Semantische Sättigung: Warum klingen vertraute Wörter nach häufiger Wiederholung fremd?

Wenn du ein Wort immer wieder wiederholst, verliert oder verändert es schließlich seine Bedeutung. Kinder haben an diesem einfachen Spiel viel Spaß, doch dieses Phänomen kann auch in Therapien zum Einsatz kommen. Erfahre mehr darüber!
Semantische Sättigung: Warum klingen vertraute Wörter nach häufiger Wiederholung fremd?

Letzte Aktualisierung: 06. September 2021

Kannst du dich an Kinderspiele zurückerinnern, bei denen bekannte Wörter so oft wiederholt werden, bis sie einen anderen Sinn annehmen oder diesen ganz verlieren? Aus “Neuron” wird dann “ron-Neu”,”Gurke” verwandelt sich in “ke-Gur”.  Dieses Phänomen nennt sich semantische Sättigung. Es handelt sich um ein klares und gleichzeitig kurioses Beispiel dafür, wie unser Gehirn funktioniert.

Der Begriff “semantische Sättigung” wurde in den 1960er Jahren geprägt und kommt seither bei klinischen Störungen wie Dysphemie (Stottern) zum Einsatz. In manchem Fällen kann die semantische Sättigung nützlich sein. Lies weiter, wenn du mehr darüber erfahren möchtest.

Wenn wir ein bekanntes Wort ständig wiederholen, entsteht Chaos in unserem Denkorgan.

Semantische Sättigung

Semantische Sättigung:  Warum hören sich bekannte Worte befremdlich an?

In den 1960er Jahren hielt Leon Jakobovits, ein Sprachpsychologe, an der McGill Universität einen interessanten Vortrag. Er wollte das Phänomen verstehen, warum die Wiederholung vertrauter Wörter dazu führt, dass sie ihre Bedeutung verlieren. Dieses Phänomen wurde schon früher untersucht und als Bedeutungshemmung (Herbert, 1824) oder geistige Ermüdung (Dodge, 1917) bezeichnet.

Um die Mechanismen dieser Erfahrung zu verstehen, wurden einer großen Gruppe von Schülern eine Reihe von kognitiven Aufgaben gestellt. Diese Forschungsarbeit aus dem Jahr 1964 ist immer noch im American Journal of Psychology zu finden und nach wie vor von großem Interesse für die Psycholinguistik.

Wissenschaftler konnten herausfinden, dass das Gehirn bei der Verarbeitung von Wörtern über zwei Mechanismen verfügt und einer davon für doe semantische Sättigung verantwortlich ist.

Vertraute Wörter und die zwei Wege des mentalen Lexikons

Wenn wir ein neues Wort lernen, speichert das Gehirn es über zwei Kanäle, die Bedeutung und Form entsprechen. Der letztgenannte Kanal verarbeitet den Klang und das Schriftbild des Wortes.

Der andere Kanal integriert das Wort entsprechend seiner Bedeutung, verknüpft es jedoch auch mit dem Betonung und der Schreibweise. Es handelt sich also nicht um zwei verschiedene neurologische Pfade, denn beide arbeiten eng zusammen.

Wenn wir allerdings ein Wort immer wieder wiederholen, passiert Folgendes:

  • Schnelle Wiederholungen führen dazu, dass die neurologische Aktivität in der peripheren sensomotorischen Region hyperaktiv wird.
  • Wenn du das Wort selbst aussprichst, hörst du dich gleichzeitig selbst. Durch die mehrmalige Wiederholung gelangst du in die “perzeptuelle Schleife”, das heißt, dass deine Laute immer wieder auf dein Gehör treffen und die Bedeutung des ausgesprochenen Wortes aktivieren. Dies führt schließlich zur neurologischen Erschöpfung.
  • Mit anderen Worten: Das Wiederholen und ständige Hören des Wortes überstimuliert die Neuronen, die dem Wort Sinn geben. Das bekannte Wort erscheint deshalb befremdlich, doch dieses Phänomen ist nur von kurzer Dauer.
semantische Sättigung

Die semantische Sättigung kommt in der Behandlung von Dysphemie zum Einsatz

Wir haben gesehen, dass die semantische Sättigung ein psychologisches Phänomen ist, bei dem die Wiederholung vertrauter Wörter allmählich dazu führt, dass die Person diese Begriffe als bloße Laute ohne Bedeutung verarbeitet. Was für viele nichts weiter als ein einfaches Spiel ist, wird von anderen als Technik zur Behandlung des Stotterns eingesetzt.

Dr. Leon A. Jakobovits hat nach der Prägung dieses Begriffs mehrere Untersuchungen durchgeführt, um herauszufinden, welche klinischen Anwendungen dieses Phänomen haben könnte. Als Experte auf dem Gebiet der Sprachschwierigkeiten und -störungen entdeckte er eine interessante Möglichkeit, die er schließlich 1966 in einer Arbeit veröffentlichte.

Die semantische Sättigung reduziert die Kommunikationsangst bei Menschen mit Dysphemie.

Der Psychologe stellte fest, dass seine Patienten durch die Wiederholung vertrauter Wörter die negativen Emotionen, die beim Sprechen ausgelöst werden, verringerten. Wenn eine Person seit vielen Jahren unter Stotterproblemen leidet, hat sie schließlich ein hohes Maß an Angst vor dem bloßen Kommunikationsprozess.

Eine Form der Therapie

Die Wiederholung der Wörter führte nicht nur zum momentanen Bedeutungsverlust, sondern reduzierte auch das Unbehagen und die Angst selbst. Es handelt sich dabei um eine Therapie, die der systematischen Desensibilisierung sehr ähnlich ist.

Diese Therapie basiert auf dem Ansatz der kognitiven Verhaltenstherapie und ermöglicht es, einen Zustand der Ruhe und Gewöhnung zu erreichen, nachdem die betroffene Person viele Male dem ängstlichen oder phobischen Fokus ausgesetzt wird. Wenn die Wörter wiederholt werden, haben sie nicht mehr die angstauslösende, negative Valenzkomponente.

Abschließend lässt sich sagen, dass dieses seltsame lexikalische und psychologische Phänomen, das zum vorübergehenden Bedeutungsverlust eines Wortes führt, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Wir haben auch gesehen, dass es bei verschiedenen klinischen Störungen hilfreich sein kann.

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