Fertigmahlzeiten mit Warnhinweisen versehen werden. Man weist dort auf mögliche Nebenwirkungen und Probleme hin, die sich durch den Konsum ergeben können. Außerdem müssen Firmen ihre Kunden darauf aufmerksam machen, beim Wetten Sinn und Verstand walten zu lassen.

 

Somit ist dies ein erster Schritt, der auf alle anderen Bereiche von Verhaltenssucht ausgeweitet werden könnte. Dann lässt sich mehr Bewusstsein für dieses Thema schaffen, das sich zunehmend in den Vordergrund drängt.

 
  • Brezing, C., Derevensky, J. L. y Potenza, M. N. (2010). Non-substance-addictive behaviors in youth: pathological gambling and problematic internet use. Child and Adolescent Psychiatric Clinics of North America, 19, 625-641.
  • Carbonell, X. (2014). La adicción a los videojuegos en el DSM-5. Adicciones, 26, 91-95.